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Dietmar J. Wetzel

Zwischen Gleichheit und Differenz:
J. Rancières Denken einer Ästhetik des Politischen


Zur Einführung - Wiederbelebung des Politischen?
Das Denken des bereits emeritierten französischen Philosophieprofessors Jacques Rancière steht hierzulande immer noch im Schatten solch bekannter Namen wie Foucault, Derrida, Ricoeur oder auch Bourdieu. Für mein Dafürhalten zu unrecht. Der gegenwärtig neu aufgeflammte Diskurs des Politischen (vgl. dazu Wetzel 2003) legt eine intensive Beschäftigung mit Rancières Werk deshalb nahe, weil der Philosoph und Ästhet bei genauer Lektüre als eminent politischer Denker begriffen werden muss. Dies im Kontext der Thematik „Zwischen Gleichheit und Differenz“ zu verdeutlichen, ist eine Intention des Beitrages. Evoziert durch das von Hardt/Negri beschriebene „Empire“ erscheint am Horizont des Politischen eine neue Teilung, die - wie unvollständig auch immer erfasst - durch eine Differenzierung der Lebenswelten und eine radikale Zunahme sozialer Zerbrechlichkeit, aber auch durch das Erscheinen (neuer) Ungleichheiten besticht. Nach Jahrzehnten der ethisch-moralischen Lähmung, eine Art neue „bleierne Zeit“, die den Neoliberalismus nicht nur länger als Wirtschafts-, sondern auch als Gesellschaftsmodell mehr gestützt als kritisiert hat, erzwingen die ökonomisch-sozialen Verwerfungen, so meine These, eine Reformulierung und Neubestimmung des Politischen. Gleichzeitig versucht ein neoliberal-ökonomischer Diskurs das Politische zu verdrängen, zu leugnen oder gar für überflüssig zu erklären. Zu prüfen wäre, inwiefern im Anschluss an die thematisch einschlägigen Arbeiten Jacques Rancières (Aux bords du politique 1998, Das Unvernehmen 2002, „Die Gemeinschaft der Gleichen“ 1994) eine Neubestimmung des Politischen gelingt.

Grundzüge des Rancièreschen Denkens des Politischen
Zur Veranschaulichung seiner Gedanken, die oft poetische Züge tragen (Rancière 2000), greift Rancière immer wieder auf historische Beispiele im Sinne von Szenen oder Szenarien zurück. Diese verbindet er in eigentümlicher Weise mit theoretischen Erklärungen. Hervorzuheben ist, dass das Politische für Ranciere keine Ordnung, keinen Grund darstellt. Die Politik kann dagegen als ein kontinuierlicher Zustand bzw. Eingriff (Polizei, Verwaltung), also auch im Sinne einer institutionellen Einrichtung, verstanden werden. In seinem jüngst übersetzten Werk Das Unvernehmen (2002) plädiert Rancière sogar für eine recht scharfe Unterscheidung zwischen Politik und Polizei. Die Verwendung des Begriffes der Polizei (vgl. dazu Foucaults Rückgriff auf die sog. Policeywissenschaft) will er beschränkt wissen auf Verwaltung und Ordnung. Das Politische wiederum „existiert genau im engen und gewagten Zwischenraum von zwei Verkörperungen, im Raum zwischen den Identitäten der polizeilichen Distribution von Funktionen und diesen neuen Identitäten, bei denen jede Subjektivierung von der Möglichkeit bedroht ist, zu misslingen und sich als wahres und ausschließliches Wesen der Gemeinschaft verwirklichen zu wollen“ (Rancière 1997a:72/73). Auf dem Gebiet der Politik ereignet sich das Politische dabei immer nur im jeweils konkreten, historischen Fall (Praxis), der darüber zu entscheiden hat, was überhaupt das Gemeinsame ausmacht und wer in diesem Zusammenhang etwas zu sagen hat. Damit verliert das Politische seine Selbstverständlichkeit. Im Unterschied zur liberal-diskursethisch beeinflussten politischen Theorietradition (Habermas, Rawls) ist Rancières Begriff des Politischen einer des Konfliktes, der Unstimmigkeit, ja des Polemischen. Nicht die kommunikative Verständigung (Idealfall), sondern das Streithandeln, frz. le litige, bestimmt das Geschehen im Raum des Politischen. Einer solchen Auffassung folgend, erfordert politisches Handeln und Kommunizieren eine Verschränkung von Argument und Metapher, ihm eignet demnach eine poetische Dimension (Le partage du sensible 2000). Hinzu kommt ein weiteres: Im politischen Konflikt bemühen sich mindestens zwei Parteien um die Herstellung einer gemeinsamen Situation und um deren Repräsentation(en). Genau dort, wo ein Teil der Menschen aus dieser Situation ausgeschlossen ist, muss insofern dieses Gemeinsame (Nancy) als zunehmend fragil beschrieben werden, zumal unter globalisierten Bedingungen. Die Repräsentationsweisen sowie die Praxen des Politischen durchleuchtet Rancière im Hinblick auf die historischen Verwerfungen und die Phänomene des Gleichheitsdiskurses. So war im Dispositiv der Moderne das Gesellschaftliche bislang der genuine Ort, an dem sich das Politische abgespielt hat (Rancière 1997a: 91). In der postmodernen Moderne ist an diese Stelle eine zunehmend ökonomisierte Form des Sozialen getreten. Aber auch der Begriff der Gleichheit unterliegt einem veränderten Diskurs.

Das Beispiel Gleichheit oder: Die Gemeinschaft der Gleichen
Rancière zufolge beruht das moderne Prinzip der Gleichheit gerade nicht auf Identität, vielmehr führt er die Differenz als Erfahrung der Freiheit ein. Die als politischer Grundbegriff verstandene Gleichheit intendiert nicht die Homogenisierung der Welt, sondern verweist auf die Unbestimmtheit menschlicher Verhältnisse. Das Prinzip der politischen Gleichheit widersetzt sich einer Totalisierung, dabei artikuliert sie sich im Modus des Konflikts, im Kampf der Benachteiligten um die Teilhabe am Universellen. So ist etwa der Kampf für die Anerkennung der Gleichheit der Frauen nicht als ein Plädoyer für die Uniformisierung misszuverstehen, bedeutet demnach nicht eine abstrakte Identität des Bürgers jenseits der sexuellen Differenz. Ähnlich wie bei Nancy trägt die Alterität der Mitglieder der politischen Gemeinschaft gerade nicht zur Aufhebung in der Vereinigung bei. 

Fazit
Worin liegt meines Erachtens die Originalität des Rancièreschen Denkens des Politischen begründet? Wesentlich erscheinen die folgenden drei Punkten, die abschließend zur Diskussion gestellt seien:

(1) Rancières Arbeiten bestechen durch eine Verquickung historischer Einzelanalysen (Szenen, Fälle) mit politisch-philosophischen Theoriestücken. Dadurch findet eine eindrucksvolle Historisierung und Kontextualisierung politischer Subjektivierungsweisen statt, wie sie vergleichsweise aus dem Werk Foucaults bereits hinlänglich bekannt sind.

(2) Der Schlüsselbegriff des Politischen fungiert nicht als metaphysischer Fluchtpunkt einer ästhetisch-philosophischen Theorie, sondern erhält einen dezidiert zugeordneten, eingegrenzten Platz. Vieles von dem, was herkömmlich als Politik begriffen wird, ordnet Rancière dem Begriff der Polizei zu. Damit gelingt ihm eine ungewohnte Sichtweise, die sich fruchtbar machen lässt.

(3) „Emanzipatorisches Potenzial“ und Verschiebung der politisch-philosophischen Debatte: Streithandeln statt konsensorientierte Verständigung, das Politische im Unterschied zur Polizei, unbestimmte Gleichheit in der Differenz statt (oftmals verharmlosende) Anerkennung der Differenzen lauten die produktiven Alternativen, die sich Rancières Werken entnehmen lassen.


Literatur:

Birnbaum, Antonia (1999). „Die unbestimmte Gleichheit. Jacques Rancières Entwurf einer Ästhetik der Politik“, in: Joseph Jurt (Hg.), Von Michel Serres bis Julia Kristeva. Freiburg im Breisgau, 193-209.
Rancière, Jacques (1994): „Die Gemeinschaft der Gleichen“, in: Joseph Vogl (Hg.), Gemeinschaften. Positionen zu einer Philosophie des Politischen. Frankfurt am Main, 101-132.
Rancière, Jacques (1997a): „Gibt es eine politische Philosophie?“, in: Rado Riha (Hg.), Politik der Wahrheit. Wien, 64- 93.
Rancière, Jacques (1997b): „Demokratie und Postdemokratie“, in: Rado Riha (Hg.), Politik der Wahrheit. Wien, 94-122.
Rancière, Jacques (1997c): „Über den Nihilismus in der Politik“, in: Rado Riha (Hg.), Politik der Wahrheit. Wien, 123-146.
Rancière, Jacques (1998): Aux bords du politique. Mayenne.
Rancière, Jacques (2000): Le partage du sensible. Esthétique du sensible. Paris.
Rancière, Jacques (2002): Das Unvernehmen. Politik und Philosophie. Frankfurt am Main.
Wetzel, Dietmar J. (2003) : Diskurse des Politischen. Zwischen Re- und Dekonstruktion. München.