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Julia Patrut

"Inklusionen, Exklusionen und konstruierte Fremde: Zur Wissensproduktion über Osteuropa in Diskursen deutscher / westlicher Kulturrepräsentationen"

Einführende Bemerkungen zu meinem Vortrag anhand eines kleinen Beispiels:

>>Rußlands schönste Stadt als Ikonenvision der europäischen Kultur<<

Koordinaten zur Repräsentation der Wissenschaftsbetriebe
Ein maßgebliches und z.T. (allerdings weniger in Bezug auf Osteuropa) erforschtes Moment dieses Wissensproduktions-Disposivs ist die permanente Selbstversicherung und das Attestieren der eigenen Überlegenheit in westeuropäischen bzw. US-amerikanischen institutionalisierten Wissenschaftsbetrieben; in naturwissenschaftlichen wie geistes-wissenschaftlichen Disziplinen wird mit der Überlegenheit der eigenen Wissenschaft auch das Innehaben von Deffinitionsmacht über Art und Inhalt notwendiger Dichotomien zelebriert. So ist diese Annahme der Überlegenheit der deutschen Wissenschaft - deren Vereinbarkeit mit ihrem Selbstbild eines 'freien' und offenen oder auch 'demokratischen' Repräsentationssystems fraglich erscheint - in naturwissenschaftlichen Fachzeitschriften, die über Osteuropa berichten, in unterschiedlichen Schattierungen, allerdings mit beeindruckender disziplinübergreifender, flächendeckender Streuung vertreten: Von der platten Behauptung bis hin zur scheinbaren Infirmation. Ein Beispiel für letzteres findet sich in der Zeitschrift "Forst und Holz", wo von der "keineswegs unterentwickelten Tradition von Forschung und Lehre in Rumänien" (2003, 58. Jhg., Nr. 5, S. 106) gesprochen wird. Auf den ersten Blick soll hier eine Abwertung aufgehoben werden; doch welche gedanklichen Schritte liegen dieser Aussage zugrunde? Als erstes wird auf die Hintergrundfolie eines Repräsentationssystems rekurriert, das Deutschland und Rumänien (und entsprechend deren Wissenschaftsbetriebe) als dichotome Pole setzt; als zweites, oder vielmehr gleichzeitig, wird die Minderwertigkeit des Pols der 'Forschung und Lehre in Rumänien' als Normalität evoziert. Und drittens wird dann die Streichung, die Verneinung dieser Abwertung vorgenommen, was allerdings zu einem erneuten Akt der performativen Affirmation deutscher Definitionshoheit wird. Ohne eine Reflexion dieser Zwischenschritte der Repräsentation gestaltet sich also auch eine Verneinung der Minderwertigkeit als deren Fortschreibung; eine Umkehrung dieser Aussage müsste in eklatanten Widerspruch mit dem deutschen Wissensdispositiv geraten: 'Die Tradition von Lehre und Forschung in Deutschland ist keineswegs unterentwickelt'. Tatsächlich wird nach der Lektüre dieses Satzes ein Bedürfnis ausgelöst, nach Fakten zu suchen, welche die Unsinnigkeit dieser Aussage belegen. Die nächste Frage liegt auf der Hand: Welche Wissenschaftsfakten wurden als Beleg dieser Unsinnigkeit (gerade retrospektiv) hervorgebracht? Und wie gestaltet sich neben der Selbstreferentialität von eigener Überlegenheit und Wissenschaftsinhalten der Rekurs auf das, was als außerhalb des Überlegenen erscheint? 

"Warten auf Europa": Funktionen repräsentierter Auslöschung 
Der Titel des Textes, aus dem ich hier zitiert habe, lautet "Warten auf Europa". 
Auch hier wird die oben erwähnte Dichotomie affirmiert, ebenso wie die Abwertung des Pols "Rumänien". Außerdem werden hier aber Grenze und Ausschluß mitrepräsentiert: Rumänien ist nicht nur ein kultureller Raum, dessen Wissenschaftsbetrieb prinzipiell von deutscher Seite begutachtet werden kann, sondern auch einer, in dem die höchste denkbare Aufwertung, die Aufhebung eben dieses Ausschlusses ist. Gleichzeitig erscheint diese Aufwertung letzten Endes nicht aus eigenen Bemühungen erreichbar, sondern ausschließlich als neuer Definitionsakt von außen - wenn also von deutscher / westeuropäischer Seite dieser Ausschluss aufgehoben werden würde ("Warten auf Europa"). 
Der zweite Terminus, 'Europa', ist ein einfaches Beispiel für einen Repräsentationsmechanismus, dessen Wirkungsmacht ausreicht, um sich über 'wissenschaftliche Fakten', die an anderer Stelle seines Wissenschaftssystems produziert wurden, hinwegzusetzen, um Exklusion zu produzieren. Die absurd anmutende Konstruktion, nach der Gebiete, die laut sämtlichen geographischen Atlanten seit Jahrhunderten mitten in Europa liegen, nun plötzlich von ihrem Ort verschwunden sein sollten, zieht sich nun seit über 12 Jahren durch wissenschaftliche Literatur, Fach- und Tagespresse und wird für alle mittel-, ost- und südosteuropäischen Länder eingesetzt. Hier wird deutlich welch hohe Priorität die Exklusion Osteuropas im westlichen Wissensdispositiv immer noch innehat. Auch hier geht das Bestreben, in der Repräsentation Osteuropas eigene Machtvorteile zu bewahren oder herzustellen einher mit der rhetorischen Auslöschung dieser Räume aus der europäischen Topographie. 

Freilich soll diese Exklusion letzten Endes einer späteren (partiellen) Inklusion unter bestimmten Bedingungen dienen, zumal die "Verbesserung", die im wartenden Osteuropa stattfinden soll, häufig mitrepräsentiert wird als Entwicklungslinie, an deren Ende jene Verhältnisse stehen, die sich Deutschland in Osteuropa wünscht. Ein letztes Zitat macht diesen Zusammenhang erkennbar: 

"Es ist immer noch ein wunderbares Gefühl ungestillter Neugierde, Berichte aus einem Land zu lesen, welches selbst für ein friedliches Geschäft wie das des Forstwesens ein halbes Jahrhundert lang hermetisch verschlossen war". 

Interessant ist hier die mindestens erläuterungsbedürftige Behauptung, die Forstwirtschaft wäre in den Letzten Jahren verschlossen gewesen, zumal in diesem Wirtschaftszweig durchaus intensive Außenhandelsbeziehungen gepflegt wurden, die im obigen Beispiel ebenfalls rhetorisch ausgelöscht, und nicht etwa kritisch analysiert werden. Das "Gefühl ungestillter Neugierde" gilt nicht ihnen, sondern der nun aufkommenden Möglichkeit, von deutscher Seite her die forstwirtschaftlichen Entwicklungen in diesem 'noch-nicht-europäischen' Raum mitzulenken.

Im deutschen Wissensdispositiv gehen Repräsentationen von kulturellen Räumen Osteuropas bis heute fast immer von einem dichotomischen Verhältnis und der Subalternität des zweiten Pols aus. Selbst anhand eines einfachen kurzen Beispiels wie dem obigen wird eine Hintergrundfolie von Repräsentationsschemata deutlich, die zum einen von Inkompetenz im Umgang mit Differenz zeugen, zum anderen aber bedeutsame Verknüpfungen zwischen Wissensproduktion und Hervorbringung von Machtvorteilen - sowohl auf symbolischer, als auch auf ökonomischer Ebene aufzeigen. Bedeutsam ist weiter die These, dass hier Exklusion und Abwertung letzten Endes einer gesteuerten Inklusion unter bestimmten Voraussetzungen und Bedingungen dient.

"Europa wie eine Enzyklopädie": Inkompetenz und Gewalt in Repräsentationen von Differenz
Das kurze Beispiel zeigt, wie sehr Kulturrepräsentationen Osteuropas an überaus groben Hintergrundfolien eines Wissensdispositivs ausgerichtet werden, in welchem Differenz strategisch zur Sicherung oder Hervorbringung seiner eigenen zentralen Machtposition repräsentiert wird. Die durch diese Ausrichtung entstandene und tradierte omnipräsente Inkompetenz steigert sich zuweilen bis zur Selbstkarrikatur westeuropäischer Selbstreferentialität:

"Die flache Abbildlichkeit, welche das Verhältnis Rußlands zur europäischen Kultur kennzeichnet, erklärt sich schon aus dem ostwestlichen Fensterblick, dem sich Europa wie eine Enzyklopädie künstlerischer Formen darbietet."
(FAZ 2003, Nr. 124, S. 42; Feuilleton)

Auf diesen Text, aus dessen Titel auch mein hier gewähltes Anfangszitat stammt, werde ich ausführlicher eingehen; hier sei nur angemerkt, dass obige textuelle Repräsentation Westeuropa als einzige (und homogene!) Enzyklopädie der Kultur annimmt und denkbar erscheinen lässt. Auch hier wird die Macht über zentrale Referenzen, an denen sich Wissensproduktion auszurichten hat, reklamiert; darüber hinaus wird diese Machtbeanspruchung als Zuweisung der östlichen Seite repräsentiert. Es sei also der Blick St. Petersburgs auf Westeuropa, sein 'ostwestlicher Fensterblick' der letzteres als allein gültige Enzyklopädie künstlerischer Formen instauriert und anerkennt, - so die deutsche Stimme des Textes.
Zur Symptomatik dieses Unvermögens, Differenz in komplexeren Kategorien zu denken als dem wahrlich flachen Repräsentationsraster der Abwertung, Exklusion und Verlangen nach dem Wiederfinden eines konstruierten Eigenen gehört auch die simplifizierende Homogenisierung - hier zum einen 'Europas' und zum anderen 'Rußlands', wobei offensichtlich 'Europa' für Deutschland bzw. Westeuropa und 'Rußland' für St. Petersburg steht; dabei liegt St. Petersburg nah bei Helsinki und tausende Kilometer westlich vom Uralgebirge, das gemeinhin als östliche Grenze Europas betrachtet wird.
Gerade die fehlende Unterscheidung zwischen Petersburg und dem restlichen Rußland lässt die pathologische Homogenisierung der Repräsentation von kultureller Differenz im Sinne der Sicherung eigener Machtvorteile deutlich erkennen; um die Ausmaße der Selbstüberschätzung und -zentrierung erkennen zu lassen, rekurriere ich hier auf geographische Repräsentationen, die trotz ihrer Unzulänglichkeiten die Rhetorik dieser machtsichernden Wissensproduktion zumindest erahnen lassen. Über zehntausende Kilometer kultureller Räume und Millionen dort lebenden Menschen wird ein Wissen produziert, gemäß welchem diese sich in grundsätzlicher Subalternität gegenüber westlicher Definitionsmacht befinden.
Geographisch müsste also das obige Zitat in etwa so umschrieben werden: Von den Severnaia Zemlya Inseln am Arktischen Ozean nach Ulan Ude im Himalaya, nahe der Grenze zur Mongolei, von den Novosibirskiye Inseln in der Ostsibirischen See bis nach Blagoveshchensk, das nördlich über dem chinesischen Beijing liegt, und schließlich von Moskau aus 9258 km nach Osten mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Vladivostok, und weiter bis zu den Sakhalin Inseln neben Japan soll 'Rußland' also mit mit dem Kopieren und Fälschen 'europäischer' Formen beschäftigt sein. Petersburg, der 'schönsten' Stadt Rußlands, sei dies eben am besten gelungen, - damit ist auch die in den Westen führende Entwicklungslinie wieder mitrepräsentiert.

Eine weitere gezeichnete Entwicklungslinie, auf die ich im Vortrag eingehen werde, ist die neuerliche Spaltung Europas von US-amerikanischer Seite im Kontext des Irak-Krieges. Anknüpfend an die Trennung zwischen 'Europa' und 'Nicht-Europa' wurde eine Dichotomie zwischen 'Altem' und 'Neuem Europa' aufgestellt. Es handelt sich hier um eine pejorative Verwendung des 'Alten' als das seinem Ende nahe stehenden, überholten. Auch bei dieser Konstruktion wird auf Bedeutungsfragmente rekurriert, die auf flache aber durchaus folgenreiche Weise strategische Polarisierungen hervorbringen und letzten Endes ein Europa hervorbringen sollen, so wie es von US-amerikanischer Seite erwünscht wird.