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Jan Bernhardt

Vortrag zum Begriff der Macht in Diskurs und Kommunikation bei Foucault und Luhmann

 

Die diesem Vortrag zugrunde liegende These lautet, dass Souveränität und politische Macht im modernen Staat zu- statt abgenommen haben. Die Frage ist, wie diese Behauptung erklärt werden kann angesichts des Umstands, dass sich staatliche Kompetenzen zunehmend auf supranationale Ebenen verlagern und der Staat zugleich mit einer steigenden Zahl von Aufgabenbereichen und Politikfeldern konfrontiert scheint. Meine These folgt aus der Annahme eines veränderten Konzepts von Souveränität, das politische Macht nicht in den Händen eines oder mehrerer politischer Akteure verortet, sondern als Mechanismus und Technologie gesellschaftlicher Ordnung begreift.

 

1. Einleitung und theoretischer Überblick

Zur Überprüfung meiner These vergleiche ich die Theorien Luhmanns und Foucaults miteinander, hinsichtlich ihrer erkenntnistheoretischen, methodologischen, begrifflichen sowie inhaltlichen Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei der Untersuchung des Phänomens der Macht. Dabei gliedere ich meinen Vortrag in fünf Teile.

Nach einem ersten Überblick beschäftige ich mich zunächst mit den bisherigen Erkenntnissen über den Machtbegriff in der politischen Theorie. Dabei grenze ich in meiner Betrachtung die Begriffe der Macht und des Politischen voneinander ab und beschreibe sie hinsichtlich ihrer Bedeutung in der normativ-ontologischen, der empirisch-analytischen, der Kritischen, sowie der (struktur-funktionalistischen) Systemtheorie. Der folgende Teil beschäftigt sich mit den Gegenentwürfen Luhmanns und Foucaults zum „klassischen“ Machtbegriff.

 

2. Der Machtbegriff bei Foucault

Foucault beschreibt in seiner Theorie der Gouvernementalität politische Macht als Führung der Führungen, die über die Verknüpfung von Denkweisen (Mentality) mit politischen Regierungstechniken (Government) erzeugt wird. Anhand der Generierung und gesellschaftlichen Kommunikation eines Wissens über die Merkmale der Bevölkerung werden Rationalitäten und Wahrheiten erzeugt, die mittels politischer Programme, Verfahren und Techniken Individuen zunehmend selbstverantwortlich führen.

Bereits Foucaults Untersuchungen zur Ordnung von Diskursen und der Disziplinierung des Individuums seit dem 17. Jahrhundert zeigen, wie sich gesellschaftlich kommunizierte Wahrheiten diskursiv selbst erzeugen und unter anderem in den wissenschaftlichen Disziplinen zunehmend selbstreferentielle Felder der Ordnung bilden. Die diskursive Ordnung wird durch Disziplinartechnologien (nicht-diskursive Praktiken) ergänzt, die ein systematisches Wissen über das Individuum bereitstellen und zugleich menschliches Handeln und Denken ständiger Kontrolle und Formung unterwerfen. Humanistisches Denken in Form milderer Strafen oder geregelter Erziehung ist somit laut Foucault die Ausdrucksform für eine veränderte, körperlich gewaltfreie Form der Macht. In der Normalisierungsgesellschaft regiert schließlich nicht eine einzelne Person oder der Staat, sondern die Rationalität eines sowohl diskursiv als auch nicht-diskursiv erzeugten Wissens, an der politische Führung sowie alle gesellschaftlichen Disziplinen anknüpfen können.

3. Der Begriff der politischen Macht bei Luhmann

Niklas Luhmann begreift das Soziale als System mit verschiedenen Teilsystemen. Jedes Teilsystem des Sozialen reproduziert sich anhand von Kommunikation, indem es mit Hilfe generalisierter Kommunikationsmedien aus einer Fülle von Kommunikationsmöglichkeiten einige für die systemeigene Kommunikation selektiert und andere nicht. Jedes System erhält sich somit selbst anhand der Differenzierung zwischen einem Innen und einem Außen. Luhmanns Systemtheorie begreift daher das Soziale moderner Gesellschaften auch nicht als Einheit wie Parsons, sondern als eine Fülle von funktional differenzierten, selbstreferentiell geschlossenen Systemen. Gesellschaft hat kein Zentrum mehr. Neben der selbstreferentiellen Abgeschlossenheit und der funktionalen Differenzierung haben Systeme bei Luhmann die Eigenschaft, Kausalität erst in der systemischen Reproduktion selbst zu erzeugen, denn es gibt keinen den Systemen äußeren feststehenden Referenzpunkt.

Luhmanns Denkweise hat folgende Auswirkungen auf die Konstitution politischer Macht: Das politische System ist bei Luhmann ein System unter vielen, dem zunächst unter systemtheoretischen Gesichtspunkten nur die Aufgabe zukommt, sich selbst zu erhalten. Darüber hinaus ist es nicht fähig, andere Systeme direkt zu steuern. Seine Selbststeuerung, beziehungsweise reproduktive Ausdifferenzierung erreicht es über das Kommunikationsmedium ‚Politische Macht’. Diese ist kein direkter, systemübergreifender Steuerungsmechanismus, sondern lediglich dazu da, kommunikative Selektion zu ermöglichen, vor allem über Drohmacht. Sie trägt so zur systemischen Ausdifferenzierung bei und ist somit Luhmann zufolge wichtiger Bestandteil moderner, funktional differenzierter Gesellschaften.

 

4. Diskussion

Luhmann und Foucault vereint ihre Ablehnung des Subjekts als feststehendem, unhinterfragbarem Ausgangspunkt von Erkenntnis. Deshalb lehnen sie auch die Existenz einer den Dingen inhärenten, vom Beobachter unabhängigen Wahrheit ab. Dass wahre Erkenntnis eine Konstruktion ist, versuchen beide anhand unterschiedlicher Methoden aufzudecken. Luhmann erklärt dies mithilfe seines ‚blinden Flecks’, der jeder innersystemischen Perspektive eigen ist, Foucault spürt mit Hilfe seiner Archäologie und Genealogie die ‚Brüche’ auf, an denen sich Rationalität als Konstrukt zu erkennen gibt.

Beide verstehen zudem Gesellschaft als etwas, das weder ‚Spitze und Zentrum’, noch einen ‚Kopf des Königs’ hat. Es gibt bei ihnen keine Person, Gruppe oder Institution, welche die politische Macht allein in Besitz hat. Macht ist vielmehr ein Mechanismus, der Rationalität, Sinn oder Wahrheit erzeugt und damit den Bestand gesellschaftlicher Ordnung, entweder in Form des ‚Feldes’ oder in Form des ‚Systems’ sichert. Dabei ist Macht vor allem bei Foucault etwas, das Gestalt und Wirkungsweise flexibel ändern kann.

Dennoch unterscheiden sich beide Autoren auch in entscheidenden Punkten voneinander.

Foucault kritisiert Macht als fundamentalen Aspekt individueller und kollektiver Unterwerfung unter eine bestimmte Rationalität. Luhmann hingegen kann aufgrund seiner Grundannahme über die Existenz von Systemen Macht nur noch systemimmanent kritisieren. Zudem verstärkt seine evolutionstheoretische, naturwissenschaftlich abgeleitete Sichtweise den Eindruck von einer unausweichlichen Vereinnahmung des Menschen durch die Funktionalität der Systeme. Bei Foucault hingegen deutet die Analyse der Macht als Produkt gesellschaftlicher Auseinandersetzungen auch auf mögliche Befreiungspotentiale hin.

Aufgrund dieser Punkte und dem daraus resultierenden Effekt, dass Macht bei Luhmann nur Hilfsmedium für die Erzeugung von Ordnung sein kann, das sich sogar in Gegenkreisläufen der Macht aufhebt, greift Luhmanns Machtbegriff zu kurz. Was Foucault als Macht angreift, wird bei Luhmann als Systemfunktionalität verharmlost.    

 

5. Schlussbetrachtung

Da Luhmann den Begriff der politischen Macht als Selektionsmechanismus nur auf die Formation des politischen Systems anwendet und Macht aufgrund von Gegenmacht sogar im Schwinden begriffen sieht, greift sein Verständnis politischer Macht im Vergleich zu Foucault zu kurz. Außerdem fehlt ihm die Fähigkeit, das System selbst zu kritisieren und zu diesem eine Gegenrationalität zu entwickeln. Das, was bei Foucault als Macht beschrieben wird, nämlich die Formation von Feldern der Ordnung, drückt Luhmann als Systemfunktionalität aus. Das Problem der Macht einer Ordnung verschiebt sich bei ihm in die Frage ihrer Kontrollmöglichkeiten. Luhmann verliert so sein systemkritisches Potential. Foucault und seine Nachfolger dagegen analysieren, wie sich Macht als spezifisch politische, wenn auch nicht staatsfixierte Macht, im Denken und Handeln jedes Menschen ausdehnt und ihn so zu einem Teil der Ordnung macht, in der er lebt.

Trotz dieser Einschränkungen in Luhmanns Konzept der Macht ermöglichen es sowohl System- als auch Diskurstheorie zu verstehen, wie sich Macht in modernen Gesellschaften immer weiter ausdifferenzieren und seine Wirkungsweise vertiefen kann: durch die Problematisierung des menschlichen Lebens, bzw. die zunehmende Kontingenz in einer ausdifferenzierten Gesellschaft. Politische Souveränität ist, wenn auch in anderer als der bisher beschriebenen Form, ungebrochen.