<< zurück / back

Stephanie Schick / Petra Ulmschneider

Die Konstruktion nationalen Bewusstseins im Zeitalter der Globalisierung

Der „Baustellenbegriff“ kollektive Identität

Innerhalb des wissenschaftlichen Paradigmas der Internationalen Beziehungen wurden Staaten lange unhinterfragt als Akteure angesehen, die gemäß bestimmter Staatsinteressen handeln, die sich aus der Reaktion auf machtpolitische Realitäten im internationalen System bestimmen.[1] Es gibt jedoch Handlungen in der Außenpolitik, die den so verstandenen Staatsinteressen zuwiderlaufen. Deshalb wurde und wird die utilitaristische Handlungstheorie zunehmend durch den sozialkonstruktivistischen Identitätsansatz ergänzt mit dem Ziel, den entsprechenden Interessensansatz so zu erweitern, dass dieses Verhalten erklärbar wird. Identität wird damit zur erklärenden Variablen, bei deren Konkretisierung sich die Politikwissenschaft schwer tut, da kein einheitliches Konzept von Identität Anwendung findet.[2]

Notwendigkeit der Definition des Begriffes „kollektive Identität“

Klärung der Trägerfrage:

Träger von Identität[3] sind einzelne Menschen, die sich anthropologisch bedingt zu Gruppen zusammenschließen und ein WIR- Bewusstsein entwickeln.

Zur Konstruktion des WIR- Bewusstseins:

Das WIR- Bewusstsein wird in wechselseitigem Austausch konstruiert und muss als „nomischer Wissensbestand“ einer Gemeinschaft angesehen werden. Der nomische Wissensbestand setzt sich aus einer Vorstellung darüber zusammen, wie diese Gemeinschaft normativ sein soll, d.h. welche Ziele gemeinsam verfolgt werden sollen. Damit ist kollektive Identität nicht nur diskursiv erzeugte vorgestellte Gemeinschaft (imagined community nach Anderson[4]), sondern erlangt aufgrund der Notwendigkeit sozialer Geltung mit großer Reichweite an Faktizität, die dialektisch auf ihre Erzeuger zurückwirkt. Demnach wird kollektive Identität von bestimmten einflussreichen Trägergruppen ( Intellektuelle und Kulturelite) diskursiv erzeugt und erhält aufgrund ihrer sozialen Interpretierfähigkeit kollektive Bedeutung.

Ziel kollektiver Identitätsstiftung:

Der Zusammenhalt heterogener Gesellschaften soll gesichert werden, politische Herrschaft sozial legitimiert und die Funktionsfähigkeit politischer Institutionen gewährleistet werden.

Differenz zwischen Interesse- Identität:

Im Gegensatz zum politischen Interesse ist kollektive Identität nur die Hintergrundsfolie auf deren Basis Interessen wachsen können. Im Rückgriff auf wissenssoziologische Bestände wird davon ausgegangen, dass Einstellungen handlungsrelevant werden können, aber nicht unbedingt mit vollzogenen Handlungen identisch sind.[5]

Identität kann abschließend auf die Kurzformel gebracht werden, dass sie „das Bleibende“ in wechselhaften Konstellationen darstellt,[6] motivierend und integrierend wirkt und gleichzeitig nach außen abgrenzend.

Identitätskonstruktion

Die Stiftung von Identität muss als Prozess der Symbolisierung und Konkretisierung eines abstrakten normativen Identitätsentwurfes gesehen werden, der aufgrund seiner Abstraktheit der Konkretisierung bedarf, um den Angehörigen eines Kollektives eine rasche Identifizierung der Zugehörigkeit zu ermöglichen.[7]

Identitätsstiftend sind politische Maßnahmen dann, wenn primordiale Inhalte ( ursprüngliche Parameter wie Sprache, Ethnie, Historie, Territorium, Religion, Rasse, Tradition und Kultur)  vereinnahmt werden und im nationalen Kontext zu Mythen umgedeutet werden können.

Besonders wichtige personale Repräsentanten einer Nation, Denkmäler und Monumente, Nationalfeiertage, Geldscheine mit nationalen Symbolen wie Personen und Wappen, sowie die Geschichtsschreibung spielen eine wichtige Rolle und müssen als Repräsentation jenes im Diskurs erarbeiteten „nomischen Wissensbestandes“ angesehen werden, der für eine Nation typisch ist.[8]

Erkenntnisinteresse

Aufgrund der bereits angedeuteten Abstraktheit des hypothetischen Konstrukts kollektiver Identität sind nur die konkreten Repräsentationen der sozialwissenschaftlichen Forschung zugänglich, die wiederum Rückschlüsse auf das Gesamtkonstrukt möglich machen. Erschwerend tritt hinzu, dass kollektive Identität nicht zu jeder Zeit offensichtlich spürbar wird, da sie nur situational in Erscheinung tritt. Deshalb muss versucht werden, deskriptiv vorzugehen, um hypothetisch auf die möglicherweise verhaltensrelevante Metaebene schließen zu können.

Deutsche und amerikanische Identität – Versuch einer exemplarischen Konkretisierung

Unterschiedliche Ursprungsmythen

Amerikanische Identität - Konstrukt zwischen Demokratie und Puritanismus

Zwei Traditionsstränge prägen die „Neue Welt“. Einerseits der von den englischen Einwanderern mitgebrachte Puritanismus, ganz in der Tradition der Pilgrims stehend, andererseits aber die Strömungen der Aufklärung, die sich in der „Neuen Welt“ entfalten. Das amerikanische Glaubensbekenntnis zu den zwar originär amerikanischen, dennoch universell zu geltenden politischen Idealen, gemeinhin als „American Creed“ bezeichnet, findet hier seinen Ursprung: Demokratie, Individualismus sowie eine egalitäre und anti –etatistische Geisteshaltung werden zum Credo des neu gegründeten Staates. Diese Werte bilden den unverrückbaren Grundstein der amerikanischen Identität; zugleich ist die Herausbildung dieser Ideale als geistiger Extrakt der Ursprungs – und Gründungsmythen der USA zu sehen. Exemplarisch an dieser Stelle seien hier die Unabhängigkeitserklärung, die Amerikanische Revolution und die Verfassung Amerikas genannt – positiv konnotierte Meilensteine amerikanischer Geschichtsschreibung und Grundstein für die patriotische amerikanische Geisteshaltung sowie die amerikanische Identität selbst. „What we are fighting for; A Letter from America“ vom März 2002, ein Brief an die Welt, verfasst und unterzeichnet von 60 namhaften Intellektuellen der USA, zeugt von der Anschlussfähigkeit der traditionellen amerikanischen Grundsätze an die Gegenwart und deren politischen Herausforderungen.[9]

Deutsche Identität im Spiegel deutscher Vergangenheit - zentraler Bezugspunkt: Auschwitz

Im Gegensatz zur amerikanischen Identität, die maßgeblich auf positiv zu deutenden historischen Ereignissen und Gründungsmythen fußt, bezieht die deutsche Identität ihre Begründung – auch in Zeiten der Nachwende - Berliner Republik – im negativen Bezugspunkt der Verbrechen des Nationalsozialismus, zugespitzt: in Auschwitz. Die deutsche Identität gerinnt angesichts des Rekurses auf die nationalsozialistische Vergangenheit als Ursprungsmythos zur deutschen `Antiidentität`, welche sich im pathetischen „Nie wieder“ einerseits und dem kritisch beäugten Ringen um Normalität andererseits zeigt. Deutungen der nationalsozialistischen Vergangenheit und Versuche einen Umgang mit derselben zu suchen und zu finden, sind elementar für die Konstituierung der deutschen Identität. Dies zeigt sich sowohl in den anhaltenden Diskursen intellektueller Trägerschichten als auch in der Auseinandersetzung der politischen Öffentlichkeit mit der Thematik.

Repräsentation nationaler Identität anhand von Denkmälern

Gegenwärtig zeigt sich das Ausmaß der Bedeutung um die Repräsentation nationaler Identität mittels symbolisch –ästhetischer Repräsentation an der Wiederbebauung des „Ground Zero“.

Daniel Liebeskind erhielt den Zuschlag zur Erstellung eines Ensembles von Wolkenkratzern, in deren Mitte der Ground Zero selbst als Ruhe – und Gedenkpol liegen soll. Das monumentale Projekt gibt Amerika das, was es am 11. September verloren hatte und was es nach diesem Tag dringend bedarf– ein Symbol nationaler Stärke, ein Symbol der „Wiederauferstehung“.

Deutsche Nationalsymbolik hingegen ist über überschattet von deutscher Vergangenheit. Das Selbstverständnis der Repräsentation von deutscher Identität mittels Architektur, Kunst und Kultur ist wesentlich umstrittener und unterliegt nicht zuletzt deshalb einem weitaus größeren Diskurs -  und Rechtfertigungszwang als in Amerika. An der Installation „DER BEVÖLKERUNG“ entworfen und realisiert von Hans Haacke im Berliner Reichstagsgebäude entzündetet sich eine große Debatte über alle Parteigrenzen hinweg.

Die Einstellung der Bevölkerung im Abgleich zu den vorgelegten Identitätskonzepten

(Pipa – Survey April/ 2003; Eurobarometer Herbst/ 2002)

Aus den vorliegenden Untersuchungsergebnissen der Pipa –Survey, eine Umfrage zur Rolle Amerikas nach dem Irakkrieg, kann hinsichtlich der amerikanischen Außenpolitik abgeleitet werden, dass das Vertrauen in die eigene Regierung und die Richtigkeit ihres Handelns insbesondere im Kriegsfalle nicht in Frage gestellt wird. Auch das Zutrauen in die eigene militärische Macht, an die Überlegenheit der modernen Kriegstechnologie scheint ungebrochen. Allerdings zeichnet sich deutlich der Wunsch vieler Amerikaner nach stärkerer internationaler Einbindung ab. Trotz der Diskeditierung der UNO durch den Alleingang von Busch, scheint deren Wichtigkeit von den Amerikanern nicht generell in Frage gestellt zu werden. So sehr die Amerikaner hinter dem Kriegskurs von Bush stehen, so deutlich bestehen sie in innenpolitischer Hinsicht auf die Einhaltung des Checks and Balances. Auf diesem Hintergrund nimmt es nicht weiter Wunder, dass sich rund drei Viertel der Amerikaner dagegen aussprachen, dem Präsidenten alleinige Verfügung über die Gelder zum Wiederaufbau des Iraks zu geben, der Kongress sollte die Verfügungsgewalt über dieselben behalten.

Die Deutschen sind die Schlusslichter Europas, jedenfalls was den Stolz auf ihr eigenes Land angeht.[10] Sie fühlen sich auch nicht als stolze Europäer, aber erreichen hier vor den Briten wenigstens den vorletzten Platz mit 51%. Stolz scheint man auf Deutschland auch heute nicht sein zu dürfen und auch nicht zu können – ausgenommen natürlich auf die Deutsche Nationalelf oder auf den wirtschaftlichen Erfolg deutscher Unternehmen. Der geringe Stolz der Deutschen auf Europa ist sicherlich nicht nur monokausal aus der deutschen Vergangenheit heraus zu erklären, hier müsste ein mehrsträngiger Erklärungsansatz und eine genaueres Analyseraster zugrunde gelegt werden.

Definitionsversuche nationaler Identität in der modernen Welt und die Veränderung der sozialen Konstruktion

Veränderungen im internationalen System hervorgerufen durch zunehmende transnationale Vernetzungen („Globalisierung“) führen dazu, dass nationale Besonderheiten im Rückgang begriffen sind. Dadurch verändert sich auch die soziale Konstruktion von Identität, weil soziale Geltung in einer pluralisierten Gesellschaft schwieriger herzustellen ist:

Identitätsbestimmungen werden zunehmend abstrakter unter Bezugnahme auf noch legitimierbare universelle Werte und Normen formuliert, um nicht beträchtliche Bevölkerungsteile gänzlich als Zielgruppe zu verfehlen. Damit wird der Mangel an öffentlicher Übereinstimmung überdeckt, der im Falle des Versuchs der Konkretisierung im Diskurs deutlich wird.

Abstrakte kollektive Identität kann im Bedarfsfall so interpretiert und uminterpretiert werden, dass sich besondere moralische Verpflichtungen aus der Bezugnahme auf universelle Werte ergeben, die politisch instrumentalisiert werden.[11]

Ausblicke

Die USA und die transatlantischen Beziehungen nach dem 11. September

Aufgrund des Sendungsbewusstseins der USA und deren Hang zur weltumspannenden Mission unter Bezugnahme auf universelle Werte, hat der 11. September eine neue Mission möglich gemacht: Die Bush- Doktrin: Sie umfasst den Kampf gegen den internationalen Terrorismus, der innenpolitisch auf Zustimmung stößt und Maßnahmen möglich macht, die nicht unmittelbar mit der Bekämpfung des Terrorismus zu tun haben, wie beispielsweise die Beschaffung von Kampfflugzeugen. Innenpolitisch ist zu befürchten, dass die Beschneidung bürgerlicher Freiheiten möglich wird. Allerdings wird Terrorismus nach wie vor mehr inter- als transnational definiert. Die hegemonial verstandene Mission steht in der Tradition Reagans und geriert sich  als Politik der militärischen Stärke und moralischen Klarheit. Außenpolitisch erhalten alle Staaten die Wahl: „either with us or with the terrorists“. Damit wird zum einen versucht, eine das Handeln vereinfachende dichotome Matrix anzulegen und möglicherweise jene „neue Weltordnung“ zu schaffen, die Bush sen. anstrebte. Zum anderen wird eine neue Form der Allianz im Bedarfsfall angestrebt, die mit der Bevorzugung altgewachsener bilateraler Beziehungen bricht und Staaten die Zusammenarbeit ermöglicht, die bisher keine Alliierten waren. (Phänomen der „Bushisierung“) Aus europäischer Perspektive betrachtet, fand die USA jedoch keinen Umgang mit den Ereignissen vom 11. September, sondern reagierte mit naivem historischem Optimismus und dem Glauben an hochtechnisierte Waffen. In Deutschland stößt diese amerikanische Selbstdefinition auf Unverständnis, man wendet sich gegen Militarisierung und Aufrüstung. Eine Periode der Entfremdung setzt ein, die ihre Anfänge jedoch aufgrund zweier Gründe schon seit dem Ende des Ost- West- Konflikts nahm:

Obwohl Deutschland zum einen medial durch die amerikanische Massenkultur bestimmt wird, der Marshallplan im kollektiven Gedächtnis nach wie vor präsent ist, hat sich doch eine Generationenveränderung ergeben, welche der speziellen US- Sozialisation ein Ende setzt.

Zum anderen gibt es in Deutschland einen latenten Antiamerikanismus, der sich auch aus dem nationalen Selbstverständnis heraus erklären lässt und aus einem Jahrhunderte alten dichotomen Zuschreibungskonzept- neben anderen Gründen- resultiert: Zwischen Kultur und Zivilisation.[12]


[1] Vgl. Wendt, Alexander, Collective Identity Formation and the International State, in: American Political Science Review 88:2 1994, S. 384-396 und Baumann, Rainer, German Security policy within Nato in: Volker Rittberger (Hg.), German Foreign Policy since Unifikation. Theories and Case Studies, Manchester University Press 2001, S. 141-184.
[2]
Vgl. Jetschke, Anja, Liese,  Andreas, Kultur im Aufwind. Zur Rolle von Bedeutungen, Werten und Handlungsrepertoires in den internationalen Beziehungen, in: Zeitschrift für Internationale Beziehungen 5/1, 1998, S. 149-179
[3]
Aufgrund der oben beschriebenen Verwendungsvielfalt muss geklärt werden, wer Träger von Identität ist, weil gerade bei der Zuschreibung große Unterschiede vorherrschen. Im wissenschaftlichen Diskurs sind drei  Hauptströmungen auszumachen, die Identität an jeweils unterschiedliche Träger zuweisen: Entweder dem Staat, einzelnen Personen oder Kollektiven. Vgl hierzu: Weller Christoph, Kollektive Identität in der internationalen Politik. Anmerkungen zur Konzeptualisierung eines modischen Begriffs, in: Walter Reese- Schäfer (Hg.), Identität und Interesse. Der Diskurs der Identitätsforschung, Opladen 1999, S. 249-279.
[4]
Anderson, Benedict, Imagined Communities, London 1983, dt. Die Erfindung der Nation, Frankfurt a. M. und New York 1988.
[5]
Estel, Bernd, Nation und nationale Identität, Wiesbaden 2001 und zur Differenzierung zwischen Interesse und Identität: Reese- Schäfer, Walter, Identität und Interesse, in: Walter, Reese- Schäfer, Identität und Interesse. Der Diskurs der Identitätsforschung. Opladen 1999
[6]
Bausinger, Hermann, Identität, in: Hermann Bausinger, Utz  Jeggle, Gottfried Korff, Martin Scharfe, Grundzüge der Volkskunde, Darmstadt 1978, S. 204
[7]
Vgl. Walkenhorst, Heiko, Europäischer Integrationsprozess und europäische Identität. Die politische Bedeutung eines sozialpsychologischen Konzepts, Baden Baden 1999.
[8]
Eisenstadt, Sahmuel, Noah, die Konstruktion nationaler Identitäten in vergleichender Perspektive, in: Bernhard Giesen, Nationale und kulturelle Identität, Frankfurt a.M. 1991
[9] Ein Brief vom „Institute for American Values“. 12.03.2002.
[10]
http://www.europa.eu.inticommidg10/epo/
[11]
Estel, Bernd, Nation und nationale Identität, a.a.O.
[12]
Vgl. hierzu: Rudolf, Peter, Die USA und die transatlantischen Beziehungen nach dem 11. September, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung das Parlament, Nr. 25, 21.06.2002.

und Kreft, Heinrich, Vom „Kalten zum Grauen Krieg“. Paradigmenwechsel in der amerikanischen Außenpolitik, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Beilage zur Wochenzeitung das Parlament, Nr. 25, 21.06.2002