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Gerd Sebald

Wissen, Medialisierung und Werttheorie
Überlegungen zu einigen Konsequenzen der Wissensgesellschaft

These: Mit der den Prozessen die zur Formulierung des Begriffes »Wissensgesellschaft« führen, erhält ein immer größerer Teil des Wissens Warencharakter. Das hat zur Folge, daß die staatliche Eigentumsgarantie in Form von Urheber- oder Patentrechten ausgeweitet und auch in den Netzen der tele-techno-medialen Apparate durchgesetzt werden muß. Diese These soll zum einen theoretisch mit der Marxschen Werttheorie und zum anderen historisch mit der Entwicklung des Urheberrechts begründet werden. Resümee ist ein Ausblick auf die mögliche weitere Entwicklung. 

1 Der Wert der Wissens im Zeitalter der problemlosen Reproduzierbarkeit

1.1 Was ist Wissen?
 Wissen sei mit Willke definiert als »eine kommunikativ konstituierte und konfirmierte, also ›bewährte‹ Praxis, in die passende Informationen an passender Stelle eingebaut werden und in der sich soziale Praktiken zu handlungsbezogenen und handlungsleitenden Mustern verdichten. « (?: 147) Damit ist Wissen zunächst an handelnde Akteure gebunden. Aber es läßt sich auch externalisieren, d.h. in medialen Artefakten speichern und akkumulieren, seien es Bücher, Festplatten, CD-ROMs o.ä. Für die Extraktion desWissens aus angestellten Akteuren ist neuerdings dasWissensmanagement zuständig, für die Speicherung die je verfügbare Medientechnik. Auf letzteren Bereich will ich mich im Folgenden konzentrieren.

1.2 Wissen als Ware
Wissen wird nun, das ist eine allgemeine These aller Propheten der Wissensgesellschaft immer mehr zu Ware oder zum ökonomischen Gut (vgl. Willke 2003: 160ff.; Stehr 2001: 102ff.; Gibbons et al. 1994: 46ff.). Was sind nun die wesenlichen Kennzeichen der Ware oder des privaten Gutes für die Ökonomie? Das sind die Ausschließbarkeit, »the ability of sellers to force consumers to become buyers«, die Knappheit der Güter und die Rivalität der Güternutzung. (Brad de Long) Diese Kennzeichen können alle auf eine zurückgeführt werden: auf das Privat-Eigentum an den Gütern. In der Marxschen Theorie des Werts ist die Institution des Privateigentums ebenfalls grundlegend für den Warenbegriff. Die Produkte menschlicher Arbeit müssen, um ausgetauscht zu werden, also um Waren zu werden, zwei Bedingungen erfüllen: 
1) sie müssen irgendein Bedürfnis befriedigen, d.h. Gebrauchwert haben und
2) die Austauschenden müssen »sich daher wechselseitig als Privateigentümer anerkennen « (?: 99) 
Erst im Austausch erhalten die Waren dann einen Tauschwert, eine abstraktes gesellschaftliches Verhältnis, das sich hinter dem Rücken der Akteure herstellt. Marx’ Arbeits- wertlehre zufolge ist das die zur Produktion gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit, die zum universellen Wertmaßstab wird.

1.3 Wert und Preis der Software
Wie stellt sich nun dieses Verhältnis für objektiviertes und digitalisiertes Wissen, wie etwa Software, dar? Dieses medialisierte Wissen hat für einige oder viele Leute oder Unternehmen einen bestimmten Gebrauchswert. Der ist subjektiv bestimmt und damit sehr unterschiedlich. Die Entwicklung der Software ist jedoch sehr teuer. Die strukturelle und prozessuale Komplexität des Entwicklungsprozesses erfordert sehr hohe Investitionen. Wenn das Produkt aber fertiggestellt ist, kann es mit minimalem Aufwand reproduziert werden: einige Mausklicks und ein CD-Rohling genügen. Der Tauschwert der einzelnen Kopie eines Programms geht nahezu gegen Null, wird aber nie Null. Ökonomisch gesprochen gehen die Grenzkosten gegen Null. Die Softwareunternehmen müssen versuchen, ihre teuer entwickelten Programme profitabel zu verkaufen. Der Preis der Programme wird also weit über dem Tauschwert liegen. Wie ist dieses Phänomen aus der Sicht der Marxschen Theorie zu erklären? Marx hat dieses Problem nicht direkt beschrieben, allerdings findet sich eine interessante Parallele in seinem Werk: das Grundeigentum. »Das Grundeigentum setzt das Monopol gewisser Personen voraus, über bestimmte Portionen des Erdkörpers als ausschließliche Sphären ihres Privatwillens mit Ausschluß aller anderen zu verfügen.« (?: 628) Die Grundeigentümer stehen vor einem ähnlichen Problem wie die Softwareunternehmen: sie besitzen etwas, das selbst keinen Wert hat, »da die Erde nicht das Produkt der Arbeit ist, also auch keinenWert hat.« (?: 636)Sie können aber, kraft der staatlichen Eigentumsgarantie und weil der Boden letztlich Grundlage der Produktion ist, sei es als Standort für Industrieanlagen, sei es für Agrarbetriebe, eine Rente dafür herausschlagen. Sie sichern sich so einen Anteil am Profit, der auf ihrem Grund und Boden erwirtschaftet wird. Wissensarbeit im weitesten Sinne ist in der Marxschen Terminologie »allgemeine Arbeit [. . .], alle wissenschaftliche Arbeit, alle Entdeckung, alle Erfindung.« (?: 114) Analog zu den Grundeigentümern sichern sich die Wissensunternehmen einen Teil des Profits, der mit Hilfe ihrer Programme, Erfindungen, Informationen etc. erzielt wird oder werden könnte. Das können sie aber nur, wenn ihr Eigentum an dem zu verwertendenWissen gesichert und garantiert ist.

1.4 Staat und Wissensproduktion
Das bedeutet für Software im Speziellen und jegliches medialisiertes und damit digitalisierbares Wissen im Allgemeinen, daß für die Verwertung in der Warenform die Sicherung des Eigentums an der einzelnen Ware grundlegend ist. Das ist aber aufgrund einiger Merkmale des medialisierten Wissens und der Form der globalen Vernetzung im Internet hochproblematisch. Zum einen tritt bei der digitalen Kopie keinerlei Qualitätsverlust auf, Original und Kopie sind absolut identisch. Sodann gibt mensch das Wissen, wenn es getauscht wird nicht weg, sondern behält es weiterhin. Es tritt kein Verlust auf. Schließlich ist innerhalb der dezentralen digitalen Vernetzung die Kontrolle der Eigentumsverletzungen beinahe unmöglich. Sobald die begrenzten, geschützten und hierarchisierten Räume der Intranets (die einen nicht unerheblichen Teil der ach so freien elektronischen Kommunikationen ausmachen) verlassen werden, ist die Durchsetzung von Eigentumsrechten erheblich erschwert. Das zeigt alleine schon die Leichtigkeit mit der Musik, Software oder ganze Filme, die eigentlich Copyrightbestimmungen unterliegen, erhältlich sind. Rechtliche Maßnahmen, sei es staatlicher oder überstaatlicher Initiative, werden zwar in rascher Folge eingeführt. Aber die Durchsetzung bleibt bisher auf exemplarische Einzelfälle beschränkt. Gleichwohl bleiben staatliche oder überstaatliche Instanzen die einzigen, die eine Warenform von Wissen über die Eigentumsgarantie sichern und durchsetzen können. Auf dem sogenannten freien Markt ist ein solcher Regelungsmechanismus nicht herstellbar. Schon herkömmliche Märkte sind in dieser Hinsicht auf juridische Hilfe angewiesen. Das Verständnis dieser Prozesse kann ein kurzer historischer Exkurs zur ersten warenförmigen Revolution des Wissens erleichtern: 

2 Historischer Exkurs

In der handschriftlichen Kultur des Mittelalters waren Kopien eine Ehre und selbstverständlich. Die Sorge galt ausschließlich der Richtigkeit und Vollständigkeit der Kopie. Um diese zu gewährleisten wurden »Bücherflüche« eingesetzt. Es waren aber keinerlei ökonomische Interessen mit der Handschriftenproduktion verbunden. Mit der Entwicklung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern wurde dieWissensproduktion grundlegend revolutioniert und die Verbreitung von Wissen fortan warenförmig. Sehr schnell löste sich die Buchproduktion von der herkömmlichen Auftragsarbeit und schuf sich einen anonymen Käufermarkt. Innerhalb weniger Jahrzehnte entwickelte sich noch heute gebräuchliche Form des Buches mit Autor, Drucker/Verleger, Titelblatt, Inhaltsverzeichnis etc. »Autor und Drucker sind das Gundprinzip, nach dem man gedruckte Daten wiederfinden kann. Diese Adresse kann weiter verfeinert werden. Liefert ein Autor mehrere Bücher ab, so müssen diese durch Titulierungen diskriminiert werden.« (?: 323) Exemplarisch für den Autor, Kleindrucker und Selbstverleger zeigt Rautenberg diese Entwicklung hin zu einem » typographisch hergestellten Buch [mit] käufer- und leserorientierte[ n] Elemente[n] und Bauprinzipien«. (?: 38) Mit der Entwicklung des Buchdrucks entstand sich demnach die ökonomische Verwertung des Gedruckten durch die Drucker/Verleger.

2.1 Vom Privileg zum Urheberrecht
Für die Drucker/Verleger waren enorme Investitionen mit dem neuen typographischen Medium verbunden: die neue Hochtechnologie war teuer und arbeitsaufwendig: Presse, Schriften, Papier, Gehilfen, Illustratoren, Herausgeber etc. Das ganze war nur durch den Verkauf möglichst vieler Buchexemplare an anonyme Käufer zu finanzieren. Diese Finanzierung war aber bedroht, sobald ein billigerer Nachdruck (schlechteres Papier, keine Illustrationen, keine Herausgeberarbeit) auf den Markt kam. So kam es bereits 1469 in Venedig zu einem Druckprivileg, dem Schutz des sog. »giestigen Eigentums«, für einer Ausgabe von Plinius’ Historia naturalis, in der viel editorische Vorarbeit steckte. In der Folgezeit wurden viele dieser Privilegien für einzelne Bücher oder ganze Verlagsprogramme erwirkt. Das waren befristete und meist nur auf das Verbot des Nachdrucks bezogene Urkunden für die Verleger/Drucker, die sich so ihren Gewinn zumindest in einem begrenzten Gebiet sichern wollten. Autoren waren darin nur erwähnt, wenn sie sich am Herstellungsprozeß des Buches beteiligten. Aus diesen Sonderrechten hat sich schließlich im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts das Urheberrecht entwickelt, wobei sich der Eigentumstitel langsam vom Verleger auf den Autor verschob. Dieser obrigkeitliche Schutz verband sich allerdings zunehmend mit obrigkeitlicher Kontrolle: bereits 1485 wurde das erste Zensuredikt, das bereits sämtliche volkssprachlichen Druckwerke betraf, erlassen, 1487 erfolgte die erste päpstliche Bulle, die Vorzensur befahl (?: 26). Im weiteren Verlauf wurde die Zensurpraxis eng mit dem Privilegienwesen verbunden.

2.2 Warenförmigkeit des Wissens und Entstehung der Wissenschaft
Die Verbreitung des Wissens war seit Beginn der Neuzeit an das warenförmige Medienartefakt Buch gebunden. Dabei war das Eigentumsrecht in den ersten Jahrhunderten des Typographeums immer beim Drucker/Verleger angesiedelt, die von Seiten der Obrigkeit ein regional und zeitlich beschränktes Monopol zugesichert erhielten (nicht selten verbunden mit Zensurmaßnahmen). Verwertung von Wissen in Buchform war also an den obrigkeitlichen Schutz des Eigentums gebunden. Die Entwicklung der neuzeitlichen Wissenschaft korrespondiert eng mit den Verbreitungsmöglichkeiten des neuen Mediums. Das hat Eisenstein für die Entwicklung der Astronomie von Regiomontanus bis Newton gezeigt (?: 575ff.). So wurde die Kommunikation der Wissenschaftler untereinander wesentlich gefördert und dadurch, daß überhaupt verschiedene Sterntafeln zur Verfügung standen (*1), der Vergleich und die Überprüfung der Daten angeregt. Erst damit konnte sich die Differenz wahr/falsch als grundlegend für die neuzeitlichen Wissenschaften etablieren (?: 670ff.). Aus der Rekonstruktion des Zusammenhangs von Druckerpresse und Wissenschaft wird aber auch klar, daß die Rolle der Drucker und Verleger für die Astronomie durchaus problematisch war: Kopernikus’ De Revolutionibus wurde im 16. Jahrhundert nur einmal wiederaufgelegt, während antike astronomischeWerke alleine im deutschsprachigen Raum 100 Neu- oder Wiederauflagen erfuhren. (?: 615) Die Markterfordernisse führten zu einer Marginalisierung komplexer und schwierigerWerke, weil populäre Darstellungen sich viel besser verkauften. Nichtsdestotrotz entsteht auf der Basis der neuen Medientechnologie eine europaweite wissenschaftliche Öffentlichkeit. Erst mit der Drucklegung wird Wissen gesellschaftlich und setzt sich gleichzeitig ab von den im Mittelalter gebräuchlichen Begriffen Arkanum, Geheimnis, Weisheit, Brauch, Erfahrnis etc. Grundlage wissenschaftlichen Wissens wird die typographische Speicherung und die warenförmige Verbreitung (?: 677). Für die Drucker und Verleger ging es vor allem um die Sicherung des Profits. Entscheidendes Moment dabei war die staatliche oder obrigkeitliche Garantie des Eigentums, vor allem am materiellen Artefakt Buch. Das im Medium inkorporierteWissen war nur insofern interessant als es einen Markt finden mußte. Die Verleger hatten nur marginalen Einfluß auf  die wissenschaftsinternen Entwicklungen, auf die sich entwickelnde Differenz wahr/falsch als Kriterium der Wissenschaft. Gerade das zeigt das zitierte Beispiel der Astronomie: daß
sich die Wahrheit des kopernikanischen Modells letztendlich durchsetzte, war ein wissenschaftsinterner  Prozeß, der gegen die Hindernisse der Verwertung und gegen die obrigkeitliche Zensur erfolgte. Bedingung dafür war die freie Verfügbarkeit des Wissens, frei nicht im Sinne von kostenlos, sondern von zugänglich. Das Wissen von Kopernikus, Kepler und Galilei war im typographischen Speicher vorhanden, war am Markt oder in Bibliotheken zugänglich, war nachprüfbar. Die Grundlegung der Wissenschaften im Medium Buchdruck erfolgte auf dem Fundament der ökonomischen Verwertung des Buches. Bereits hier zeigt sich die Notwendigkeit der obrigkeitlichen oder staatlichen Eigentumsgarantie, die insofern vom Inhalt unabhängig ist, als sie nicht die wissenschaftsinterne Kriterienbildung eingreift (die diesbezüglichen Versuche der Zensur sind auf lange Sicht gescheitert). 

3 Schluß: Wissensökonomie und Neoliberalismus

Das ändert sich mit der Behandlung des Wissens als Produktionsfaktor: Wissen wird direkt in den Verwertungsprozeß eingebunden und unterliegt damit vor allem ökonomischen Kriterien. Entscheidend ist nun nicht mehr das wissenschaftsinterne Kriterium »Wahrheit«, sondern die Verwertbarkeit. Das hat zwei wichtige Konsequenzen:

  1. Ein gewisser Teil des Wissens fällt durch den Raster des Profits; es wird unter den neuen ökonomischen Kriterien irrelevant. Willke spricht von einem »neuen kognitiven Proletariat« (?: 210). Daß dabei einige Formen des Wissens zeigt Srubar (2002).
  2. Das Eigentum am Wissen selbst und die Kontrolle seiner Verbreitung werden zu den entscheidenden ökonomischen Faktoren. Soll Wissen effektiv verwertet werden, darf es nicht mehr frei zugänglich sein. Damit wird auch die Überprüfbarkeit anhand des Kriteriums »Wahrheit« verhindert.

Um aber das Eigentum an und die Kontrolle über die Verbreitung digitalisierter Wissenswaren zu gewährleisten, bedarf es rigider Überwachungsmaßnahmen. Angesichts der weiten Verbreitung der kostengünstigen Kopiertechnologie und der Einfachheit des Kopiervorgangs ist gerade die Anonymität des Marktes hinderlich für die Eigentumsgarantie. Staatliche oder überstaatliche Instanzen müssten Wissen inhaltlich ensprechend dem Verwertungsanspruch diskriminieren. So werden Forschungen an Technologien, die der Verschlüsselung und der Entschlüsselung dienen, in den USA bereits jetzt durch den sogenannten »Digital Millenium Copyright Act« unterbunden. Technische Kopierschutzmaßnahmen und Verbreitungskontrollen werden auch im neuen deutschen Urheberrechtsgesetz juristisch abgesichert. Zwar wurde eine Erstellung von Kopien für Lehre und Forschung erlaubt, wegen des massiven Widerstands der Verwerter aber vorerst befristet. Von der in diesem Bereich tätigen Industrie werden entsprechend strenge gesetzliche Maßnahmen gefordert. Aus diesem Bereich sind die neoliberalen Forderungen vom Rückzug des Staates aus der Ökonomie nicht zu hören. Im Gegenteil: die Forderungen der Musikund Softwareindustrie, um zwei exponierte Beispiele zu nennen, laufen auf einen starken Überwachungsstaat hinaus. Wissensökonomie, das wäre mein Fazit, erfordert angesichts der dezentralen elektronischen Kommunikationsnetze eine neue Qualität der staatlichen Garantie des Eigentums, die letztlich zu einer potenzierten Überwachung, einer Einschränkung von Persönlichkeitsrechte und erheblichen Eingriffen in die wissenschaftliche Arbeit führt.

(*1) Die zudem billiger und exakter waren, als die der handschriftlichen Überlieferung. Tycho Brahe beispielsweise hatte seine eigene Druckerpresse, Kepler war stark in den Produktions- und Vertriebsprozeß seiner Werke involviert.