John Holloways Anti-Macht-Thesen und die Bedeutung
des Aufschreis gegen die Gewalt der Verhältnisse
Wenn kritische Wissenschaft z.B. auf der Basis der
Regulationstheorie (Joachim Hirsch) oder von Gramscis Hegemoniekonzept eine
Theorie über Gesellschaft entwickelt, die zeigt wie sich das bestehende
kapitalistische System immer wieder stabilisiert und reproduziert und
abweichende Äußerungen integriert, dann ist der Unterschied zum
wissenschaftlichen Mainstream nicht groß genug. Sie machen dann nur bessere
Analysen des Bestehenden ... und beziehen Ansatzpunkte für Veränderung
nicht ein und lassen keinen Raum für Hoffnung. Wir denken, kritische
WissenschaftlerInnen und Studierende, die zur Überwindung der bestehenden
Ordnung und ihrer Brutalität beitragen wollen und das ernst meinen (und dies
nicht nur diffus in die Zukunft verbannen oder die Idee aus vergangenen Zeiten
mit sich schleppen) sollten sich doch auf die Suche machen nach Konzepten, die
Gegenbewegungen und deren Einflussmöglichkeiten systematisch als Bestandteil
einer Gesellschaftstheorie entwickeln. Wir jedenfalls machen das und wir sind
dabei auf John Holloway getroffen.
John Holloway ist schon ungewöhnlich: Er ist
marxistischer Wissenschaftler und doch verbinden viele eher anarchistische Gedanken
mit seinen Ideen, er ist Theoretiker und Uni-Professor (in Mexiko Stadt), doch
er entwickelt seine Ideen aus der Diskussion mit der zapatistischen Bewegung
und präsentiert sie vor allem vor politischen AktivistInnen. Und nicht zuletzt
vertritt er mit einer Bestimmtheit die Berechtigung und die Notwendigkeit der
Revolution, wo andere entweder nichts anderes als kapitalistische Ordnung
denkbar finden oder den Revolutionsbegriff vermeiden, da er diskreditiert ist
durch gescheiterte Versuche und vereinfachende Weltbilder.
Er macht eine neue Interpretation von Marx und es ist
nötig sich von alten Marxismusbildern zu lösen um zu verstehen, wie anders sein
Rangehen ist. Was bei anderen Marxinterpretationen nur nebensächlich und eher
wie ein abgeschlossene Phase in der Anfangszeit der kapitalistischen
Produktionsweise zum Zwecke ihrer Durchsetzung auftaucht, stellt Holloway in
den Mittelpunkt: den Fetischismus. Dabei redet er i.d.R. von Fetischisierung
um die Prozesshaftigkeit zu verdeutlichen. Es ist ein fortwährender
Prozess der Subjektivierung und der Begriff Fetischisierung fasst bei Holloway
all die Trennungen, die gesellschaftliches Leben in der kapitalistischen
Ordnung ausmachen. Es ist die Entfremdung von dem, wo unsere Arbeitskraft
reinfließt, als Ware. Es sind aber auch all die Identitäten und Kategorien, mit
denen wir umgehen müssen: Frau sein, Mann sein, Migrantin sein, Deutscher sein,
Arbeitsloser, Hausfrau, Arbeiter(klasse) sein.... Damit wird Herrschaft
ermöglicht. Und Fetischisierung ist die Sprache und die Begriffsbildung in der
Wissenschaft. Es ist das Denken, das die Existenz der kapitalistischen
Gesellschaft als gegeben annimmt, ein Denken, das als seinen Horizont die Welt,
die ist, akzeptiert. „Fetischistisches Denken denkt in Begriffen, von dem was
ist, anstatt in Begriffen von dem was ist und nicht ist, in Begriffen der
Bewegung, in Begriffen des Tuns.“ (Holloway in einem Interview Ende 2003 In:
Heft zur Ausstellung ExArgentina: Schritte zur Flucht von der Arbeit zum Tun
6.3. – 16.3.2004)
In einer Auseinandersetzung mit Joachim Hirsch
(Politikprofessor in Frankfurt/Main), der Holloways Gedanken zur Negation, zum
Bruch mit dem Bestehenden unterstützt aber ergänzen möchte durch eine Analyse
der Reproduktionsformen des Kapitalismus, antwortet Holloway: „Negative Kritik
widerstetzt sich den Kategorien gesellschaftlichen Denkens und versucht zu
zeigen, dass es fetischisierte Kategorien sind, Kategorien, die die Macht
gesellschaftlichen Tuns verbergen. (...) Wenn wir diese Kategorien (als Grundlage
unserer genauen Analysen) benützen, ohne sie zu öffnen, ergänzen wir die
negative Kritik nicht, sondern negieren diese, haben aktiv an der Schließung
dieser Kategorien teil.“ (Holloway In: Das Argument 250/2003: 223-224) Hollway
sieht die Aufgabe kritischer Wissenschaft nicht darin die Wirklichkeit zu
verstehen, sondern deren Widersprüche , die er als Bestandteil des Kampfes zur
Veränderung der Welt begreift. Indem wir die Widersprüche verstehen, das
überall und alltäglich stattfinde Verweigern und auch menschliches Tun, das
nicht als Warendenken in Kosten/Nutzenkategorien funktioniert (Solidarität,
Liebe...), können wir die Schwäche des Kapitalismus begreifen. John Holloways
Anti-Macht bildet eine Theorie der Zerbrechlichkeit des Kapitalismus. Die
Existenz der Formen kapitalistischer Vergesellschaftung hängen von ihrer
dauernd erneuerten Konstituierung ab. „Die Identität (Ist-heit) des
Kapitalismus ist eine wirkliche Illusion (...) [, die] über die
Zerbrechlichkeit des Kapitalismus hinweg täuscht. Es scheint, dass der
Kapitalismus „ist“: aber der Kapitalismus „ist“ niemals, es ist immer ein
Kampf, um sich selbst zu konstituieren.“ (Holloway: Die Welt verändern ohne die
Macht zu übernehmen 2002: 121) Erst die Trennung der Existenz von der
Konstituierung schafft die scheinbare Stabilität, d.h. die Identität des
Kapitalismus. Deshalb ist das Hauptanliegen von Holloway genau diese
Abhängigkeit zu verdeutlichen. Er will damit über radikale Theorien der
Unterdrückung hinausgehen. Alles ist als Kampf um Objektivierung zu begreifen.
„Die Existenz des Geldes ist der Prozess seiner Konstituierung, ein tobender
Kampf.“ (Holloway 2002: 120) Weil die Verdinglichung ständig stattfindet und
weil wir ständig neu dabei mitmachen, bei unseren Spaltungen und weil unser
entfremdetes Tun die Basis dafür ist, dass alles so funktioniert, sind wir
enorm einflussreich und können auch alles verändern. Holloway hat ein Anliegen:
Er möchte Hoffnung machen und „revolutionäres Denken und Handeln retten“.
Unsere Bemühungen um Veränderung sind ein ständiger
Kampf gegen Identifizierungen/ Identitäten/ Kategorien, die uns beherrschbar
machen und mit denen wir die Herrschaft mitmachen. Identitäten machen das Leben
erträglicher und helfen auch den Schmerz zu ertragen, indem wir z.B. den Tod
Tausender Kinder an heilbaren Krankheiten mit der Identifikation eines „sie“
von uns fern gehalten wird. Holloway sieht die Abstumpfung unserer Gefühle als
eine Basis der Existenz des Kapitalismus. „Der Kommunismus ist die Bewegung der
Intensität gegen die Abstumpfung der Gefühle, welche die Gräuel des
Kapitalismus ermöglicht.“ (Holloway 2002: 124) Der Schrei erkennt den
gesellschaftlichen Schmerz an. Holloway stellt den Aufschrei an den Anfang, die
Empörung und das Nein-Sagen. Seine Analyse will die (Anti-)Macht der Menschen,
die nicht mehr mitmachen, hervorheben. Wenn wir unsere Subjektivität als
gespalten begreifen, bekommt der Schrei Sinn. Wir sind Subjekte, die schreien
und die sich fügen (die die Verhältnisse mit reproduzieren). Ein Begriff
von Revolution muss von den Verwirrungen und den Widersprüchen ausgehen, die
uns alle auseinanderreissen. „Alle gesellschaftliche Praxis ist ein
unaufhörlicher Antagonismus zwischen der Unterordnung der Praxis unter die
fetischisierten, verrückten, definierenden Formen des Kapitalismus und dem
Versuch, gegen diese Formen und jenseits dieser Formen zu leben.“ (Holloway
2002: 169)
Es dürfte bis hierhin schon klar geworden sein:
Revolution darf sich nicht als (Staats-) Machtübernahme vorgestellt werden,
sondern als Auflösung der Machtverhältnisse. Die Revolution kann auch keinen
Seinszustand bilden, sondern kann als unaufhörlich sich erneuerndes Ereignis
gedacht werden, ein unendlicher Prozess. Anti-Macht bedeutet, bestehende Formen
nicht zu reproduzieren im Aufbau von Gegenmacht. Anti-Macht unterscheidet
Holloway von Gegenmacht, die selber Macht einführt, um sich durchsetzen zu
können z.B. als Partei oder Armee. „Die Einführung in die Eroberung der Macht
wird zwangsweise zu einer Einführung in die Macht selbst. Die Eingeweihten
lernen die Sprache, Logik und Berechnung der Macht; sie lernen mit den
vollständig machtfixierten Kategorien der Sozialwissenschaft umzugehen.
Differenzen innerhalb der Organisation werden zu Machtkämpfen. Manipulation und
Beeinflussung werden zu einem Lebensstil.“ (ebd. S.26) Anti-Politik muss
deshalb neue Formen entwickeln, ein ständiges Experiment, um einen Kampf zu
führen, der sich in einer Weise fortentwickelt, die etwas komplett anderes ist
als das, wie bestehende Herrschaftsformen sich entwickeln und aufrechterhalten.
Dafür kann es keine Rezepte geben und die möchte Holloway auch erklärtermaßen
nicht geben. Er nennt seine Theorie auch eine Theorie der Ungewissheit.
Die Bedeutung von Holloways Anti-Macht-Thesen sehen
wir in ihrer praktischen Konsequenz zum einen für wissenschaftliches Arbeiten
und zum anderen für politische widerständige Praxis, die eine radikale
Gesellschaftsveränderung anstrebt. Sein Ansatz ist verbunden mit den
Diskussionen der zapatistischen Bewegung in Mexiko, ist sehr präsent in der
argentinischen, aufständischen Diskussion der letzten Jahre und findet
verstärktes Interesse auch in der deutschen linksradikalen Bewegung und darüber
hinaus.*
Politische Ansätze, die auf nicht-hierarchische Selbstorganisierung in sozialen
Bewegungen setzen, finden bei Holloway eine Bestärkung ihrer Politik, denn er
wendet das, was ihnen oft als Defizite ausgelegt wird und sie selbst
gelegentlich zweifeln läßt, zum berechtigten Konzept: keine realpolitischen
Alternativen zu haben, zu vielem nur Nein zu sagen, keinen konkreten Weg vor
Augen und keine universellen Konzepte zu haben. Mit einem Schrei, einem lauten
NEIN anzufangen ist bei Holloway ein guter Beginn und eine legitime
Politikform, weil diese Gesellschaft auf Zustimmung und Mitmachen baut.
Empörung auszudrücken ist wichtiger als eine reine Theorie der schlechten
Verhältnisse vorzulegen. Holloway vertritt, dass es ein wichtiger Ausgangpunkt
ist, die Zustände erst mal nur zu negieren und dann zu schauen, wie es weiter
geht. „Die Frage ist nicht so sehr, wie wir den Kapitalismus zerstören, sondern
vielmehr wie wir aufhören, ihn zu produzieren.“ (Holloway In: Das Argument
250/2003, S.225) Nicht nur als uns mit Wissenschaft Beschäftigende
(Studierende), sondern auch als politisch-praktisch Tätige, wollen wir in
Übereinstimmung mit Holloway uns nicht als Subjekte heraushalten (aus diesem
Text). Wir sind gesellschaftliche Wesen, die in all ihrer Zerrissenheit darum
kämpfen, soziale Praktiken leben zu können, die anderen Werten als denen des
Kapitals folgen. Deshalb sagen wir hier, uns ausdrücklich einbeziehend: Nur
durch unser Handeln, das neue Formen entwirft, können wir was erreichen. Wir
müssen dabei nicht, und wollen nicht, den Plan in der Tasche haben und alle Zusammenhänge
kapiert haben, um mit der Revolte anzufangen. Widerständiges Handeln und
Utopien sind möglich, trotz der Widersprüchlichkeiten, die uns alle
durchziehen, weil wir durch die Verhältnisse geprägt sind. Trotzdem ist es uns
möglich, durch Verweigerung und Rebellion die kreative Macht,
„gesellschaftliche Macht menschlichen Tuns“, freizusetzen.
* So fand im März 2004 z.B. eine Verstanstaltung mit Holloway in Berlin
mit ca. 500 Teilnehmenden statt, die die Antifaschistische Linke Berlin und
Attac Berlin organisiert hatten.