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Klaus Müller

Sozialtheoretische Repräsentationen von „Globalisierung“


Die jüngere sozialwissenschaftliche Diskussion um „Globalisierung“ wird durch die aktuelle Kontroverse zwischen Globalisten und Globalisierungsskeptikern überlagert, die sich um die Frage dreht, ob die seit den 80er Jahren registrierten Phänomene einen weiteren Zyklus der langen Geschichte des Kapitalismus eröffnen oder aber eine neue Form der Vergesellschaftung hervorbringen, welche die uns bekannten Theorien überfordert. Es scheint wenig aussichtsreich, die konkurrierenden Positionen zur Globalisierung anhand empirischer Indikatoren entscheiden zu wollen. Die üblicherweise vorgelegten Definitionen über einzelne Merkmale (Migration; Internet; Finanzmärkte; transnationale Unternehmen) bleiben mehr oder weniger willkürlich. 

Genauer betrachtet, ist der Diskurs über Globalisierung ist zwar an empirischen Sachverhalten festgemacht; er schließt darüber hinaus jedoch theoretische Konstruktionen, Trendextrapolation, politische Stellungnahmen und Wertungen ein. Angesichts dieser Komplexität wäre es überzogen, globale Theorien zu erwarten, die die Auswirkungen von „Globalisierung“ auf die Politik, Sozialstrukturen und Institutionen (in) einer „Weltgesellschaft“ aus einem Prinzip heraus erklären könnten. Womit wir es zu tun haben, sind vielmehr Repräsentationen, die äußert vielschichtige Prozesse in eine spezifische Perspektive rücken und Forschungsperspektiven festlegen.

Worum es dabei geht, lässt sich anhand der Perspektiven verdeutlichen, aus denen heraus die Sozialtheorie von Marx bis Parsons die heute als Globalisierung charakterisierten Entwicklungen thematisierte. Denn es wäre naiv anzunehmen, dass die Einführung eines neuen Begriffs bereits einen neuen Sachverhalt konstituiert. Die weltweite Expansion der vom Westen ausgehenden Moderne und die dadurch hervorgerufenen Konflikte waren immer schon in den wichtigsten Sozialtheorien präsent, wurden allerdings unterschiedlich akzentuiert. Neu erscheinen dabei nicht die (oft kaum strittigen) Sachverhalte, die sondern die Perspektivverschiebungen, in denen sich die gegenwärtige Diskussion von klassischen Repräsentationen der Globalisierung unterscheidet.

Marx und Engels begrüßten die Herstellung des Weltmarkts als revolutionäre Tat des Kapitals. Ihre Darstellung dieser Prozesse unterscheidet sich kaum von der in der gegenwärtigen Globalisierungsliteratur: Die Revolutionierung des Transports und der Kommunikation erlauben eine beispiellose Erweiterung der Märkte. Nationale Produzenten werden durch weltweit operierende Industrien verdrängt, die sowohl die Produktion als auch den Konsum „kosmopolitisch“ gestalten. In politischer Hinsicht verbanden sie mit der Universalisierung des Kapitals eine zweifache Hoffung: zum ersten, dass die moderne Technologie und Kommunikation die Rückständigkeit von spät in den Weltmarkt hineingezogenen Länder überwinden könne; zum zweiten, dass die „ewige Unsicherheit“ und die „an Intensität und Plötzlichkeit“ zunehmenden Weltmarktkrisen eine revolutionäre Gegenbewegung erzeugten. 

Es erscheint heute überaus realistisch und modern, dass Globalisierung hier als Repräsentation des Kapitals erscheint, nämlich als Projekt einer Bourgeoisie, die „sich eine Welt nach ihrem eigenen Bilde schafft“. Allerdings enthält die Marxsche Theorie neben all ihren Einsichten in die gewaltsame Globalisierungsgeschichte des Kapitals einige überzogene Extrapolationen, die aus einer Analogie zwischen Weltmarkt und Hegels Kategorie eines sich totalisierenden Weltgeistes resultieren. Davon, dass der ‚allseitige Verkehr’ nationale Besonderheiten, Religionen und regionale Kulturen aufgelöst und die ‚halbbarbarischen Völker’ in die eine (westliche) Zivilisation hineingezwungen hätte, kann nicht die Rede sein. Nicht zufällig entzweiten sich die Marxisten der Kommunistischen Internationale über der Frage, wie das „Kolonialsystem“ bzw. die Welt außerhalb Europas und der europäischen Siedlerkolonien revolutionstheoretisch einzuordnen seien. 

Max Webers vergleichende Religionssoziologie geht hinter Marx’ Kategorie eines von Europa aus sich totalisierenden Weltmarkts zurück, indem sie die weltgeschichtliche Dominanz Europas nicht als schlichte Tatsache behandelt, sondern erklärungsbedürftig macht. Zentral für die Herausbildung des rationalen Kapitalismus sind demnach die spezifischen religiösen, kulturellen und administrativen Voraussetzungen, die Weber zufolge allein im Okzident ein kohärentes System ergeben hätten. Daraus ergibt sich eine Paradoxie: Seiner Entstehung nach ist der moderne Kapitalismus singulär, seinen Auswirkungen nach jedoch universal. 

Auch wenn Weber selbst diese Paradoxie nicht hinreichend auseinanderlegt, eröffnet seine Fragestellung doch zwei wichtige Perspektiven für die gegenwärtige Diskussion: Zum einen die Frage nach den spezifischen kulturellen Voraussetzungen, unter denen Gesellschaften in die Globalisierung eintreten, das heißt nicht nur zur wirtschaftlichen, sondern auch zur politischen und kulturellen Öffnung bereit und fähig sind. Verschließen sich gewisse Regionen durch ihre kulturell tradierte „antiökonomische Weltablehnung“ einer Teilnahme an Globalisierung? Zum anderen erhebt sich die kritische Gegenfrage, ob Globalisierung nicht eher eine durch äußeren Zwang auferlegte „Schicksalsmacht“ als eine kulturvermittelte Angelegenheit sei, der sich außereuropäische Gesellschaften um den Preis ihres Untergangs fügen müssen. Ungeklärt bleibt insbesondere die Interaktion zwischen unterschiedlich ausgerichteten Weltreligionen/-kulturen: Ist ein „Zusammenprall“ unvermeidlich, oder sind institutionalisierte Formen der Kommunikation denkbar?

Eine Vorstellung davon, wie die Interaktion zwischen Gesellschaften und Kulturen jenseits der traditionellen Formen imperialistischer Macht- und Missionspolitik aussehen könnte, entstand erst im Kontext des UN-Systems. Unter den Extrembedingungen des Kalten Kriegs und seiner weltweiten Vernichtungsdrohungen hat Talcott Parsons gleichwohl die normativen und institutionellen Voraussetzungen einer Weltgemeinschaft skizziert. Die Chancen hierfür schienen gegeben, da die Moderne als ein internationales System von aufeinander einwirkenden Gesellschaften entstanden sei, dessen langfristige Tendenz auf Konvergenz bei gleichzeitiger hoher Variationsbreite hinauslaufe. Bedingung für die stabile Institutionalisierung einer Weltgemeinschaft sei allerdings die gemeinsame Befolgung gemeinsamer prozeduraler Normen. Das allerdings impliziert die Unterordnung nationaler Interessen und Machtpolitik unter eine sanktionsbewährte UN, die als legitime Verkörperung einer urteilfähigen Weltöffentlichkeit anzuerkennen ist. Das beinhaltet des weiteren den Verzicht auf dichotome Weltbilder. Offen bleibt hier allerdings, was mit jenen Regionen geschieht, die nicht den postulierten evolutionären Universalien von Marktwirtschaft, Demokratie und rationaler Verwaltung genügen: denen zwar das Recht auf Entwicklung, aber nicht die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung stehen. 

Wenn die klassischen sozialtheoretischen Ansätze demnach auf den westlichen Kapitalismus und die Probleme seiner Universalisierung konzentriert waren, dann erweitert der jüngere Globalisierungsdiskurs zweifellos den Horizont. So hat Roland Robertson im Anschluss an Parsons eine generalisierte Perspektive von Globalität vorgeschlagen, nämlich den methodischen und zugleich normativen Imperativ, sich aus einer von den westlichen Zentren her entworfenen Sicht zu lösen. Die kritische Funktion einer Theorie der Globalisierung wäre es demnach nicht zuletzt, der Gefahr zu begegnen, dass unversehens partikulare Gesellschaften, Bewegungen oder Akteure ihre eigene Definition der globalen Verhältnisse, der globalen öffentlichen Güter und von globaler Sicherheit durchsetzen.

Insbesondere zwei kritische Gesichtspunkte hätten in eine solche Theoriebildung einzufließen. Im Unterschied zu früheren Zeiten der Weltmarktexpansion ist Globalisierung heute prinzipiell legitimationsbedürftig. Zum ersten ist die Kompatibilität von Globalisierung und Demokratie heute in den westlichen Ländern, aber auch in den zwischengesellschaftlichen Verhältnissen ein unabweisbarer Wertmaßstab, der mit der Fiktion eines „wohlwollenden Imperialismus“ unvereinbar ist. Zum zweiten entsteht mit dem Bewusstsein einer gemeinsamen Welt, die nicht mehr in zivilisierte und kulturell inferiore Zonen aufgeteilt werden kann, die Frage danach, wie nicht nur innergesellschaftliche, sondern globale Gerechtigkeit und Inklusion organisiert werden kann.