Abstracts (deutsch)



Johannes Angermüller (Paris 12, Universität Magdeburg)
Umrisse einer Theorie der diskursiven Konstitution von Macht: eine Lacan'sche Perspektive

Macht hierarchisiert den gesellschaftlichen Raum, indem sie nach dominierenden und dominierten Elementen und Positionen differenziert. Gleichzeitig scheint diese Hierarchisierung des gesellschaftlichen Raums der Konstitution von Subjektivität insofern zu Grunde zu liegen, als ein Machtzusammenhang immer in spezifischen "subjektiven" Brechungen wahrgenommen wird. Ist es angesichts der Vielzahl unterschiedlicher subjektiver Wahrnehmungen möglich, eine "objektive" Beschreibung der Macht zu geben? Ausgehend von einem Lacan'schen Subjekt- und Diskursmodell plädiert der Beitrag für einen reflexiven Zugang, der dem imaginären Charakter diskursiver Macht Rechnung tragen soll. Unterschiedliche Wahrnehmungen des Raums der Macht bezeichnen demnach keine leicht zu korrigierenden Fehler in der "subjektiven" Wahrnehmung eines "objektiven" Zusammenhangs. Sie verweisen vielmehr auf die diskursiven Existenzweisen der Subjekte selbst und damit auf die Frage, wie die Individuen "ihre" Subjektpositionen finden und dadurch diskursiv sichtbar werden. Diskursive Macht erlaubt den Subjekten, den gesellschaftlichen Raum in einer bestimmten imaginären Brechung wahrzunehmen und ihren imaginären Ort im Sozialen einzunehmen.




Arbeitskreis Gegenmacht
John Holloways Anti-Macht-Thesen und die Bedeutung des Aufschreis gegen die Gewalt der Verhältnisse

Wenn kritische Wissenschaft nur eine Theorie über Gesellschaft entwickelt, die zeigt wie sich das bestehende kapitalistische System immer wieder stabilisiert und reproduziert und abweichende Äußerungen integriert, dann ist der Unterschied zum wissenschaftlichen Mainstream nicht groß genug. Sie macht dann nur bessere Analysen des Bestehenden ... und beziehen Ansatzpunkte für Veränderung nicht ein und lassen keinen Raum für Hoffnung. Wir sind bei unserer Suche auf John Holloway, Professor für Politik in Mexiko-Stadt, getroffen, der mit seiner "Anti-Macht" ein Konzept entwickelt, das Gegenbewegungen und deren Einflussmöglichkeiten systematisch als Bestandteil einer Gesellschaftstheorie entwickelt.
Die Bedeutung von Holloways Anti-Macht-Thesen sehen wir in ihrer praktischen Konsequenz zum einen für wissenschaftliches Arbeiten und zum anderen für politische widerständige Praxis, die eine radikale Gesellschaftsveränderung anstrebt. Sein Ansatz ist verbunden mit den Diskussionen der zapatistischen Bewegung in Mexiko, ist sehr präsent in der argentinischen, aufständischen Diskussion der letzten Jahre und findet verstärktes Interesse auch in der deutschen linksradikalen Bewegung und darüber hinaus.
Holloway wendet zum berechtigten Konzept was oft als Defizite ausgelegt wird: keine realpolitischen Alternativen zu haben, zu vielem nur Nein zu sagen, keinen konkreten Weg vor Augen und keine universellen Konzepte zu haben. Mit einem Schrei, einem lauten NEIN anzufangen ist bei Holloway ein guter Beginn und eine legitime Politikform, weil diese Gesellschaft auf Zustimmung und Mitmachen baut. Empörung auszudrücken ist wichtiger als eine reine Theorie der schlechten Verhältnisse vorzulegen. "Die Frage ist nicht so sehr, wie wir den Kapitalismus zerstören, sondern vielmehr wie wir aufhören, ihn zu produzieren." (Holloway In: Das Argument 250/2003, S.225)




Ania Bakowski (Universität Frankfurt)
Ökonomien in innerstaatlichen Kriegen als neue Herausforderung für die Vereinten Nationen

Nicht nur im Rahmen der Diskussion um die "Neuen Kriege", auch im Kontext der Weltbank-Forschung wird die These vertreten, innerstaatliche Kriege würden nur noch des Profits wegen geführt, und dieser würde sie auch begründen. Von diesen Thesen möchte ich in absehen, obwohl auch mein Fokus auf der Ökonomie von innerstaatlichen Kriegen liegt. Ich gehe von der Beobachtung aus, dass sich in Fällen von Kriegen in schwachen Staaten eine effiziente Kriegsökonomie auf die Dauer dieser Kriege auswirken kann. Eine weitere Beobachtung, auf welcher meine Arbeit fußt, sind die Auswirkungen des Globalisierungsprozesses in wirtschaftlichen Räumen. Offene Märkte können einen wirtschaftlichen Zugang erleichtern und fehlende Kontrollen vereinfachen den illegalen Handel mit verschiedensten Waren und Ressourcen. Gerade in Staaten mit schwach ausgeprägtem oder nicht mehr vorhandenem Monopol der Gewalt ist es für Kriegsparteien besonders einfach, am Staat vorbei Handel zu treiben und sich zu versorgen. Ich beschränke mich auf Kriege, in welchen eine Partei über die Kontrolle von natürlichen, auf dem Weltmarkt sehr gefragten seltenen Ressourcen verfügt, und diese für die Finanzierung ihrer Kriegführung nutzt. Mein Anliegen ist es jedoch nicht, innerstaatliche Kriege zu erklären. Aus beiden Beobachtungen resultiert für mich die Frage, wie eine Verbindung der beiden auf eine mögliche externe Befriedung durch Maßnahmen der Vereinten Nationen einwirkt. Ich untersuche, wie die Vereinten Nationen bisher mit der Befriedung solcher Kriege umgegangen sind, und ob diese Instrumente den Konflikten gerecht werden. Anhand von zwei kleinen Fallstudien zu Angola und Kambodscha werde ich zeigen, welche neuen Mechanismen möglicherweise Anhaltspunkte für den Umgang mit solchen Kriegen anbieten..




Oliver Beenen (Universität Magdeburg)
Von der "Agenda für den Frieden" bis zum "Brahimi-Report" oder wie die Vereinten Nationen den Einsatz von Gewalt begründen

In dem Vortrag soll versucht werden, die Veränderungen in den Begründungen zum Einsatz von Gewalt durch die Vereinten Nationen in Friedenssicherungseinsätzen herauszustellen. Dabei wird auf begriffliche und politisch-konzeptionelle Veränderungen seit dem Ende des Ost-West Konflikts zu VN-Friedenssicherungsmissionen eingegangen. Die Veränderungen werden erstens an anhand der "Agenda für den Frieden" von 1992, die das Konzept der Friedenskonsolidierung beinhaltet, dargestellt und diskutiert. Zweitens wird auf die mit den Einsätzen in Bosnien und Somalia 1993 beginnende robuste Friedenssicherung eingegangen. Drittens werden die Konzepte aus dem "Milleniumsbericht" von Kofi Annan und dem "Brahimi-Report" aus dem Jahre 2000 dargestellt und diskutiert. Es wird die These entwickelt, dass, zugespitzt formuliert, die Begründungen zum Einsatz von Gewalt sich von `Gewalt als Ausnahme (Selbstverteidigung)` zu `Gewalt als Notwendigkeit (Erfolg der Mission)` verändert haben. Zudem wird kritisiert, dass in aktuellen Konzepten die Aufrechterhaltung ziviler Konfliktregelungsmaßnahmen zur Begründung zum Einsatz militärischer Gewalt herangezogen wird.




Jan Bernhardt (Philipps-Universität Marburg)
Die Macht der Ordnung - Politische Macht bei Michel Foucault und Niklas Luhmann

In der Politischen Theorie wird Macht zumeist als Ueber-/Unterordnungsverhaeltnis zwischen Personen, Gruppen, Klassen oder Institutionen verstanden. Selbst neuere Arbeiten, beispielsweise des Neo-Marxismus, bleiben dem akteurszentrierten Machtbegriff verbunden. Fuer sie ist Macht zwar ein vielschichtiges Phaenomen, welches sich beispielsweise in institutionalisierten Normen und Standards ausdrueckt. Dennoch liegen diesen Machtverhaeltnissen Klassengegensaetze zugrunde, also Kaempfe individualisierbarer Akteure. Von diesem Machtbegriff unterscheiden sich Luhmann und Foucault, indem sie nicht nach dem Machtverhaeltnis fragen, sondern den Mechanismus der Macht untersuchen. Sie setzen Macht zwischen Akteuren nicht voraus, sie fragen vielmehr nach deren Funktionsweise. Macht ist bei Foucault ein (diskursives) Feld, bei Luhmann ein Medium kommunikativer Ordnung. Damit kann Macht, auch politische, nicht laenger als ein Ding oder Besitz einer Person oder Institution angesehen werden. Sie liegt vielmehr jeder Kommunikation (Luhmann), jeder gesellschaftlichen Disziplin (Foucault) zugrunde und waechst an, je mehr sich Gesellschaft funktional ausdifferenziert, bzw. sich die Bereiche gesellschaftlicher Diskurse ausweiten. Daraus ergibt sich die These, dass politische Macht und (staatliche) Souveraenitaet in modernen Gesellschaften nicht gefaehrdet sind oder abzunehmen drohen, sondern dass es gerade Krisen, Kontingenzen und soziale/politische Problemlagen sind, welche politische Macht nach Luhmanns und Foucaults Verstaendnis festigen und erweitern.




Aron Buzogany (Eberhards-Karls Universität)
Gier vs. Groll? Die politische Ökonomie von internationalen Protektoraten im Kosovo und Bosnien-Herzegovina

Gegenwärtig wird die Debatte über innerstaatliche Konflikte von der greed vs. grievance (Gier vs. Groll) Dichotomie beherrscht, in der ökonomische und politische Motive idealtypisch einander gegenübergestellt werden. Dabei bietet die in den letzten Jahren stark zunehmende Forschung über ökonomische und kriminelle Aspekte vermeintlich ethnischer Konflikte wichtige Einsichten über Eskalation und Persistenz, aber auch Selektivität gewalttätiger Auseinandersetzungen.
Das Scheitern des titoistischen Modernisierungsprojektes in Jugoslawien, die darauffolgenden "Erbfolgekriege" und die Installation internationaler Protektorate in Bosnien-Herzegovina und Kosovo haben in beiden Fällen zu der Herausbildung einer ausgeprägten Konfliktökonomie geführt, dessen Gewinne aus der Schattenwirtschaft das Interesse an der Beibehaltung des ungelösten "status quo" nähren. Die wichtigste Ressource dabei ist die Schwäche der Staaten und die durch die informelle Internationalisierung transnationaler Netzwerke (wie Diasporagemeinschaften) oder den mißgeleiteten Folgen der Intervention externer Akteure (Internationale Organisationen, NROs) ermöglichte Überlebensfähigkeit einer mit der politischen Elite schon während des bewaffneten Kampfes oft symbiotisch verknüpften organisierten Kriminalität. Die einseitige Verteufelung der Rolle quasi - krimineller Strukturen führt allerdings oft zu einer teilweise unzureichenden und oft irreführenden Dichotomisierung der Ursachen für die Persistenz der Konflikte. Dabei wird oft übersehen, daß Kriminalität und Staatsbildung - glaubt man Charles Tilly - auch in der westeuropäischen Geschichte eng miteinander verknüpft sind und daß die Folgen solcher Aktivitäten in einer regionalen Perspektive ambivalenter bewertet werden müssen. Die Konfliktökonomie prägt während und nach den gewalttätigen Konflikten auch jenseits ethnischer Grenzen alle Lebensbereiche und sorgt neben einer maßlosen Bereicherung der herrschenden Elite in kleinem Maßstab für Überleben der verarmten Bevölkerung, die sonst kaum ihr Auskommen sichern könnte. Während die Etablierung der Konfliktökonomie durch die Transformation von Plan - zu Schattenwirtschaft ernste Hindernisse für nachhaltige Friedensregelungen darstellt, sind paradoxerweise auch einige aus der externen Intervention resultierenden Politiken der Propagierung "westlicher" ökonomischer und politischer Werte und Institutionen vor dem Hintergrund der lokalen Strukturen in ihren Folgen extrem ambivalent.
Insgesamt gilt, dass die einseitige Konzentration der Forschung auf das scheinbar ökonomisch zweckrationale Handeln in Konfliktregionen oft an ihre analytischen und empirischen Grenzen stößt und die Gefahr läuft, alle relevanten Akteure als "gierige Banditen" zu verkennen. Dabei spielen in verschiedenen Phasen der Konflikte auch "Identitätsmanager" eine wichtige Rolle die durch narrative Vermittlung und kulturelle Inszenierung ethnischer, lokaler Identitäten und der Konstruktion von Gewaltdiskurse für die Mobilisierung von Teilen der Bevölkerung sorgen können. Wie das an Fällen Kosovo und Bosnien-Herzegovina gezeigt werden soll, ist die Trennung zwischen "Identitätsmanager" und "Konfliktunternehmer", aber auch allgemeiner zwischen "Gier" und "Groll" letztlich lediglich analytischer Natur, denn sinnvolle Analysen müssen gleichzeitig ökonomische, soziopolitische und kulturelle Faktoren und deren ineinandergreifen berücksichtigen.




Tobias Denskus (FernUniversität Hagen/Institut für Frieden und Demokratie)
"Das Ganze ist weniger als die Summe der Teile" - Internationale Friedensförderung und die Rolle neoliberaler Diskurse

Irak oder Afghanistan sind gegenwärtig omni-präsente und -diskutierte Beispiele für die Rolle von internationalen Akteuren in Nach-Kriegsgesellschaften.
Seit dem Ende des Kalten Krieges lassen sich viele Beispiele finden, wie die 'internationale Gemeinschaft' (Internationale Organisationen, bilaterale öffentliche Geber, Nicht-Regierungsorganisationen) beim (Wieder)aufbau von Gesellschaften aktiv wurde. Peacebuilding entwickelte sich zu dem dominanten Instrumentarium, dass 'Frieden', 'Wohlstand' und 'Entwicklung' verspricht. Ob in Mozambique, El Salvador, Guatemala oder Timor-Leste, immer prägen ähnliche Diskurse, den (Wieder)aufbau von gesellschafts-politischen und wirtschaftlichen Institutionen. Ausgehend von einem neoliberalen Entwicklungsmodell wird versucht 'ent-politisierte Akteure auf Kurs zu bringen: Wahlen, die rasche Öffnung der Märkte und weitere wirtschaftspolitische 'Schock'-Therapien sind oft die Mittel um eine Gesellschaft nach 'westlichem' Vorbild aufzubauen, die sich dann widerspruchslos in globale Handels- und Politikströme einpasst. Dabei wird die Gewalt des (Bürger)krieges oft durch kriminelle oder mafiöse Gewalt abgelöst, die die Übergangsprozesse auf vielen gesellschaftlichen Ebenen begleiten.
Diskursanalyse als ein Instrument linguistischer Analyse die über Wort- und Textbedeutung hinausgeht, kann gezielt helfen, Diskurse in den Theorie- und Praxisüberlegungen der beteiligten Akteure offen zu legen.
Wie also sieht die 'Globale Kultur' der Friedensförderung aus und welche Akteure haben dabei einen besonderen Einfluss? Welche Rückschlüsse lassen sich für gegenwärtige oder kommende Konfliktherde ziehen und welche Rolle kann dabei die Friedensforschung spielen?





Johannes Dingler (Universität Münster / Zentrum für Umweltforschung)
Naturherrschaft und ökologische Krise als Dialektik der Moderne: zur Herrschaftsimmanenz des gesellschaftlichen Naturverhältnisses der Moderne

In dem Beitrag soll die These vertreten werden, dass das gesellschaftliche Naturverhältnis der Moderne ein Herrschaftsverhältnis darstellt, das bereits in den diskursiven Konzepten der Moderne immanent enthalten ist. Der Diskurs der Moderne stellt folglich einen Herrschaftsdiskurs dar, der die Herrschaft über die Natur als Voraussetzung der Überwindung gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse beinhaltet. Als dialektische Konsequenz der Herrschaft über die Natur ergeben sich schließlich Folgeschäden des Modernisierungsprozesses, die sich in der Zerstörung der Natur zeigen. Die ökologische Krise kann daher als eine Manifestation der Dialektik der Moderne interpretiert werden. Je moderner die Moderne wird, desto größer wird das Ausmaß ihrer Naturherrschaft und damit die Wahrscheinlichkeit ökologischer Krisentendenzen. Die ökologische Krise resultiert also nicht aus einem Mangel an Moderne, sondern aus ihrer Verwirklichung. Im zweiten Teil des Beitrags wird schließlich argumentiert, dass das vorherrschende Konzept der nachhaltigen Entwicklung, das beabsichtigt, die Folgeschäden des Modernisierungsprozesses zu beheben, ein Konzept der Moderne darstellt, das jene diskursiven Strukturen reproduziert, die selbst zur krisenhaften Dialektik der Moderne führen. Nachhaltige Entwicklung strebt daher kein Ende der Herrschaft über die Natur an, vielmehr soll diese Herrschaft effizienter und rationaler gestaltet werden. Nachhaltige Entwicklung ist deshalb ein Herrschaftsdiskurs mit dem Zweck der Stabilisierung der Herrschaft über die Natur. Das Konzept zielt also nicht auf die Befreiung von Herrschaft, sondern auf Herrschaftssicherung.




Susanne Düwell (Bonn)
Die Gewalt der Masse in Elfriede Jelineks "Sportstück"

Es soll gezeigt werden, wie Jelinek in ihrem Sportstück Canettis Gewaltanalyse adaptiert, um die Kontinuität faschistischer Gewalt im 20. Jahrhundert. Der zentrale Intertext für Jelineks Drama ist Canettis These über die Funktion des Sportes als Substitut des Krieges in Masse und Macht.
Sowohl Canettis Konstruktion als auch Jelineks Adaption sind gekennzeichnet durch die Zuspitzung der Darstellung gesellschaftlicher Verhältnisse als Kampf auf Leben und Tod. Das Modell bleibt beschränkt auf den Naturzustand des archaischen Kampfes aller gegen alle, der keine Transformation erfährt, sondern auf Dauer besteht unabhängig von Staats- und Gesellschaftsformen. Die Masse bietet die Möglichkeit der zeitweiligen Aufhebung der physischen Distanz und des Ausagierens archaischer Reaktionsmuster.
Zwischen Gewalt und Macht besteht in diesem Modell kein qualitativer Unterschied. Weder ist der Ansatz Canettis dazu geeignet komplexe Formen von gesellschaftlichem Leben zu analysieren noch ist seine Argumentation im Einzelnen konsistent. Jedoch ist er aufgrund seiner radikalen Zuspitzung und Reduktion als Intertext für Jelinek attraktiv. Canettis Modell der Doppelmasse ﷓ in dem Frauen und Männer, Tote und Lebende, Freund und Feind antagonistisch gegeneinanderstehen - verknüpft Jelinek mit literarischer Mythenrezeption, vor allem Kleists Penthesilea und Hofmannsthals Elektra. Beide Dramen stimmen darin überein, dass die von Canetti beschriebenen Formen der Doppelmassen miteinander korreliert werden. Die Herleitung von Krieg und Gewalt aus animalischen Instinkten, auf der Canettis Machtanalyse basiert, ist insofern konstitutiv für die Mythenrezeption als die Differenz zwischen Mensch und Tier im Opfer und im Morden permanent aufgehoben wird. Aus beiden Texten spricht jedoch eine Faszination beider Autoren für diese atavistischen Formen von Gewalt. So bietet Canettis Text nicht nur eine Vorlage zur literarischen Inszenierung von Gewaltexzessen im 20. Jahrhundert, sondern auch zur Entlarvung eines literarischen Diskurses der Gewaltfaszination. Diese kritische Stoßrichtung wird auch gegen Canettis Text selbst gewendet.
Jelineks sprachkritische Position steht der Vorstellung, die Sprache selbst sei "unschuldig" und werde nur im Gebrauch von Menschen missbraucht diametral entgegen. Durch die reduktionistische Montage von Diskursfragmenten und den Verzicht auf Psychologisierung tritt die Kontinuität von Gewalt in aktuellen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen hervor.




Katharina Gajdukowa (Philipps-Universität Marburg)
Erfurt und sein Attentäter- die Debatte um Ines Geipels Amok-Buch

Der Konflikt um die Deutungshoheit über den Erfurter Schulmord von 2002 lässt sich als Konflikt zwischen der geschlossenen öffentlichen Erfurter Erinnerungsgesellschaft und der Konstruktion von Kollektivschuld beschreiben. Letzteres macht Ines Geipel mit ihrem jüngst erschienenen Buch "Für heute reichts. Amok in Erfurt". Welche Konsequenzen hat das für die Bearbeitung des Traumas? Welche Perspektiven kann dagegen eine Traumapädagogik bieten, die Gewalt nicht als sinnlos begreift, sondern im sozialen und historischem Kontext verortet?




Heike Gleibs (Universität Lüneburg)
Von Malinches und Maquilas? Geschlechterkonstruktionen und Gewalt in Ciudad Juárez. Eine diskursanalytische Untersuchung zum Femizid in Nordmexiko 1993-2003

Seit 1993 sind in Ciudad Juárez/Mexiko 370 Frauen ermordet aufgefunden worden. Viele von ihnen wurden vergewaltigt und in der Wüste verscharrt. In meiner Magisterarbeit will ich den Zusammenhang zwischen Geschlechterkonstruktionen und Gewaltverhältnissen diskurs- und gendertheoretisch betrachten. Eine These meinerseits ist in Anlehnung an Judith Butler, dass Diskurse in ihrer Beschreibung von Gewalt, diese auch produzieren, wobei im Bezug auf Geschlechterkonstruktionen, die Kategorie Geschlecht als "ein Prinzip der Intelligibilität und Regulierung" betrachtet werden kann, "das eine Gewalt durchsetzt und im Nachhinein rationalisiert". Hegemoniale Diskurse normalisieren die ungeheuerliche Gewalt in Juárez, indem sie diese simplifizieren und an naturalisierende Diskurse, wie oben beschrieben, koppeln. Frauen wird unterstellt, außerhalb ihrer häuslichen Umgebung in den Strassen aktiv auf der Suche nach Gefahr zu sein, wenn sie in fremde Autos steigen oder alleine durch dunkle Gassen laufen. Wird Gewalt als eine logische Folge der Inszenierung von Geschlecht konstruiert? Zumindest wird sie in Juárez als unausweichlich dargestellt, wenn z.B. Jesús Chito Solís, Staatsanwalt des Bundestaates Chihuahua erklärt, Frauenmorde könnten wie Autodiebstähle nicht verhindert werden.
Ich begebe mich auf die Suche nach den Produktionsbedingungen solcher Vorstellungen und frage z.B., wie der hegemoniale Diskurs über die Gewalt in Juárez, eine wie auch oben zu beobachtende Differenzierung zwischen Gewalt im öffentlichen Raum und Gewalt in der Familie betreibt bzw. häusliche Gewalt aus dem Diskurs ausklammert. Wie Opfer und Täter von Gewalt stereotypisiert werden "todas eran vagas y hasta prostitutas", um das Problem struktureller Gewaltverhältnisse auf eine Gruppe stigmatisierter Anderer zu reduzieren oder mittels eines naturalisierten (Gewalt-) Verhältnisses zwischen Männern und Frauen zu vereinfachen.




Christoph Görg (J.W.Goethe Universität Frankfurt)
Hegemonie und Krieg

Hegemonie ist, nach einer Definition Antonio Gramscis, "Führung gepanzert mit Zwang". Um aber zu verstehen, wie genau die diskursive Produktion von Zustimmung und die gewaltförmige Absicherung sozialer Herrschaftsverhältnisse zusammenspielen, bedarf es der genauen Analyse konkreter gesellschaftlicher Verhältnisse. Ganz besonders gilt dies angesichts einer Übertragung gramscianischer Kategorien auf die internationale Ebene. Im Vortrag sollen neogramscianisch orientierte Analysen der Neuen Weltordnung im Hinblick auf eine Erklärung der Situation nach dem 11.September 2001 und der Kriege in Afghanistan und Irak vorgestellt und kritisch diskutiert werden. Dabei soll besonders der Frage nachgegangen werden, wie die diskursive Hegemonie neoliberaler Denkmuster, die Dominanz bzw. Hegemonie der USA sowie der "Clash of Globalizations" (S.Gill) und das Aufbrechen der Widersprüche neoliberaler Globalisierung zusammenspielen. Entgegen der These, dass nach dem 11.09. die derzeitige Regierung der USA Tendenzen zu Ausbildung eines Welthegemons verfolge, sollen die Widersprüche zwischen diskursiven, ökonomischen und politisch-institutionellen Prozessen und die Krisen der neoliberal geprägten Weltordnung in diskursiver wie institutioneller Hinsicht herausgearbeitet werden.




Marcus Grätsch (FU Berlin)
Vom Irrlicht des Krieges zur Ausgeburt der Weltpolitik

Mit der Konstruktion des Anderen wird ein Krieg der Ethnien herangezogen und heraufbeschwört. Diesen scheinbar mittlerweile als Allgemeinplatz geltenden Satz (vor allem, aber nicht nur, in Bezug auf den Bosnien-Krieg) gilt es in dem Forschungsvorhaben näher zu durchleuchten.
Wieder eingeworfen in die Wahrheitsspielmaschine sollen anhand einiger zentraler Begriffe (staat, die anderen, humanismus, vernunft, wahrheit, Krieg) deren diskursive Konstruktion, samt den hinter diesen Masken liegenden Gegenständen und Menschengruppen in eine andere Ordnung der Dinge gebracht werden.
Zunächst wird dabei eine Blaupause der Wahrheitsspielmaschine dargelegt die in groben Umrissen Elemente neo-gramscianischer und post-strukturalistischer IB Theoriebildung enthält.
Um die Maschine von der Konstruktion in die Produktion zu bringen und zu sehen was sie auswirft, muß für eine Arbeit die einen begrenzten Rahmen und Ressourcen hat, einiges zurechtgestutzt werden. Dazu werden Methodologische und Methodische überlegungen den Grobschnitt verteidigen.
So ausgestattet geht es in den Schlamm der Schlacht, bei dem aus der Mitte einer Gesellschaft, beobachtet und unterstützt von vielen Augen und Händen der Welt, wiedermal ein Irrlicht hervortritt das Morden lässt, soziale Kräfte durcheinanderwirbelt, staaten umformt und die welt ordnung in ihrer herrschaftsförmigkeit neu justiert und somit die Politik, als Forsetzung des Krieges mit anderen Mitteln, ändert.




Annett Herrmann (Universität Münster)
Temporale Aspekte gesellschaftlicher Hegemonieansprüche: Zeitkonzepte zwischen Herrschaft und Emanzipationsbestrebungen

In dem Beitrag soll die These vertreten werden, dass gesellschaftlichen Macht- und Ungleichheitsverhältnissen eine häufig übersehene Zeitstruktur inne wohnt. Zeitliche Vorgaben im Arbeitsprozess, Fremdbestimmung der Zeiteinteilung im Tages- und Wochenablauf und die quantitative Festlegung von Arbeitszeit an der gesamten Lebenszeit sind Tentakeln der Zeitherrschaft. Zeit ist eine soziale Kategorie und hat spezifisch soziale Dimensionen. In der Moderne wird Zeit standardisiert. Die Dauer eines Ereignisses wird zu einer bestimmten Quantität physikalisch definierter Zeit. Dadurch werden Lage und Dauer von unterschiedlichen Vorgängen einer bestimmten Zeitstelle und Zeitdauer zugeordnet und durch Standardisierung prinzipiell synchronisierbar. Durch Übereinstimmung der Zeitmessung an verschiedenen Orten gilt dies global. So entsteht in der Zeittheoriedebatte das Konzept der "Weltzeit", das der Ökonomisierung von Zeit und dem Homogenisierungsprojekt von Globalisierung entspricht. Die "Weltzeit" wird als Zeitkonzept universalisiert, so dass Herrschaftsstrukturen aufgebaut, sowie aufrechterhalten und verschiedene Zeitkonzepte, die parallel existieren, zurückgedrängt werden.




Alfred Hirsch (Universität Duisburg-Essen)
Das vernünftige Subjekt der Gewalt

Mit der beginnenden Neuzeit und den Vorwehen einer kommenden aufklärerischen Vernunft wird Gewalt aus ihren natürlichen, religiösen und mythischen Bindungen herausgelöst und zum Mittel politischen, sozialen und institutionellen Handelns erklärt. Als solches Mittel in den Händen vernünftiger Subjekte konnte sie dann im Verlaufe der Aufklärung auch als zweckmäßiges und notwendiges Mittel zur Befreiung von ererbten und angestammten Unterdrückungsverhältnissen gegen dieselben politischen und sozialen Institutionen in Anschlag gebracht werden, die das Mittel der Gewalt zur Befriedung der abendländischen Kultur reklamierten. die eigene Gewalt wird 'hüben wie drüben' zur 'guten' Gewalt erklärt, vorrangig dem Horizont einer zukünftigen Befriedung verpflichtet, die sich gegen eine 'schlechte' fremde, barbarische, unordentliche, natürliche etc. Gewalt wendet. Die diskursive Konstruktion dieses Kontextes soll in einer konzentrierten Auseinandersetzung mit Hobbes und Kant freigelegt werden.





Annette Huland (Universität Leipzig)
Frauenhandel und Abschiebungspolitik in der EU

Frauenhandel wird in den gesellschaftlichen und politischen Diskursen mit verschiedenen Deutungen und Handlungsimperativen belegt. Zum einen gelten die gehandelten Frauen als Täterinnen im Sinne des Ausländerrechts, die es abzuschieben gilt. Zum anderen sollen die Frauen als Zeuginnen im Kampf gegen das international organisierte Verbrechen gewonnen werden. Als eine dritte, bisher oft ungenutzte Deutung, könnten die Frauen vorwiegend als Opfer eines Verbrechens gesehen werden, welches in der patriarchalen Gesellschaft sowohl des Herkunfts- als auch des Ziellandes eingebettet ist. Die gravierende Verletzung der Menschenrechte und Menschenwürde wird oft nicht hinreichend gewürdigt, der entsprechende Schutz wird den Frauen verwehrt. Aus feministischer, post-positivistischer, politikwissenschaftlicher Perspektive stelle ich die Frage nach den in der Gesellschaft vorherrschenden Geschlechterrollen und Rollenzuschreibungen, die im Problemfeld Frauenhandel wirksam werden und die die systematische Gewalt gegen Frauen z. B. in der Zwangsprostitution begünstigen. Ich analysiere die bewussten und unbewussten Grundannahmen in ihrer Auswirkung auf die soziale und politische Praxis, insbesondere die männlichen und weiblichen Geschlechterrollen und den Dualismus von Innen und Außen. Ich suche Gründe für die Unentschlossenheit und Ineffizienz in der Bekämpfung des Frauenhandels. Dabei versuche ich, sprachlich normalisierte Herrschafts- bzw. Machtverhältnisse und die Einteilung der Wirklichkeit in binäre, hierarchische Gegensätze im Bereich Frauenhandel und Abschiebungspolitik aufzudecken.



Torsten Jurasik (Universität Magdeburg)
Der konstruktivistische Ansatz von Alexander Wendt. Ein hegemonialer Versuch Willfährigkeit und Fügsamkeit zu konstituieren

Der Vortrag behandelt Herrschafts- und Ungleichheitsverhältnisse in der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Insbesondere der hegemoniale Typus soll dabei angesprochen werden. Den Anfang bildet ein Stück von Bertolt Brecht mit dem Titel Leben des Galilei. In diesem Stück werden historische Ereignisse und literarische Fiktion miteinander verknüpft. Im Mittelpunkt des Stücks steht Brechts Angaben zufolge die Willfährigkeit und Fügsamkeit des Protagonisten Galileis. Mit diesem Verhalten rechnet die Obrigkeit in Gestalt der Kirche, weil deren Vertreter ihre Handlungen nach Erfahrungen ausrichten. Die Willfährigkeit von Galilei ist nicht seiner Unwissenheit geschuldet, sondern seiner Schwierigkeit politische Alternativen zur dominierenden Sichtweise zu formulieren. Letztlich wird ebenso seine wissenschaftliche Alternative unter der Androhung von Folter zurückgedrängt. Brecht notiert in diesem Zusammenhang das Ineinandergreifen von Wissenschaft und Politik.
Beide Dimensionen sollen in der Arbeit von Alexander Wendt aufgezeigt werden. Er gilt als einer der herausragenden Vertreter des Konstruktivismus in den Internationalen Beziehungen. Im ersten Abschnitt wird sich dem wissenschaftsphilosophischen und -theoretischen Standpunkt zugewendet, den er im "scientific realism" (wissenschaftlicher Realismus) verortet. Im Zentrum wird die Annahme einer gemeinsamen Konstitution von Akteuren und Strukturen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit und deren notwendigen Bedingung im angesprochenen Standpunkt stehen. Beide Punkte spricht Wendt in seinen Arbeiten an. Unter die Lupe soll ihr Verhältnis zueinander genommen werden. Ergänzen sich beide Punkte, schließen sich beide Punkte aus oder gibt es noch weitere Antworten bei dieser Problemstellung. Im nächsten Abschnitt wird die politische Dimension angesprochen. Dabei wird in erster Linie die (Un)gleichheit zwischen Staaten in den internationalen Beziehungen behandelt. Dabei sollen die Antworten der wissenschaftlichen Dimension Eingang finden. Wie können sich Staaten zueinander verhalten, wenn das Verhältnis von oben genannter Annahme und Standpunkt hinzukommt? Zum Abschluss des Vortrags soll ein kurzes Beispiel die Willfährigkeit und Fügsamkeit verdeutlichen helfen, mit denen die wissenschaftliche und die politische Dimension in der Arbeit von Wendt zusammenfließen können.


Jens Kastner (Universität Münster)
Staat und kulturelle Produktion. Theoretische Überlegungen zum Zusammenhang von symbolischer Exklusion und sozialer Ungleichheit

Mit der Herausbildung der Autonomie des künstlerischen Feldes zum Ende des 19.Jahrhunderts und der Ausbildung der Wissenschaften, die sich diesem Feld widmen, geht die Ausblendung der Frage staatlicher Macht einher. Die Kulturwissenschaften, die Kunst- und die Kultursoziologie, sowie auch weite Teile der Cultural Studies haben sich diesem Thema aus programmatischen Gründen nicht, oder nur am Rande gewidmet. Mit der kulturtheoretischen Wende reagierten die Sozialwissenschaften auf die Bedeutung des Repräsentierten in der kulturellen Reproduktion sozialer Ungleichheit. Kultur wurde nicht mehr als die Summe von Normen, Werten und Werken einer Nation bzw. eines Nationalstaates begriffen, sondern als Ensemble von Symbolen, Ritualen und Praktiken. Damit konnte einerseits davon abgesehen werden, die nationalstaatliche Matrix von Kultur durch die Kultur- und Sozialwissenschaften fortzuschreiben. Andererseits aber blieb der Zusammenhang von Staat und Kultur theoretisch unterbelichtet.
Unter Einbeziehung staatstheoretischer sowie diskursanalytischer Ansätze Überlegungen zu einem adäquaten Verständnis dieses Zusammenhangs anzustellen - ausgehend von der Hypothese der Vernachlässigung staatlicher Macht - ist das Anliegen dieses Beitrages. Zunächst ist dabei auf die symbolische Produktion sozialer Ungleichheit abzuheben. Mit Klaus Eder ist davon auszugehen, dass symbolische Formen soziale Ungleichheit nicht nur repräsentieren, sondern auch reproduzieren. Zweitens muss der Staat als Bank oder Treuhänder für symbolisches Kapital begriffen werden, der, wie Pierre Bourdieu gezeigt hat, für die Transaktionen kulturellen Kapitals bürgt. Drittens ist dann die staatliche und kulturelle Produktion von Ausgrenzung zu thematisieren. Im Mittelpunkt dieser Thematisierung steht die Produktion ethnifizierender Effekte.
Entgegen der Annahme eines allgemeinen Einflussverlustes des Staates unter neoliberalen Bedingungen soll die These vertreten werden, dass die Existenz einer neoliberalen Hegemonie in den westlichen Industriestaaten zu neuen Formen von Ausgrenzung, respektive rassistischer Herrschaft führt, bei deren Genese und Struktur der Staat über die Produktion ethnifizierender Effekte eine entscheidende Rolle spielt.




Mona Kleine (Georg-August-Universität Göttingen)
Verhältnis von Macht und Gewalt: Als letztes Mittel - Folter als Thema der Soziologie

Dieser Beitrag soll als Versuch verstanden werden, den Ansatz meines Promotionsprojekts GEGENLÄUFIGE DISKURSE. Zur Kritik soziologischer Gewaltanalysen (Arbeitstitel) an einem konkreten Beispiel darzustellen: der Folter als spezifisches Gewalt- und Machtphänomen. Dabei wird der Gewalt, genauer, der Beschäftigung der Soziologie mit dieser, eine katalysatorische Wirkung zugeschrieben: Immer auch treffen Gewaltanalysen in der Soziologie - neben Erkenntnissen über die Gewaltphänomene selbst - Aussagen zum (Zu-)Stand der Wissenschaft. Zusammengefasst: Welcher soziologische Ansatz kann welche Aussage über welche Art von Gewaltphänomenen treffen, zu welchen Kosten und Gewinnen tut er dies?
Folter als Gewalt-Phänomen soll nun entlang zweier zentraler, gegenläufiger Diskurse analysiert werden. Einmal wird Gewalt als Gegenstand konstruktivistischer Interpretationsprozesse (z.B. innerhalb Definitions-, Normalisierungs-, Dramatisierungs-, Wahrnehmungsprozesse) begriffen, die es in ihrer Wirkmächtigkeit zu analysieren gilt. Hierbei wäre bezüglich der Folter beispielsweise zu fragen, wie diese Gewaltform begrifflich und inhaltlich zu bestimmen ist, ob und inwiefern sich Folterbegriffe wandeln, in welchen historischen/gegenwärtigen Bedingungen Folter als Herrschaftsinstrument auftaucht(e), etc.
Der anthropologisch fundierte Gegenentwurf sogenannter "innovativer" Gewaltforscher (W. Sofsky et.al.) fasst Gewalt, im konkreten Fall Folter, als unausweichliche, materielle Möglichkeit, letztlich als anthropologische Konstante. Er stellt die soziologischen Instrumentarien (z.B. soziale Grundbegriffe wie Interaktion, Handlung u.a.) aber auch das grundlegende Selbstverständnis der (zunehmend) gewaltfreien Moderne in Frage. Ist ein Geschehen wie Folter überhaupt in soziologischen Kategorien zu fassen, oder muss insbesondere diese Wissenschaft mit ihren Mitteln zwangsläufig blind gegenüber dem "Wesen" der Gewalt bleiben? Schließlich sollen diese beiden soziologischen Gewaltforschungsstränge unter der oben genannten Fragestellung zusammengeführt und zur Diskussion gestellt werden. Selbstverständnis sowie Kritik der soziologischen Disziplin sollen dabei im Mittelpunkt stehen.




Michael Kleinen (Otto-von-Guericke Universität Magdeburg)
Vom barbarischen Berserker zum miles christianus - Zur Veränderungen der Feindbildkonstruktion in den Kriegsdiskursen früh- und hochmittelalterlicher erzählender Quellen.

Die Mittelalterforschung geht davon aus, dass sich im Laufe des 11. und 12. Jahrhunderts aus den barbarischen Kriegern des Frühmittelalters das Rittertum entwickelte. Dieses wird mehrheitlich als Ausdruck einer zunehmenden Zivilisiertheit und Verregelung des Kriegswesen angesehen. Es wird in diesem Zusammenhang jedoch übersehen, dass dieser Sachverhalt, wenn überhaupt nur auf die Kriege innerhalb der katholischen Christenheit zutrifft. In Kriegen gegen Andersgläubige ist dagegen eine zunehmende Unfähigkeit zur Begrenzung von Konflikten und eine enorme Brutalisierung zu verzeichnen. Ein deutliches Symptom für die veränderte Sicht des Feindes findet sich in dem durch die Quellen gezeichneten Bild des Feindes. Da die Konstruktion eines effektiv wirksamen und breit vermittelbaren Feindbildes eine der Grundvoraussetzungen für kollektives Töten ist, bietet sich hier die Möglichkeit grundlegende Sinnstiftungen der mittelalterlichen Kriegerschicht offen zulegen. An Hand der Feindbilder in den Quellendiskursen über den Krieg können ausgewählte Wert- und Orientierungsmuster jener Personengruppe als handlungsrelevante Größen in Kriegen bestimmt werden.
Ähnlich wie in heute noch existierenden, vormodernen Kulturen mit ausgeprägten Kriegerständen, waren die früh- und hochmittelalterlichen Kämpfer Träger einer eigenen, von den Werten des Christentums weitgehend unbeeinflussten Kriegerkultur waren. Diese stand in zum Teil deutlichem Gegensatz zu den Vorgaben der christlichen Religion, d.h. die Akteure handelten ständig im Spannungsfeld beider Sinnstiftungssysteme. Mit dem Aufkommen des Rittertums kommt es zu einer deutlichen Dominanz christlicher Wertvorstellungen bei den betroffenen Kämpfern und die bis dahin gegebenen Möglichkeit paralleler Diskurse zur Konfliktbegrenzung verschwindet zunehmend. Die zunehmende Verregelung des Krieges innerhalb der Christenheit bezahlt man mit der Brutalisierung nach außen.




Ulrike Klöppel (Berlin)
"Die Geburt eines Kindes mit ambivalenten Genitalien ist ein psychoso-zialer Notfall." Zum Verhältnis von Macht und Gewalt, Normierung und Normalisierung in der Problematisierung"

Bislang ist es in Deutschland üblich, "intersexuelle" Genitalien vor Abschluss des zweiten Lebensjahres chirurgisch zu "korrigieren". Einige Betroffene sowie andere KritikerInnen sehen in dieser Praxis eine Gewaltausübung, die die Aufrechterhaltung zweigeschlechtlicher und heterosexueller Normen erzwingen soll. Zurecht, wenn man bedenkt, dass hier in medizinisch nicht notwendiger und irreversibler Weise in die körperliche Integrität eingegriffen und den betroffenen Kleinkinder keine Entschei-dungsmöglichkeit gelassen wird. Allerdings erfasst man mit den Begriffen "Zwang" und "Normierung" nicht, worauf die "freiwillige" Zustimmung der Eltern zu solchen Eingriffen beruht, warum die Behandelnden selbst darin eine "verantwortungsvolle" Vorgehensweise erblicken und weshalb bislang keine breite öffentliche Verurteilung und ein juristisches Verbot zu erlangen ist. Zudem greift eine Zentrierung der Analyse auf Gewaltverhältnisse zu kurz, um das enorme und anhaltende medizinisch-psychologische Forschungsinteresse an Intersexualität zu begreifen, das immer wie-der zur Infragestellung und Reformulierung der naturwissenschaftlichen Kennzeichen der Geschlechterunterscheidung, der damit verbundenen Modelle der Geschlechts-entwicklung und der klinischen Kriterien der Geschlechtszuordnung führt. Ich möchte demgegenüber mit Foucault argumentieren, dass das so genannte "Intersexualitäts-management" primär ein Machtverhältnis etabliert, das wesentlich auf modulierenden und normalisierend-integrativen Steuerungstechniken beruht, auf deren Grundlage erst die Zwangsbehandlung von Kleinkindern und die Geschlechtsnormierung zum Tragen kommen.




Hannes Kuch (Freie Universität Berlin)
Beleidigung und Beschämung. Judith Butlers Konzept der verletzenden Anrufung

In meinem Beitrag möchte ich das Verhältnis von Subjekt, Schamgefühl und symbolischen Praktiken der Beleidigung diskutieren. Neben der aktuellen Debatte über das Schamgefühl werde ich vor allem Judith Butlers Konzept der Anrufung eingehen.
Viele Theorien betonen sowohl die Bedeutung der Norm als auch die der Anderen für das Schamgefühl. Offensichtlich erfährt das Subjekt im Schamgefühl oft eine Abweichung von einer verinnerlichten Norm. Manchmal sind aber die Anderen überhaupt erst Auslöser von Scham - durch Blicke, durch Gelächter oder allein durch physische Kopräsenz.
Die Frage ist somit, welchen Bezug zur gebrochenen Norm das Subjekt im Schamgefühl haben muss. Genügt es für die Entstehung von Scham, dass andere mich für eine Devianz demütigen, oder muss ich die Norm, auf die sie Bezug nehmen, anerkennen? Ich möchte diesen Fragen vor allem im Bezug auf die Performativität der Beleidigung nachgehen. Unter dieser Perspektive gelangen mannigfaltige symbolische Praktiken in den Blick, an denen deutlich wird, dass einer subjektiv gefühlten Scham eine intersubjektive Performanz der Beschämung vorausgehen kann.
Mit Butlers Konzept der verletzenden Anrufung lässt sich zeigen, dass Beleidigungen oder Demütigungen auch dann beschämend sind, wenn das adressierte Subjekt die in ihnen reartikulierte Norm nicht teilt. Beleidigungen können Scham auslösen, weil in ihnen eine vorgängige Verletztheit und Verwundbarkeit durch die Anrufung durch andere deutlich wird. Eine herabsetzende Geste, eine Beleidigung oder Gelächter ist schon allein deshalb beschämend, weil darin unsere Verletzbarkeit offenbar wird - die Norm, auf die diese Praktiken referieren, müssen wir nicht unbedingt teilen.




Arne Klawitter (China)
Das Situationspotential im chinesischen Autoritätsdispositv. Ein Beitrag zur Topographie der Macht

Foucault hat in seinen Studien über soziale Machtstrukturen die Unterscheidung zwischen der Disziplinargesellschaft und der Souveränitätsgesellschaft eingeführt. In der Disziplinargesellschaft wird das Leben des Individuums normalisiert, wobei das Individuum von einem geschlossenen Milieu der Einschließung ins andere wechselt. Die Souveränitätsgesellschaft, die der Disziplinierung vorausging, impliziert eine Entscheidungsgewalt über Leben und Tod statt einer Verwaltung des Lebens, wie man sie in der Disziplinargesellschaft findet. Aber auch die Disziplinargesellschaft hat ihre historische Begrenzung. Deleuze spricht davon, dass seit der zweiten Hälfte des 20.Jh. die Kontrollgesellschaft im Begriff ist, die Disziplinargesellschaft abzulösen. Anzeichen dieses Übergangs sind zum einen die Reformen in den Institutionen des Einschließungsmilieus, zum anderen die elektronischen Möglichkeiten der Speicherung von Daten im Zeitalter der Medien und ihrer globalen Vernetzung.
Foucaults Analysen der Straf- und Überwachungssysteme beschränken sich auf die Gesellschaftsgeschichte des Abendlands. Neuere Kulturvergleiche, wie sie unter den Herausforderungen der Globalisierung skizziert und zum Teil schon vorgelegt wurden, berücksichtigen auch außereuropäische Entwicklungen. Der Vortrag will einige Aspekte dieser Öffnung des Untersuchungsfeldes aufzeigen. Komparatistische Studien ziehen beispielsweise die Möglichkeit in Betracht, dass sich Kontrollgesellschaften auch völlig anders organisieren können. Mein Vortrag untersucht in diesem Zusammenhang das chinesische Autoritätsdispositiv, das sich nicht auf der Grundlage einer Souveränitätsgesellschaft herausgebildet hat, sondern im Zuge seiner relativ homogenen Entwicklung über viele Jahrhunderte verschiedene Aspekte der Disziplinierung und Kontrolle assimiliert hat. Es erzielt ähnliche Effekte der Überwachung, Normalisierung und Kontrolle mit ganz anderen Mitteln. Das Augenmerk der Diskursanalyse soll dabei nicht allein auf eine Art der Machtausübung gerichtet werden, die in der Unterdrückung von Diskursen besteht. Statt dessen wird die Tatsache in Betracht gezogen, dass sich in anderen Kulturen bestimmte Diskurse, die die westliche Vorstellung von Demokratie und Staatspolitik grundsätzlich prägen, überhaupt nicht konstituiert haben. Welche konkreten Effekte erzeugt diese Abwesenheit und welche Folgen könnte sie für eine Gesellschaft im Zeitalter der Globalisierung haben?


Volker Linneweber (Otto-von-Guericke Universität Magdeburg)
Fremdenfeindlichkeit und fremdenfeindliche Gewalt: Der Blick auf die Täter ist zu eng!

Fremdenfeindliche Gewalt ist - ebenso wie, allgemeiner gefaßt, Feindlichkeit und Gewalt zwischen Personen oder Gruppen - nur angemessen zu beschreiben und zu erklären, wenn drei Kategorien von Akteuren einbezogen werden: Täter, Opfer und Umfeld. Dennoch tendiert insbesondere der medial geführte gesellschaftliche Diskurs über dies Problem insbesondere dann zu einer täterzentrierten Sicht, wenn es um Interventionsmaßnahmen geht. Die "Hintergründe" (der Täter) werden zwar einbezogen, allerdings nur im entwicklungspsychologischen bzw. sozialisationstheoretischen Sinne: als Bedingungen zur Persönlichkeitsgenese.
Die sozialpsychologische Forschung kann diese Einengung der Aufmerksamkeit erklären: Monokausalität ist attraktiver als Multikausalität - insbesondere dann, wenn identifizierte, anscheinend hinreichende Ursachen außerhalb des eigenen Verantwortungsbereiches liegen.
Es wird vorgeschlagen, zur Erklärung von Fremdenfeindlichkeit und fremdenfeindlicher Gewalt täterbezogene Analysen und Erklärungen durch eine Fokussierung insbesondere des Umfeldes zu ergänzen. Die hier thematisierten Probleme sind dann eher als Ereignisse dynamischer sozialer Systeme zu sehen, denn als Resultat individueller oder gruppenspezifischer Merkmale. Insbesondere über das Konzept der situativ/normativen Konstruktion von "Angemessenheit" ist der Kontext mit fremdenfeindlichen Aktivitäten funktional verknüpft.
Zur Erarbeitung bzw. Verbesserung von Interventionsmaßnahmen (insbesondere in Politik, Medien und Bildungseinrichtungen) wird das Konzept der "Bedingungsverantwortung" in den vorliegenden Zusammenhang eingebracht. Zum Ziel für Präventions- und Interventionsmaßnahmen wird damit auch das engere und weitere Umfeld (potentieller) fremdenfeindlicher Gewalttäter.




Daniela Körppen & Andrea Kirschner (Otto-von-Guericke-Universität, Magdeburg)
Die Stabilisierung globaler Herrschaftssysteme durch Macht- und Diskurspraktiken der Weltbank

Die Weltbank unterwirft sich in ihren “Articles of Agreement” ausdrücklich dem Verbot jeglicher politischer Aktivität. Nicht nur die Vergabe von Darlehen hat sich ausschließlich an den Maßstäben „Ökonomie und Effizienz“ zu orientieren, ohne dabei „politische oder andere nicht-ökonomische Einflüsse oder Erwägungen“ zu berücksichtigen. Auch in allen anderen, etwa den zunehmenden beratenden Tätigkeitsfeldern, die unter die heute allgemeiner gefasste Ausrichtung der Weltbank auf das Ziel der Armutsreduktion subsummiert werden, ist die politische Einflussnahme zu unterlassen. Kann die Weltbank sich aber tatsächlich ausschließlich auf ökonomische Gesichtspunkte konzentrieren oder ist nicht eher davon auszugehen, dass sie innerhalb ihres persönlichen Kompetenzbereiches und damit zugleich in der nationalen wie globalen Sphäre sehr wohl politischen Einfluss nimmt? Ist es vielleicht weniger das im Vergleich zu anderen Banken relativ niedrige verfügbare Kreditvolumen der Weltbank, sondern vielmehr ihre „unangefochtene Stellung als führender Think Tank“, welche sie zu einer entscheidenden Quelle globaler Machtverteilung werden lässt? Inwiefern führen in und durch die Weltbank geprägte Diskurse und Regen dazu, bestehende Herrschaftsverhältnisse zu stabilisieren, statt Umverteilungen im Sinne der angestrebten Armutsreduktion durchzusetzen? Diese Fragen wollen wir in unserem Vortrag mit dem maßgeblich durch Nicholas Onuf geprägten regelorientierten Konstruktivismus als auch mit dem (post)strukturalistischen Ansatzes Michel Foucaults näher beleuchten. Im Hinblick auf Mechanismen, wie die Weltbank „Wissen M/macht“ und welche Konsequenzen sich daraus ergeben können, werden wir auf allgemeine Diskurse, Regeln und Praktiken sowie solche im Bereich der Konfliktanalyse und –bearbeitung eingehen.




Jens Maeße (Otto-von-Guericke Universität Magdeburg)
Die diskursive Produktion der "Dinge"

Der (epist.) Realismus geht davon aus, dass unsere Welt aus unterschiedlichen Entitäten besteht wie etwa "Dinge", "Wörter", "Begriffe", "Aussagemodalitäten" usw., die als externe Positivitäten "erkannt" oder "rekonstruiert" werden müssen, wohingegen die Idealismen den "Begriffssystemen" höhere Priorität einräumen, welche die äußere Welt "erzeugen". Beide Perspektiven unterstellen gleichermaßen einen "epistemologischen Subjektivismus" und eine "externe Welt". (vgl. Rorty) Foucaults poststrukturalistische Pragmatik zielt dagegen auf eine dialektische Transformation der Binärpopposition "Welt/Begriff". So werde ich in meinem Essay mit Bezug auf Foucault zeigen, (1) dass "Dinge", "Strategien", "Subjekte", "Begriffe" usw. Produkt diskursiver Praktiken sind, d.h. diverse "Entitäten" werden auf eine historisch variable, spezifische Art und Weise hervorgebracht: damit rückt die Regelhaftigkeit diskursiver Produktion ins Zentrum. (2) Wenn die oben aufgeführten "Entitäten" keinen primären, die Welt organisierenden oder zentrierenden Status mehr innehaben, dann muss ein neues Konzept her: das der Aussage als Existenzmodus des Diskurses (Sozialen). Dabei soll mit der Diskussion des Antagonismus zw. Aussage (Materialität, Wiederholbarkeit) und Äußerung (Ereignishaftigkeit, Unwiederholbarkeit) das Spannungsfeld reflektiert werden, welches sich durch das konzeptuelle Ineinandergreifen von performativer Kraft diskursiver Ereignisse und Kontingenz diskursiver Praxis aufbaut. (3) Schließlich und zusammenfassend wird gezeigt, dass der Diskurs als destruktive und produktive Praxis durch Selektion, Negation und Organisation einen stets instabilen hierarchischen (sozialen) Raum hervorbringt.



Miroslav Mareš (Universität in Brno)
"Selbstverteidigungsgewalt der Roma-Bevölkerung in der Tschechischen Republik: Faktor der ethnischen Emanzipation oder der Weg zur Diskreditierung?"

Die sogenannte "Roma-Frage" bildet eines der großen Probleme in der Tschechischen Republik. Seit der Wende 1989 wurden in Tschechien viele Roma aus rassistischen Gründen getötet oder gewalttätig attakiert. Als Reaktion auf diese anti-Roma Gewalt enstanden innehrhalb sowie außerhalb der Roma-Bevölkerung die Ideen, nicht auf die Reaktion des Staates zu warten und gegen die Angriffe gewalttätig aufzutreten. Diese Roma-Selbstverteidigunggewalt kommt in verschiedenen Erscheinigungsformen zum Ausdruck, besonders als 1) "Ad hoc" - Selbsverteidigung, 2) Roma-Milizen, 3) Militante Untergrundsgruppierungen zum offensiven Kampf gegen weisse Rassisten, 4) Roma-Strukturen innerhalb der ultralinken militanten Gruppierungen. In der heutigen Situation in der Tschechischen Republik ist die Gewalt für die Verbesserung des Schutzes der Roma-Ethnie vor dem Rassismus im Vergleich zu anderen Weisen der Interessenvermitlung nicht effektiv.




Annika Mattissek (Universität Heidelberg)
Diskurs - Macht - Subjektivität. Überlegungen zur "Renaissance der Bahnhöfe"

Seit Mitte der 1990er Jahre werden die Bahnhöfe der Deutschen Bahn AG im Zuge von Privatisierungsmaßnahmen und Verbesserung der Wirtschaftlichkeit umgestaltet, saniert und zu 'Erlebniscentern mit Gleisanschluss' umgebaut. Ziel dieser Maßnahmen ist es, über das Erscheinungsbild der Bahnhöfe das Ansehen der Deutschen Bahn AG und des Bahnfahrens insgesamt zu verbessern. Die Umstrukturierung umfasst neben Renovierungs-, Säuberungs- und Umbauarbeiten auch eine striktere Durchsetzung der Hausordnung der Bahnhöfe gegenüber bestimmten Personengruppen wie beispielsweise Obdachlosen und Punkern und wird von einer breit angelegten Imagekampagne in den Medien begleitet. Diese 'Renaissance' der Bahnhöfe führt zu sehr unterschiedlichen Reaktionen. Während die Bahn selber von begeisterter Rückmeldung der Kunden spricht, kritisieren Obdachlosenverbände, Kirchen und gesellschaftskritische Sozialwissenschaftler eine fortschreitende Privatisierung vormals öffentlicher Räume und die Ausgrenzung marginalisierter Bevölkerungsgruppen.
In der empirischen Analyse zeigt sich allerdings, dass weder die Frage, ob Bahnhöfe öffentliche oder private Räume sind, noch wie die Vertreibung von Randgruppen zu bewerten sei "objektiv" beurteilt werden kann. Vielmehr ist sowohl die Stellung der Bahnhöfe als auch die Bewertung von Ein- und Ausschlusspraktiken Gegenstand konkurrierender Diskursfelder, in denen Zugangsberechtigungen und Stellung der Bahnhöfe ständig neu verhandelt werden.
Der vorliegende Beitrag stellt am Beispiel einiger dieser konkurrierenden Diskursfelder auf der Basis einer nicht-subjektivistischen Diskurstheorie die Frage nach dem Verhältnis von Diskurs, Macht und Subjektivität. Hierzu werden einige zentrale Subjektpositionen und die mit ihnen verbundenen Machtwirkungen in einzelnen Diskursen vorgestellt. Insbesondere soll gezeigt werden, dass die "Macht" oder "Wirkung" der jeweiligen Diskurse auf Individuen nicht objektiv, sondern nur kontextabhängig in konkreten Situationen bestimmt werden kann und von der konkreten und situativen Aneignung bestimmter Subjektpositionen durch einzelne Individuen abhängt.




Frank Möller & Hendrik Ehrhardt (Tampere Peace Research Institute/University of Tampere, Finnland)
Sicherheit als Sprechakt: Legitimation von Gewalt durch die Artikulation von Sicherheit

In Ermangelung eines objektiven Maßstabs für Sicherheit und damit auch einer quasi natürlichen Legitimation von Sicherheitspolitik konzentrieren sich Teile der Friedens- und Konfliktforschung seit ungefähr zehn Jahren auf die Artikulation von Sicherheit und die damit in Gang gesetzte und als legitim erscheinende Dynamik. Securitization (Ole Wćver) bedeutet in diesem Zusammenhang die Darstellung eines Sachverhalts oder einer Person als Sicherheitsproblem und die Akzeptanz dieser Darstellung durch das jeweils angesprochene politische Publikum. Securitization rechtfertigt den Einsatz aller verfügbaren Mittel (auch jener außerhalb der normalen politischen Spielregeln) und legitimiert somit unter anderem den Einsatz von Gewalt. Dieses Papier stellt neuere Ansätze zur Analyse von Sicherheitspolitik als Sprechakt vor und untersucht im besonderen die Rechtfertigung von politischer Gewalt in sicherheitspolitischen Diskursen. Ferner werden Defizite der Ansätze diskutiert, im besonderen die dem Securitizationansatz inhärente, aber bisher nicht ausreichend ausgearbeitete Korrekturfunktion des Publikums: Da Securitization die Zustimmung des Publikums erfordert, eröffnet sich hier die Möglichkeit, durch Zustimmungsverweigerung zur Desecuritization eines Sachverhalts oder einer Person und damit zur Reduktion von Gewalt in der Sicherheitspolitik beizutragen.




Martin Nonhoff (Universität Bremen)
Macht und Diskurs, Macht im Diskurs, Macht des Diskurses
Betrachtet man das Zusammenspiel von Macht und Diskurs, so kann man das aus sehr unter-schiedlichen Blickwinkeln mit sehr unterschiedlichen Fragestellungen tun. Ich möchte bei der Erörterung des Verhältnisses von Macht und Diskurs primär danach fragen, worin die Macht von hegemonialen diskursiven Formierungen besteht und wie sie sich konstituiert (Macht des Diskurses); nur sekundär wird es in diesem Zusammenhang darum gehen, wie sich Macht als diskursiv etabliertes und diskursiv wirksames Attribut von Subjekten erklären läßt (Macht im Diskurs). Nach einigen Überlegungen zur Produktivität der Macht und zum Verhältnis von Subjekt, Diskurs und Macht - v.a. in Anlehnung an Foucault - wird im Anschluss an Hannah Arendt die These aufgestellt, daß die Macht des Diskurses bzw. bestimmter diskursiver For-mierungen grundsätzlich durch die Quantität gemeinsamen, koordinierten Artikulierens ent-steht. Allerdings gilt dies eben nur grundsätzlich, und wird in der alltäglichen Praxis immer auf die eine oder andere Weise dadurch modifiziert, daß es um das gemeinsame, koordinierte Artikulieren geht, das von jenen Subjektpositionen aus in einen Diskurs eingespeist wird, welche die diskursive Wahrnehmbarkeit der Artikulatorin ermöglichen, mithin von Subjekt-positionen aus, denen Macht im Diskurs zugeschrieben wird. Diskursiv mächtige Subjektposi-tionen (Macht im Diskurs) entstehen aber wiederum nur im Zuge der Etablierung mächtiger diskursiver Formierungen (Macht des Diskurses), weshalb die Metapher einer Kreisförmig-keit diskursiv wirksamer Macht (Dyrberg) naheliegt. Da sich Diskurse jedoch durch die Zeit bewegen, handelt es sich letztlich nicht um einen Kreis, sondern um eine Spirale der Macht.




Iulia Patrut (Universität Trier)
"Selbstdenken als Anderes". Die Verstrickung eigenen Handelns mit Diskursen der Gewalt.

Mein Beitrag wird die individuelle Hervorbringung von Machtverhältnissen, insbesondere in Hinblick auf Funktionalitäten symbolischer Unterwerfung für eigenes Handeln thematisieren. Analysen epistemisch-diskursiver Gewalt, welche Konsequenzen aus den Studien Foucaults, aus postkolonialen Arbeiten Saids oder aus feministischen Herangehensweisen Butlers ziehen, bieten zwar Anhaltspunkte für die Auseinandersetzung mit der Verinnerlichung gewaltträchtiger Diskurse und thematisieren die Schwierigkeit, solche verinnerlichten Machtkonstellationen zu erkennen. Eine systematische Auseinandersetzung mit dem Phänomen des "Selbstdenkens als Anderes" steht jedoch noch aus. Zu abendländischen Konzeptionen von Individualität gehört das "Selbstdenken als Anderes" auf gleich mehreren Ebenen: (1) die Selbstauffassung als "Anderes" in Bezug auf "Gott" - mit Ausnahme atheistischer Identitätsentwürfe. Derzeit wird noch ausgehandelt, welcher Stellenwert in der globalen Ordnung der - m. E. in aktuellen Theorieansätzen unterschätzten - symbolischen Unterwerfung des Individuums unter die diskursive Gewalt göttlicher Gesetze (seien es christliche, beispielsweise in den USA, oder muslimische, beispielsweise im Irak oder in Afghanistan) zukommen soll. Genauer erforscht sind hingegen (2) Westlich/Nichtwestlich und (3) Männlich/Weiblich als jene Dichotomien, welche grundlegende epistemische Gewalt in westlichen Individualitätskonzepten verankern; sie besitzen darüber hinaus die - ökonomisch und militärisch gestützte - Macht, auch außerhalb ihres kulturellen Verankerungsraumes immer analoge Konstellationen von Zentrum und Peripherie zu erzeugen. Anknüpfend daran werde ich die Tragweite der beiden Dichotomien für das "Selbstdenken als Anderes" erläutern. Führen Wege zur Selbstbestimmung, zum Widerstand oder zur Freiheit dann über eine kritische Selbstanalyse epistemischer Gewaltmomente, die in die eigene Identität integriert wurden - also über eine Aufarbeitung des vollzogenen "Selbstdenkens als Anderes"?




Katharina Elisabeth Peter (Otto-von-Guericke Universität Magdeburg)
"American Psycho": Gewalt als Freiheitsmissbrauch

Als 1991 "American Psycho" von Bret Easton Ellis erschien, löst der Roman eine Welle der Empörung aus. Erhitzte Debatten über Zensur, Aufrufe zum Boykott, Morddrohungen an den Autoren und mit Blut übergossene Ausgaben des Buches waren die Folge. Christian Jürgens bezeichnete in "Die Zeit" den kontroversen Schriftsteller als den meistgehassten Autoren der Welt. Grund für den Aufruhr: Die extreme Gewalt, die Ellis' serienmordender Ich-Erzähler in "American Psycho" beschreibt. "I'm always shocked when people are shocked by violence in my books." Ellis' Interesse liegt nicht in der Gewalt als Selbstzweck, in der Sensationslust oder Unterhaltung. Er setzt der amerikanischen Gesellschaft einen Spiegel vor. Einer Gesellschaft, die sich unendlich viele Freiheiten erkämpft hat und nun den Luxus hat, sich im Überfluss zu langweilen. Gewalt als Missbrauch dieser Freiheit ist ein Thema, dass in allen Bret Easton Ellis Romanen immer wieder auftaucht. Dieser Beitrag beschäftigt sich zum einen mit dem Phänomen des Publikationsskandals um "American Psycho", der in dieser Form einen Einzelfall in der amerikanischen Literaturgeschichte darstellt. Zum anderen soll dargelegt werden, wie Ellis mit Gewalt umgeht und welche Effekte damit bewirkt werden.



Tino Plümecke (HU Berlin)
Gewalt als biowissenschaftlicher Diskurs

Seit den frühen 90er Jahren lässt sich auf dem Forschungsgebiet Konflikt, Aggression und Gewalt eine zunehmende Dominanz biowissenschaftlicher Diskurse verzeichnen. Theoretisch-analytische Erklärungsansätze aus den Sozialwissenschaften wie sozial-kognitive Lerntheorien, systemtheoretische und interaktionistische Modelle verlieren gleichzeitig an Terrain, sodass neue Forschungsergebnisse hauptsächlich von der Soziobiologie, der Anthropologie, der Evolutionspsychologie und der Neurobiologie publiziert werden. Diese Disziplinen ordnen Phänomene wie Aggression und Gewalt aber ausschließlich phylogenetisch ein, führen sie auf Serotoninmangel in Teilen des Großhirns zurück oder verordnen sie in genetischen Prädispositionen. VertreterInnen der Forensische Medizin konstatieren, dass Sexualstraftäter anhand von Kernspintomographien zu erkennen seien und neurobiologische Forschungen ordnen Aggressionsverhalten nicht mehr dem Subjekt, sondern einer (Eigen-)Fremdbestimmung durch das Limbische System zu. Gene geraten mit Steroiden, sog. Sexualhormonen und Genetic Imprinting zu Schlüsselinstanzen, mit denen als ultimate Verursacher "deviantes (Sexual-)Verhalten", vielfältige Geschlechterdifferenzen etwa im Aggressionsverhalten, Identitätsausbildung, sexuelle Präferenzen, Geschlechtsrollenverhalten, räumliches Vorstellungsvermögen, allgemein Sozialverhalten und vieles mehr erklärt wird. Die Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse ist so en vogue wie seit dem beginnenden 20. Jahrhundert nicht mehr und formiert sich zur einer immer wirkungsmächtigeren Erklärungs- und Rechtfertigungsstrategie. Aufschwimmend auf der Welle der Ökonomisierung sozialer Verhältnisse gerät die Biologisierung zu neuen Ufern der Synthese des "egoistischen Gens" und der Kosten-Nutzen-Analyse der "natürlichen Selektion". In der Ratgeberliteratur und in populärwissenschaftlichen Publikationen sind sozialwissenschaftliche Erklärungen mittlerweile marginalisiert aber auch in vormals sozialwissenschaftlich untermauerten Bereichen wie den Erziehungswissenschaften ist ein Einbruch der Erklärungsmächtigkeit soziologischer Theorien zu verzeichnen. So werden die Humanwissenschaften mit Ansätzen eines neuen Darwinismus gefüllt, die mehr als 100 Jahre alt scheinen, aber im Stile fortschreitender Aufklärung naturwissenschaftlichen Positivismus auch in orginär sozialen Rahmungen propagieren. Diese Verschiebung der Diskurshegemonie wird von den Sozialwissenschaften bisher weitgehend ignoriert. Der Vortrag soll kritisch in den Stand der Diskurse einführen und Entstehungsinterpretationen sowie Interventionsebenen anbieten.




Gudrun Quenzel (Universität Duisburg-Essen)
Der Balkan im europäischen Identitätsdiskurs - Die kulturelle Legitimation der EU-Außengrenzen

Der Vortrag skizziert den Diskurs über europäische Identität mit seinen privilegierten Signifikanten und den damit einhergehenden konstitutiven Grenzziehungen. Diese Prozesse der impliziten und expliziten Grenzziehung werden verdeutlicht anhand einer Analyse ausgewählter Feuilletonartikel über einen möglichen EU-Beitritt der Balkanländer inklusive der Türkei. Denn unabhängig davon, ob die Geschichte Europas primär als Geschichte der kulturellen Errungenschaften und des wissenschaftlich-technischen Fortschritts erzählt wird, ob Europa als christliches Abendland auf das Reich Karl des Großen zurückgeführt wird, ob als große Leistung Europas die Aufklärung mit Werten wie Meinungsfreiheit, religiöse Toleranz, Gleichberechtigung und Demokratie gilt, ob man Europa als Ort der Entstehung der Nationalstaaten feiert, ob als spezifisch europäische Errungenschaft der Wohlfahrtsstaat angeführt wird, oder ob man auf eine europäische Kunstgeschichtsschreibung verweist, in der sich von der Romanik bis zur Moderne eine gemeinsame Stilgeschichte ablesen lässt, stets scheint es, als habe Ost- und Südosteuropa einen geringeren Beitrag zu dieser Entwicklung geleistet. Diese diskursive Konstruktion europäischer Identität hat politische Folgen, insofern über sie eine Wahrnehmung von Ost- und Südosteuropa als ewiger Nachzügler entsteht, als Gebiet, das beständig etwas aufzuholen bzw. nachzuholen hat, um endlich als gleichberechtigter Partner in Europa und - entscheidender - in der Europäischen Union fungieren zu können. Der Kampf um die Definitionsmacht einer europäischen Identität ist ein Kampf um die Grenzen dieses Europas, aber zugleich auch ein Kampf darum, geografisch oder kulturell in der Mitte Europas verortet zu werden. Entsprechend stehen den diskursiven Ausschlussprozeduren verschiedene - wenn auch weniger dominante - Einschlussstrategien gegenüber, mit denen eine europäische Identität vorgeschlagen wird, die auch die kulturellen Besonderheiten Südosteuropas umschließt. Der Vortrag wird auch auf diese eingehen und sie den Ausschlussstrategien gegenüberstellen.




Julia Reuter (RWTH Aachen)
Transdifferenz: Zur Konvergenz postkolonialer und postfeministischer Diskurse

In der gegenwärtigen Diskussion um Identität und Differenz ist immer häufiger von Transnationalität, Transkultur oder Transgender die Rede. Dabei dient die Vorsilbe "trans" der Abgrenzung gegenüber herkömmlichen Begriffen, etwa dem der Internationalität, Interkulturalität oder auch Intersexualität. Während die Vorsilbe "inter" an einer binären Logik des Entweder-Oder festhält und Identität und Differenz als sich wechselseitig ausschließende Entitäten gegenüberstellt, geht es bei den neuen Begriffen um die wechselseitige Überlagerung von Zugehörigkeiten und um grenzüberschreitende Kombinationen von Identitätsaspekten innerhalb der sichtbaren Differenzen.
Im Kontext soziologischer Forschung stehen die Begriffe für die Tendenz, in diesen Zwischenräumen der Differenz eine neue Theorie der Identität zu entwickeln. Statt den Zustand des "Dazwischenseins" als kurzlebiges Übergangsphänomen auf dem Weg zur Anpassung oder als privates Identitätsproblem spezifischer Randgruppen zu fassen, wird es als dauerhafte soziale Wirklichkeit inmitten gegenwärtiger Gesellschaften verortet. Wichtige theoretische Impulse und empirische Befunde kommen dabei aus der postkolonialen Globalisierungsforschung und der postfeministischen Geschlechterforschung. Obwohl beide Diskurse auf "trans-differente" Denkfiguren zurückgreifen und ihre Vorstellungen von Identität, Macht und Widerstand konvergieren, präsentiert sich die Diskussion als Ansammlung relativ unabhängig voneinander geführter Spezialdiskurse.
Der Beitrag nimmt eine systematische Verknüpfung des postkolonialen und postfeministischen Diskurses anhand zweier dramatischer "Grenzgänger" vor: Postkoloniale Transmigranten und Transsexuelle. Obwohl phänomenologisch schwer vergleichbar, lassen sich Migrant und Transexueller epistemologisch als "Geschwister" bezeichnen. Beide setzen die Rede einer natürlichen, homogenen Identität außer Kraft und entstellen die binäre Logik, mit der auf Differenz beruhende Identitäten (Mann/Frau, einheimisch/ausländisch) konstruiert werden. Obwohl die Beispiele "extrem" sind, lassen sie sich als äußere Pole eines Kontinuums "alltäglicher" transdifferenter Identitäten begreifen.




Jan-Philipp Roth (Christian-Albrechts-Universität, Kiel)
Die neuen Kriege

Am Anfang steht die Definition des Begriffs "Krieg". Dabei wird sich auf von Clausewitz, die Kriiegsdefinition der Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung sowie das Völerrecht bezogen. Es soll deutlich gemacht werden, wie sehr sich der Kriegsbegriff mit der Entwicklungung des Krieges verändert hat. Darauf wird der "alte" Krieg als Kampf zwischen zwei staaten mit regulären Armeen und dessen Entwicklung behandelt. Angesprochen werden die Entstehung des Kombattantenstatus, die Verrechtlichung des Krieges sowie die symmetrische Kriegsführung und deren Auswirkungen. Im hauptteil wird der "neue" Krieg behandelt. Zuerst wird die Auflösung der "klassischen " Kriegsform und der Wechsel der Hauptakteure (Kindersoldaten, Warlords etc.) und die Transnationalisierung beschrieben. Die Entrechtlichung des Krieges und deren Auswirkungen wie gezielte Vergewaltigungen, Genozid und ethnische Säuberungen etc. sind Bestandteil dieses Abschnittes. Auch die neue Kriegsökonomie wird thematisiert (drogenproduktion, Kriminalisierung des Krieges etc.). Es soll deutlich gemacht werden, dass Kriege durch gegnerische Parteien künstlich verlängert werden, um weiterhin zu profitieren. Es kommt dabei zu einer Kooperation. Die Konfliktfaktoren und Ursachen der "neuen" Kriege: das Phänomen des "lame leviathan", das "state-strength-dilemma", Bevölkerungswachstum sowie die Proliferation komen zur Sprache. Des weiteren wird die asymmetrische Kriegsführung behandelt. Thematisiert werden dabei die neue Guerillataktik, die Asymmetrie der Bewaffnung und Nutzung von Technologie sowie die unterschiedliche Gewichtung des menschlichen Lebens und die darausresultirenden Folgen. Zuletzt erfolg eine Zusammenfassung und ein ausblick auf vorstellbare Reaktionsmöglichkeiten sowie die Notwendigkeit einer Zusammenarbeitt von Militär und zivilem Sektor.




Klaus-Bernhard Roy (Universität Magdeburg)
Strukturelle Gewalt und soziale Polarisierung - zur Aktualität einer politikwissenschaftlichen Fragestellung

Thesen zu "struktureller Gewalt" kommen ursprünglich aus der Friedens- und Konfliktforschung und beziehen die soziale und politische Bedingtheit von Gewalt mit ein.
Ausprägungen der strukturellen Gewalt sind an gesellschaftliche Rahmenbedingungen der so-zialen Ungerechtigkeit in Folge selektiver Verteilungs- und Entscheidungsstrukturen bezüg-lich sozialer Ressourcen wie Einkommenspositionen, Bildungschancen und gesellschaftliche Teilhabe geknüpft und wurden auch im Fokus der Gleichheitspostulate der allgemeinen Men-schenrechte kritisiert.
Angesichts der weltweiten Vertiefung sozialer Polarisierungen ist diese Sichtweise aktuell. Dies gilt sowohl für Gesellschaftsformationen der Peripherie wie auch der Zentren im Rah-men von Vereinheitlichung und Fraktionierung der sozioökonomischen und politischen Struk-turen des globalen Kapitalismus. Aber in den wissenschaftlichen wie politischen Diskursen werden die Notwendigkeiten und Bedingungen sozialer Teilhabe kaum noch hinterfragt.
Im Gegenteil, soziale Teilhabe erfährt eine diskursive Umdeutung. Nicht das Fehlen sozialer Chancen scheint das gesellschaftliche Problem, sondern ihr "antimodernistisches" Einfordern. Aus politischen und sozialen Rechten werden individuelle Pflichten marktgängigen Verhal-tens. Zählte in den reichen bürgerlichen Gesellschaften die politische Modifizierung der so-zialen Ungleichheiten bzw. die funktionale Dekommodifizierung der Marktmechanismen durch soziale Rechte zu den säkularen Entwicklungslinien dieser Gesellschaftsformationen, erhält auch dort die strukturelle Gewalt eine neue Bedeutung. Die massive Verfestigung der sozialen Polarisierung verweist auf eine grundsätzliche soziale Exklusion, gepaart mit einer politischen Rekommodifizierung der Arbeitskraft.
Vor diesem Hintergrund wird der Frage nachgegangen, wie politische Diskurse zu "Gerech-tigkeit" angesichts der prägenden Kraft struktureller Gewalt in den Sozial- und Herrschafts-verhältnissen zu bewerten sind. Können diese gerade in Demokratien noch anspruchsgemäß pluralistisch offen und diskursethisch fair verlaufen, oder dominiert die "normative Kraft" der als unausweichlich geltenden sozioökonomischen Verhältnisse auch die scheinbar alternativlosen Handlungsmuster der politischen Akteure und bestimmt damit die Perspektiven der gesellschaftlichen Regulation.




Hilmar Schäfer (Universität Lüneburg)
Sind Diskurse gewalttätig?

Im Zentrum des Vortrages steht die Vereinbarkeit des Gewaltbegriffs mit den Gesellschaftsanalysen Michel Foucaults, in denen er komplexe Macht-Wissens-Beziehungen und ihre Verhältnisse zur Subjektivität untersucht hat. Seine Perspektive ist vor allem gekennzeichnet durch die Immanenz von Wissen und Macht, ihr liegt ein Konzept von produktiver Macht zugrunde. Erst in seiner Spätphase differenziert Foucault zwischen Macht und Herrschaft(szuständen), wobei keine klare Trennlinie zu ziehen ist. Interpreten haben immer wieder betont, dass im Rahmen einer foucaultschen Diskurstheorie nicht von "gewalttätigen" Diskursen gesprochen werden kann (Deleuze, Bublitz.). Ihre Position lautet, dass der Gewaltbegriff unpassend ist, wenn Diskurse notwendig mit Macht verbunden sind. Bedeutet also ein Verweis auf die Produktivität der Macht, dass nicht von der "Gewalt der Diskurse" gesprochen werden kann? Wäre dies nicht aber strategisch wünschenswert? In einem ersten Schritt sollen mit Johan Galtung spezifische Formen von Gewalt unterschieden werden. Insbesondere die Begriffe der strukturellen und der kulturellen Gewalt werden auf ihre Vereinbarkeit mit der Diskurstheorie hin untersucht. Im zweiten Schritt wird das Macht-Wissens-Konzept vorgestellt und zunächst die Position der Unvereinbarkeit des Gewaltbegriffs mit dem foucaultschen Analyseraster stark gemacht. Schließlich soll dagegen ein möglicher theoretischer Ort für den Gewaltbegriff im Kontext von "Macht" und "Herrschaft" gesucht werden. Foucault schlägt vor, Machtverhältnisse von unterschiedlichen Formen des Widerstandes her zu analysieren. Könnte auf diese Weise Gewalt theoretisch erfasst werden, indem die Strategien, gegen die sich Widerstand regt, als Gewalt identifiziert werden?



Frank Schiller
Diskurstheorie und Gewalt

Das vorgesehene Referat behandelt die Frage von Gewalt und Diskursen aus Sicht der Diskurstheorie von Jürgen Habermas. Dabei werden insbesondere die Verbindungen zur politikwissenschaftlichen Forschung vorgestellt.
Habermas hat die Institutionalisierung der Diskursethik durch seine Werke Die Theorie des kommunikativen Handelns (TKH) und Faktizität und Geltung (FG) vorangebracht. Die TKH rekonstruiert die Prozesse der Ausdifferenzierung in der Moderne und zeigt die sprachbasierte Möglichkeit auf, diese Prozesse in praktischen Diskursen gewaltfrei durch neue, konsentierte Normen zu kritisieren. Außerdem wird für sozialwissenschaftliche Forschung die verstehende Methode als philosophisch vorrangig ausgezeichnet. Die FG geht nun von der aufgezeigten sozialen Ausdifferenzierung aus und behauptet die funktionale Notwendigkeit eines demokratischen Rechtsstaates zur Stabilisierung kommunikativen Handelns.
Für die Verbindung von Diskurstheorie und Policyforschung sind diskursanalytische Ansätze interessant. Diese haben in den letzten Jahren über die Integration von Institutionentheorien einen starken politikwissenschaftlichen Bezug (Hajer, Viehöver) entwickelt, der sich mit der Diskurstheorie verbinden lässt. Die Ansätze lassen sich zudem um die funktionalistische Dimension erweitern und so etwa an den kritischen Forschungsansatz symbolischen Rechts anschließen oder gegen ökonomistische Theorien in Stellung bringen.
Während für die Policyforschung dabei vor allem das deliberative Modell der FG einschlägig ist, ist in den internationalen Beziehungen insbesondere die TKH Ausgangspunkt der Kritik an systemischer Verselbständigung (Voelzkow). Über die zivilgesellschaftlichen Diskurse in und zwischen demokratischen Rechtsstaaten (auf Basis des demokratischen Friedens) werden so Globalisierung und Macht und Gewalt der Kritik zugänglich.
So kann zum einen Habermas' Diskurstheorie ihr kritisches Potenzial aufzeigen und zum anderen zeichnet sich so ein umfassendes politikwissenschaftliches Forschungsprogramm im Rahmen der Diskurstheorie ab.




Tim Schmalfeldt (Universität Lüneburg)
»Préférence nationale?«: Diskurse über kulturelle Diversität am Beispiel »GATS«

Ausgehend von den aktuellen Auseinandersetzungen über das GATS-Abkommen der Welthandelsorganisation (WTO) möchte ich verschiedene Texte pro/contra GATS vorstellen, in denen mit den Begriffen "Kulturelle Diversität" oder "Kulturelle Vielfalt" gearbeitet wird.
Als Hauptargument gegen die Definition des GATS, nach der "Kultur" eine frei handelbare Dienstleistung ist, wird z.B. von Nicht-Regierungs-Organisationen das Argument eines drohenden Verlusts der kulturellen Diversität in den Diskurs eingeführt. Da es sich in den meisten Fällen um spezifische nationale Regelungen handelt, die in den laufenden GATS-Verhandlungen zur Diskussion stehen, sind Diskurse über kulturelle Diversität oft mit repressiven Kulturbegriffen verknüpft. Die Rede von der Anerkennung und dem Schutz der kulturellen Diversität beschwört die vermeintliche Einheit eines in sich geschlossenen "kulturellen Raumes", den es zu erhalten gilt und in dem jegliche Widersprüche geglättet werden.
Meine Fragen an die Texte sind folgende: Welche Kraftfelder und Schnittstellen werden durch die Berufung auf Kulturelle Diversität aktualisiert und wie entfalten sich die Integrations- und Legitimationspotenziale des "Diversitätsdiskurses" im Diskurs über das GATS-Abkommen? Welche "diskursiven Allianzen" werden dabei sichtbar? Durch welche "Übersetzungsleistungen" wird der Diskurs über das GATS-Abkommen in einen Diskurs über Kulturelle Diversität überführt?
Anstatt der Frage nachzugehen, ob das GATS-Abkommen die Kulturelle Vielfalt in repressiver Weise "bedroht", will ich - eine Argumentation Foucaults vom Kopf auf die Füße stellend - fragen: "Wer oder was macht Kulturelle Diversität zum Ausstrahlungspunkt von Diskursen und steigert damit das Bewusstsein einer ständigen Gefahr, die ihrerseits wieder den Anreiz zum Sprechen verschärft"?




Carlotta Schulte-Ostermann (Carl von Ossietzky Universität Oldenburg)
Gewaltförmige Sprache?! Zum produktiven/destruktiven Verhältnis von Sprache und Gewalt.

Ausgangspunkt meiner Arbeit ist die in postmodernen Theorien gründende These von der aufgehobenen Trennung zwischen Sprache und Gewalt. Entgegen traditionellen philosophischen Konzeptionen schließen sich Sprache und ,rohe' Gewalt nicht gegenseitig aus. Vielmehr hat Gewalt ihren Ort auch in Sprache selbst. Die Sprache als Ereignisort sozialer Prozesse rückt somit in den Fokus. Abseits von offensichtlicher oder physischer Gewalt wirken in alltagssprachlicher Wortwahl Normen und Normierungen als machtvolle Disziplinierungen. Ich möchte auch der Frage nachgehen, inwiefern diese Normierungen gewaltförmig sind. Es gilt zum einen die Rolle und Funktion der Sprache in der Subjektivation, sowie auf gesellschaftlicher, sozialer Ebene zu explizieren, sowie zum anderen dem Phänomen der Gewalt in/durch Sprache begrifflich auf die Spur zu kommen. Dabei ist es entscheidend, Gewalt als diskursiv konstituiert und als soziales Handeln zu begreifen, erst in einer kontextualisierten Sprechsituation kann unproduktiven Abstraktionen entgangen werden. Wenn Gewalt als Produkt sozialer Definitionsmacht sowie als Aktionsmacht begriffen wird, tritt der Doppelcharakter von Gewalt hervor. Ich verorte das Gewaltmoment nicht in einem Außen, dass via Medien zu mir kommt. Sondern ich als Sprechende entstehe durch Sprechen, bediene mich aber auch des Mediums Sprache um etwas darzustellen. Diese Darstellung findet auf dem Boden gewaltsamer Entscheidungen statt. Sie ist sogar selbst gewalttätig, insofern sie Ausschließungen produziert, sowie Normen fortsetzt und bestärkt. Gewalt liegt sowohl in den Identifizierungen der Sprache als auch in der Auswahl der sprachlichen Reproduktion. Ein Kristallisationspunkt werden die für soziale Prozesse notwendigen machtvollen Bezeichnungswiederholungen sein, die sich auf gesellschaftlicher Ebene in Normen und Normierungen manifestieren. Zusammenführend geht es mir um die Schnittstellen von Sprache und Gewalt und darum, das produktive/destruktive Verhältnis von Sprache und Gewalt greifbar zu machen. In einem zweiten Teil der Arbeit sollen Möglichkeiten des ethischen Sprechens aufgezeigt werden, welche die eigene Gewalttätigkeit mitreflektieren, bzw. den ambivalenten Charakter von Sprache offen legen.




Anke Strüver, Paul Reuber und Günter Wolkersdorfer (Westf. Wilhelms-Universität Münster)
Geopolitische Diskurse in den Printmedien nach dem 11. September und während des Afghanistan-Krieges

Dieser Beitrag stellt ein politisch-geographisches Forschungsprojekt zur Analyse der geopolitischen Diskurse und Leitbilder in den Printmedien nach den "Terror"-Anschlägen vom 11. September so-wie dem daraus resultierenden Militärschlag gegen Afghanistan vor. Das Projekt wird durch die Deutsche Stiftung Friedensforschung gefördert.
Kaum ein Ereignis der letzten Jahrzehnte hat die Macht geopolitischer Diskurse und die suggestive Kraft ihrer Abgrenzungs- und Begründungsrhetoriken deutlicher gemacht als die Anschläge vom 11. September sowie die in der Folge eingeleitete geopolitische Doktrin vom "Kampf gegen den Terrorismus". In diesem Zusammenhang sind die Anschläge zudem ein herausragendes Beispiel dafür, wie stark Medien Informationen und Meinungen nicht nur transportieren, sondern auch kon-struieren.
Für den Kontext der Politischen Geographie, aber auch in Bezug auf das übergeordnete Konferenz-Thema, sind dabei die Fragen nach der rhetorischen Verfasstheit von geopolitischen Diskursen und Leitbildern sowie nach deren Veränderung oder Verfestigung nach dem 11. September von for-schungsleitendem Interesse.
Im Mittelpunkt unseres Vortrages steht nach einer thematischen Einführung die Diskussion des dis-kursanalytischen Verfahrens zur Re- und Dekonstruktion der medial transportierten geopolitischen Rhetoriken, Leitbilder und Metaphern. Dieses Verfahren umfasst sowohl die Dokumentation des umfangreichen Diskursfeldes mithilfe von Qualitativer Datenanalyse Software als auch die intensi-ve Analyse ausgewählter Artikel und begleitender photo- und kartographischer Repräsentationen.




Theresa Tarassova (Universität Hamburg/RWTH Aachen)
"Aber heute fühle ich mich als Russin!" - Die Konstruktion einer russischen "Volksgemeinschaft" im neuen postsovjetischen Nationalstaat und die Erfindung der "neuen Fremden"

Analog zu den Postcolonial studies, die sich mit dem Fortwirken imperialer Dispositive in nun unabhängigen Staaten sowie in westlichen Kolonialnationen und den (gewaltsamen) Grenzziehungen bei der Konstruktion des "Eigenen" und des "Fremden" beschäftigen, sollen im Vortrag die Verschiebungen und Veränderungen kultureller Identitäten im postsovjetischen Russland thematisiert werden. Mit dem Auseinanderbrechen der Sovjetunion und der staatlichen Souveränität Russlands hat sich das (nationale) Identitätengefüge völlig verschoben. Während des Sozialismus wurde das Konstrukt einer gleichberechtigten "Völkergemeinschaft aller Nationalitäten" geschaffen, was sich etwa durch eine einheitliche sovjetische Staatsbürgerschaft manifestierte. Die RSFSR als Zentrum des Sovjetimperiums setzte als "Kolonialmacht" mittels imperialer Machtstrategien unionsweit eine massive "Russifizierung" des gesamten kulturellen, sozialen und ökonomischen Lebens durch. Innerhalb der heutigen, ihres imperialen Machtstatus' weitgehend beraubten, russischen Mehrheitsgesellschaft konstituiert sich eine neue nationale "Volksgemeinschaft echter RussInnen", aus der die ehemaligen "Brüder und Schwestern der Vielvölkerfamilie" vehement ausgegrenzt werden, was für die Ausgestossenen weitreichende, manchmal lebensbedrohliche Folgen hat. Stigmatisierung, Diskriminierung und Entrechtung "nicht-russischer" Menschen sind allgegenwärtig. Die Konstruktion der russischen "Volksgemeinschaft" ist gekennzeichnet durch staatlich-ideologische Homogenisierungstendenzen. Nationale Mythenbildungen und eine Idealisierung der (vor-sovjetischen) russischen Geschichte sollen ein kollektives gesellschaftliches Bewusstsein schaffen. Die Idee, den "nationalen Geist" auf der Basis von religiös begründeter Moraltradition ('Duchovnost') und ethnokultureller Dominanz ('Russkost') zu fördern, wobei die russische Orthodoxie eine zentrale Rolle spielt, ist populär und findet sich in zahlreichen dominanten Selbstrepräsentationen. Gleichzeitig bilden sich hochgradig hybride, differente, an den (erwarteten) globalisierten Kapitalismus angepasste Lebensweisen heraus. Entgegen der Einheitsideologie finden multiple, widersprüchliche, im Aushandlungsprozess befindliche Identitätskonstruktionen statt, was durch Datenmaterial aus meinem Dissertationsforschungsprojekt belegt werden soll.




Matthias Wieser (RWTH Aachen)
Diskurse des Hybriden

"Hybridität" ist derzeit ein gängiges Modewort - nicht nur in den Feuilletons, sondern auch in der zeitgenössischen sozial- und kulturwissenschaftlichen Diskussion. Seminare, Tagungen und Veröffentlichungen zu Migration und Globalisierung, aber auch zu Geschlecht, Wissenschaft und sogar Technik scheinen ohne die Idee der Hybridität nicht mehr auszukommen. Vor allem in drei Bereichen avanciert der neue umbrella term zum Angelpunkt von theoretischen wie auch empirischen Untersuchungen: In den postcolonial studies und der mit ihnen zusammenhängenden Globalisierungsdebatte, in den science studies und in den gender studies.
Anliegen des Beitrags ist es, die Konvergenz zwischen diesen Theorien im Hinblick auf das Hybride herauszustellen. So sehr sich die empirischen Phänomene auch unterscheiden, so lassen sich in der theoretischen Bearbeitung doch Familienähnlichkeiten feststellen. Alle drei Ansätze könnte man als "poststrukturalistische Soziologien" (Stäehli 2000), vielleicht auch als "Praxistheorien" (Reckwitz 2003) ansehen. Alle bedienen sich aus dem 'Archiv' der neueren französischen Philosophie (1.). Alle sympathisieren mit den Bastarden, Trans- und Zwischenwesen, die bislang auch theoretisch marginalisiert wurden (2.); sie dezentrieren das 'klassische' Subjektmodell (3.), betonen Performanz (4.), kritisieren das "westliche" Projekt der Moderne (5.) und liegen in ihren politischen Schlussfolgerungen eng beieinander (6.) - genauso wie die Kritik an den jeweiligen Ansätzen (7.). Diese Konvergenzen sollen exemplarisch anhand dreier Protagonisten der jeweiligen Ansätze - Homi Bhabha (2000), Judith Butler (1991; 1995) und Bruno Latour (1995, 2001) - aufgezeigt werden.




Aram Ziai (RWTH Aachen / Uni Hamburg)
Entwicklung und Migration als Diskurse der Gewalt?

Sei es die Vertreibung von Indigenen als Teil eines Staudammprojekts in Indien oder die Internierung von Flüchtlingen im Kosovo, die zwangsweise Impfung oder gar Sterilisierung im Rahmen gesundheits- oder bevölkerungspolitischer Maßnahmen oder die erzwungene Abschiebung von abgelehnten AsylbewerberInnen in der BRD: Gewalt ist ein häufig auftretendes, aber nur in vereinzelten Ausnahmefällen theoretisch erfasstes Phänomen in der Implementierung von Entwicklungsprojekten und Migrationspolitik.
Der Beitrag will (nach der Definition des Gewaltbegriffs und der Darstellung einiger Beispiele) die Diskurse der Entwicklungs- und Migrationspolitik skizzieren und dabei folgenden Fragen nachgehen: 1. Inwiefern ist die anzutreffende Gewalt in den Diskursen angelegt? 2. Wie ist das Verhältnis von epistemischer und physischer Gewalt? 3 Unter welchen Umständen sind Diskursverschiebungen in Richtung auf eine weniger gewalttätige Praxis möglich.
Dabei werden sowohl die Parallelen als auch die Unterschiede in der Struktur der beiden Diskurse sichtbar. Erstere sind feststellbar in der Konstruktion von mit unterschiedlichen Rechten ausgestatteten Subjekten sowie in der Durchsetzungsinstanz Staat, letztere beziehen sich v.a. auf die Begründungsmuster (Erreichung gesellschaftlicher Transformationen im allgemeinen Interesse auf der einen, Aufrechterhaltung sozialer Ordnung und Wohlstandssicherung auf der anderen Seite) und die primär angewandten Machtpraktiken (strategisch-produktiv/souverän-repressiv).




Nils Zurawski (Universtität Hamburg, Insttut für kriminologische Sozialforschung)
Gewalt als Notwendigkeit - Nordirland und Diskurse der Gewalt

Gewalt hat eine lange Geschichte in Nordirland. Seit über 30 Jahren schwelt in der Provinz ein Konflikt, der bis heute nicht wirklich gelöst worden ist. Auch wenn durch ein Friedensabkommen 1998 von allen Seiten ein Verzicht auf Gewalt vereinbart wurde, so kann nicht davon gesprochen werden, dass Gewalt nicht mehr das Leben in Nordirland bestimmt, oder gar ganz verschwunden ist. Im Gegenteil: Gewalt strukturiert nach wie vor das gesellschaftliche Leben, Denken und die Politik. Dass sich die Mittel dabei von tatsächlichen Gewalttaten auf mehr symbolische Gewalt verlagert hat, ist für die Diskurse der Gewalt nur von geringer Bedeutung. Denn letztlich sind diese es, woraus sich ein - eher unwahrscheinlicher aber möglicher - Ausbruch gründen würde.
Narrative oder Diskurse der Gewalt dienten während des langen Konfliktes als Begründung für den paramilitärischen Kampf auf Seiten der Katholiken und Protestanten. Darüberhinaus waren diese Diskurse Mittel der Kontrolle der jeweils eigenen Gemeinschaft, was sie bis heute geblieben sind. Besonders interessant daran ist, wie tatsächliche Gewalt und ihre nachgeschobenen Diskurse Identität konstruieren und erhalten. Die Deutungsmacht liegt dabei bei den Paramilitärs, die legitimiert von der Gemeinschaft über Gewalt dieser erst eine Identität "verleihen" bzw. diese immer wieder erneuern.
In einem Kreislauf der Gewalt nicht als solche erkennt und benennt, sondern als Verteidigung, Rache und Mittel zur Erhaltung von Identität und Autonomie gegen den Staat, lässt sich Frieden nur mühsam herstellen. Zumal dann, wenn Gewalt eine Notwendigkeit ist und kein Mittel zum Zweck im Kampf gegen Unterdrückung darstellt.
Diese Diskurse der Gewalt und ihre Funktion sollen in dem Vortrag vorgestellt und diskutiert werden.

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