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Andreas Niederberger / Philipp Schink

Welt des „Lebens“ oder Lebenswelt – Zur Kritik der „Biopolitik“-Diagnose vor dem Hintergrund der Sozialontologie Maurice Merleau-Pontys (Arbeitstitel)

In den letzten zwei Jahrzehnten haben die Phänomenologie und ihre Nachfolgegestalten die praktische Philosophie und darin insbesondere die politische Philosophie als ein Terrain entdeckt, auf das nicht nur die phänomenologische Methode schlechthin ist. Systematisch hat dies seinen Grund in der Entfaltung dessen, was in der phänomenologischen Intentionalitätskonzeption impliziert ist, wenn diese von jeglicher Subjektphilosophie abgelöst wird. In der Intentionalitätsrelation liegen dann nämlich einerseits die horizontale Vernetzung der konstitutiven Entitäten, d.h. die Intersubjektivität, sowie andererseits ein Verhältnis der Konstitutionsinstanzen zur Welt, in dem sich letztere zwar beständig in ihrer Sinndimension als konstituierte ergibt, zugleich aber jede der Konstitutionsinstanzen als einzelne Teil dieser konstituierten Welt ist. Die Relationen zwischen den Menschen und diejenigen zwischen den Menschen und der sonstigen Welt nehmen damit den doppelten und teilweise ambivalenten Charakter der Bestimmung und des Bestimmt-Werdens an.
Eine solche Gleichzeitigkeit von Bestimmung und Bestimmt-Werden ist aber gerade eine klassische Darstellung der Politik, womit es nahe liegt, Reflexionsfiguren der politischen Philosophie auf den quasi-ontologischen Zusammenhang der Konstitution und Reproduktion von Weltlichkeit anzuwenden, aber auch explizit politische Verhältnisse darauf hin zu befragen, inwiefern ihnen nicht der quasi-ontologische Zusammenhang als Ermöglichungsbedingung oder gar eigentliche Ebene des Politischen vorhergeht.

In dem auf diesem Abstract aufruhenden Vortrag soll zunächst mit Blick auf die Entfaltung des Konzepts der Biopolitik bei Foucault und Agamben gezeigt werden, dass dieses Konzept zumindest im zweiten Fall eine spezifische Variante der zuletzt erwähnten Deutung der Politik im Lichte der Einsichten in die Konstitutionsverhältnisse von Weltlichkeit überhaupt darstellt. Nach einer kurzen Erläuterung der systematischen Schwächen insbesondere der Thesen Agambens, wird unter Rückgang auf Merleau-Ponty argumentiert werden, dass dessen Lebensweltkonzeption überzeugendere Optionen eröffnet, dasjenige zu denken, was zu Recht unter dem Titel der „Biopolitik“ anvisiert wird. Zuletzt wird im Anschluss an die Problembestimmung bei Merleau-Ponty demonstriert, dass die Variante einer „Phänomenologie des Politischen“, wie sie von Jacques Rancière präsentiert wird, interessante Alternativen zur Darstellung der Politik bei Foucault und Agamben bietet. 

Während Foucault die Gouvernementalität mit ihrer Eigentümlichkeit der Biopolitik als Resultat mehr oder weniger kontingenter historischer, politischer und wissenschaftlicher Diskurse und Praktiken betrachtet, sie für ihn also letztlich Ergebnis der menschlichen Geschichte ist, denkt Agamben den Zusammenhang, in dem sich Souveränität und Leben wechselseitig anrufen, als fundamentale ontologische Gegebenheit. Jede vermeintlich kontingente Entwicklung verdankt sich dabei noch immer der Bewegung der Immanenz. Im Anschluss an diese radikale Diagnose stellt sich jedoch die Frage, ob die Argumentation wirklich so zwingend ist, wie Agamben sie präsentiert, d.h. insbesondere, ob der Souveränitätsbegriff, wie in Homo sacer entwickelt, notwendig auf den gewalttätigen Ausschluss des bloßen Lebens aus dem qualifizierten Leben verwiesen ist bzw. ob er notwendig in der Setzung einer Unterscheidung von zoe und bios besteht. Diese Unterstellung ist bei Agamben dadurch motiviert, dass der souveräne Akt, um ein solcher sein zu können, sich seiner eigenen Souveränität sicher sein muss. Eine solche Versicherung ist aber nur dann möglich, wenn der souveräne Akt Grund jeder Art von Bestimmtheit ist, d.h. sowohl seiner eigenen als auch desjenigen, was durch ihn hervorgebracht wird, womit sich eine quasi-reflexive Struktur andeutet, in der die Unbestimmtheit der Welt in der Souveränität ihrer selbst inne wird und sich vermittels ihrer zu einer Selbstbestimmtheit zu transformieren beansprucht. Muss aber die Souveränität wirklich als eine Figur gedacht werden, die ihrer selbst bewusst wird und ist? Jean-Luc Nancy schließt einen instruktiven Text zur Souveränität mit der Frage, ob der eigentlich souveräne Akt nicht entgegen aller klassischen Deutungen über die Entscheidung gerade in der unbestimmten Revolte des Volkes, im Aufstand also gegen eine Art der Bestimmtheit oder gegen die Art einer Ausübung von Bestimmung besteht, die jeweils zu einer gegebenen Zeit und an einem gegebenen Ort existieren. In seinen Augen ist die Souveränität allein eine fiktionale Kategorie, die es erlaubt, ein Moment der Kontingenz in der Entfaltung von Verhältnissen aufzuzeigen, das sich den Verhältnissen selbst aufgrund seiner absoluten Unbestimmtheit strukturell entziehen muss.

Merleau-Ponty vermeidet nun sowohl den empiristischen Historizismus oder Fatalismus Foucaults als auch die Vorstellungen Agambens, dass es Momente reiner Stiftung gibt sowie dass sich in der Abwendung von dem Versuch, diese Stiftung anzueignen, die Möglichkeit der Erlösung eröffnet. Mit Foucault und gegen Agamben zeigt er, dass (zumindest zum Teil) kontingente historische Vorgaben unerlässliche Voraussetzungen und unumgänglich für soziales Handeln sind und es selbst prinzipiell keine Möglichkeit der Stiftung oder Urstiftung dieser Vorgaben in ihrer Gesamtheit geben kann. Die Kontingenz der Vorgaben reicht dabei – wie wir bereits bei Jean-Luc Nancy gesehen haben – so tief, dass selbst das vermeintliche Moment absoluter Setzung im souveränen Akt noch eine Abstraktion darstellt, die ohne die Vorgaben nicht verstehbar wäre. Gegen Foucault und im Sinne Agambens hält er aber dennoch daran fest, dass die Konstitution kein bloßes Geschehen ist, dem die Akteure ausgeliefert sind oder das sie allein nicht-intentional, in gewisser Weise als Nebeneffekte ihrer eigentlichen Ziele verursachen. Ohne die Ausdruckstätigkeit der Akteure würde es keine Fortschreibung der lebensweltlichen Verhältnisse geben und der Ausdruck ist bei all seiner Objektivität doch immer auch eine Leistung.

Merleau-Ponty hat leider trotz der Elemente, die zuvor nachgezeichnet wurden, keine systematische Theorie der Politik und des politischen Handelns hinterlassen. Seine Ansätze dazu leben jedoch bei verschiedenen Autoren fort und finden dort wesentliche Explikationen. Eines der wichtigsten Bücher der politischen Philosophie im letzten Jahrzehnt ist Jacques Rancières Abhandlung La mésentente, in der er eine Kritik an der Geschichte der politischen Philosophie präsentiert, derzufolge dieser Zweig der Philosophie, indem er das Ziel verfolgte, die Politik der Philosophie unterzuordnen, diese nahezu immer grundlegend verfehlte. Wie Merleau-Ponty ist er davon überzeugt, dass es der Politik eigentümlich ist, weder auf allgemeine Gesetzmäßigkeiten, sei es der Politik oder anderer Bereiche, wie etwa der Ökonomie, zurückführbar, und dennoch auch kein bloßer Nebeneffekt „eigentlicher“ Handlungen zu sein. 

Rancières Theorie offenbart sich auf diese Weise nicht allein als politische Theorie, sondern sie gibt auch einer Grundüberlegung der merleau-pontyschen Ontologie eine weitere politische Facette: Wenn der sinnhafte Aufbau der Lebenswelt sich entscheidend kulturellen und sprachlichen Prozessen verdankt, dann kann es wesentliche Neubestimmungen oder Transformationen dieses sinnhaften Aufbaus über den politischen Streit geben. Rancière ermöglicht es, solche Neubestimmungen und Transformationen auf eine Weise zu verstehen, die diese nicht ablöst von den politischen Diskursen und Semantiken, die im Spiel sind, und sie dennoch nicht auf reine diskursive Effekte reduziert. Denn nicht die Gehalte der Diskurse entscheiden letztlich über ihr Vermögen, neue „Aufteilungen der sinnlichen Welt“ hervorzubringen, sondern allein die Funktion des Gleichheitsbegriffs, eine Ebene unbestimmter horizontaler Relationalität zu erzeugen, die einer neuen Bestimmung bedarf. Somit kann auch bei Rancière im Gegensatz zu Agamben der politische Akt nie souverän sein, da ihm irreduzibel einbeschrieben ist, sich als solcher zu erweisen, der zur horizontalen, d.h. zur Relationalität der Gleichen passt. Selbst wenn die neue „Aufteilung der sinnlichen Welt“, die gestiftet wird, kein „Fundament“ im strengen Sinne hat, so vermag doch nicht jeder Versuch einer Stiftung eine solche Neuaufteilung hervorzubringen, sondern ihr muss eine angemessene Antwort auf die Gleichheit eigen sein.

Vor diesem Hintergrund lassen sich abschließend zwei wesentliche Dimensionen angeben, in denen eine Phänomenologie des Politischen zu verfolgen sein wird: Einerseits ist die Verfassung der Lebenswelt daraufhin zu untersuchen, welche ermöglichenden, unterbrechenden oder neu instituierenden Bedingungen ihr eigen sind. Andererseits sind die faktischen politischen Verhältnisse daraufhin zu befragen, inwiefern der solcherart bestimmte Begriff der Lebenswelt wesentlich für diese ist, d.h. die klassischen Ausrichtungen der politischen Philosophie auf die moralisch-ethische Geltungsdimension politischer Akte oder auf das Operieren mit Macht und Gewalt sind zu ergänzen um eine Analyse der lebensweltlichen Prämissen für das mögliche „Passen“ politischer Akte und Diskurse zu den lebensweltlichen Verhältnissen, da dieses „Passen“ eine irreduzible Voraussetzung für das Funktionieren des politischen Handelns ist.
Insgesamt dürfte damit aber klar sein, dass eine Politik „in“ und „aus“ der Lebenswelt zwar in gewisser Weise eine Biopolitik darstellt, wenn damit eine Immanenz politischer Diskurse und Akte gemeint ist, d.h. ein vornehmlicher Bezug dieser Diskurse und Akte auf die instituierenden Instanzen der Lebenswelt. Gleichzeitig ist diese Biopolitik jedoch weder etwas Neues noch etwas grundsätzlich Problematisches, sie weist vielmehr auf eine Ebene quasi-ontologischer Prämissen jeder politischen Vergemeinschaftung hin. Im Gegensatz zum Verdacht Agambens, dass die Biopolitik irreduzibel an den Souveränitätsbegriff gebunden ist, wird damit letztlich offensichtlich, dass die Souveränität nicht mehr als ein „Diskursoperator“ politischer Diskurse ist, eine fiktionale Kategorie, die zur Ordnung von Diskursen und eventuell zu deren Überzeugungskraft beiträgt, der jedoch im faktischen politischen Handeln höchstens Momente des Aussetzens entsprechen. Insofern ist die Analyse der Lebenswelt sowie der Verhältnisse ihrer Reproduktion ein wesentlicher Beitrag zu aktuellen Diskussionen der politischen Philosophie, in denen nach der Transformation oder dem Ende des Nationalstaats auch nach den Bedingungen einer Politik jenseits der Souveränität gefragt wird, ohne dass die Philosophie sich noch einmal anmaßen würde, die Welt und die Politik im Ganzen zu denken und zu bestimmen.