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Wolfgang Luutz

Entgrenzungsdiskurse als Machtstrategien


Vormerkung
Am Schaufenster eines Leipziger Reisebüros war längere Zeit der folgende Werbe-spruch zu lesen: “Jeder hat das Recht, an den Ort seiner Wahl zu reisen. Keine Grenze existiert berechtigt außer der Grenze, die ich mir selbst setze.” In einem ganzen anderen Kontext entstanden und doch von seiner Stoßrichtung her ähnlich gelagert der inzwi-schen fast zum geflügelten Ausspruch gewordene Satz des Bundesverteidigungsminister Struck: “Deutschland wird heute vor allem am Hindukusch verteidigt.”

Beide Aussagen, so meine These, sind Ausdruck einer Machtstrategie, es geht um den privilegierten Zugriff auf Ressourcen und die Neugestaltung von sozialen Räumen. Eine Dekonstruktion, so die weitergehende These, muss an der zugrunde liegenden Wirklichkeitsbehauptung ansetzen. Beide Sätze gewinnen ihre Plausibilität nämlich aus einer scheinbar unstrittigen Basisgewissheit, der Annahme, dass wir in einer weitgehend entgrenzten, enträumlichten Welt leben, deren einziger noch verbleibender Fixpunkt das “unverletzliche Individuum” ist. 
Zur Etablierung dieses zeitgenössischen Leitbilds hat die moderne, in der Traditi-on Kants stehende Subjektphilosophie Entscheidendes beigetragen. Die wirkungsmäch-tigste Auffassung in der deutschsprachigen Philosophie der Gegenwart hat in diesem Zusammenhang wohl Jürgen Habermas formuliert: Er schreibt: “Wir können die Identi-tät unseres Ich immer weniger an den konkreten Rollen festmachen, die wir als Angehö-rige einer Familie, einer Region oder Nation erwerben. Das, was uns inmitten komple-xer Rollenerwartungen erlaubt, wir selber zu sein und zu bleiben, ist die abstrakte Fä-higkeit zu einem ganz und gar individuellen Lebensentwurf.” 

Dementsprechend gilt “kollektive Identität”, zumal wenn sie sich an Räumen festmacht, in den modernen Sozialwissenschaften fast durchgängig als problematische, illusorische Kategorie. Mir geht es allerdings nicht vorrangig um eine Überprüfung der empirischen Triftigkeit der zur Diskussion stehenden Annahme räumlicher Entgren-zung. Eine derartige These weist zwar in der heutigen Welt eine gewisse empirische Deckung auf. Sie ist aber auf Grund der in ihr enthaltenen Überverallgemeinerung nie-mals vollständig zu verifizieren bzw. zu falsifizieren. Ich will vielmehr die Vorausset-zungen der Rede von der Enträumlichung und Entgrenzung in der modernen Welt, ins-besondere die zugrunde liegende konstruktivistische Position und die in sie eingelassene normative und lebensweltliche Perspektive, selbst kritisch in den Blick nehmen. Inso-fern geht es mir hier um Grenzen der Rede von der Entgrenzung.

1. Essentialistische Hintergrundannahmen konstruktivistischer Entgrenzungstheo-reme
Die These der Entgrenzung wird üblicherweise mit einer (de)konstruktivistischen Per-spektive auf raumbezogene Formen “kollektiver Identität” in der Moderne verbunden.
Sozialkonstruktivistische Ansätze, so Hacking, hätten ihre Stärke vor allem in der Dekonstruktion von als unvermeidlich und unabänderlich angesehenen “Wesenheiten” (zum Beispiel Vorstellungen “natürlicher”, räumlich abgrenzbarer sozialer Gruppen). Er wendet sich allerdings gegen Versuche in Sozialwissenschaften und Philosophie, einen “universellen Konstruktivismus” zu etablieren. Werde der Konstruktivismus zu einem umfassenden Weltbild ausgebaut, führe das zu der abwegigen sprachidealisti-schen Auffassung, dass soziale Tatsachen ihre Existenz nur in der Vorstellung bzw. Sprache hätten. Damit büße der konstruktivistische Ansatz tendenziell zugleich seine kritische Stoßrichtung ein. Einem abgeschobenen Asylbewerber würde die Rede von der Raumgrenze als einer Idee deshalb wohl auch nur als Zynismus erscheinen.

Außerdem ist die Deessentialisierung sozialer Gruppenzugehörigkeiten in kon-struktivistischen Ansätzen üblicherweise mit einer impliziten Reessentialisierung ver-bunden. Zugrunde liegt ihr ein impliziter oder expliziter Wirklichkeitsdiskurs, gemessen an dem unserer Vorstellungen richtig oder falsch sind. Ich will das an drei Beispielen kurz erläutern: 
Raumbezogene soziale Einheiten (wie Nation, Region) als imaginierte Einheiten, als Wissen von Jedermann zu betrachten, schließt ein, räumliche Unterscheidungen we-sentlich als Bewußtseinsphänomen zu deuten. Folgen wir allerdings der Auffassung des Sozialgeographen Werlen, dann hätten wir es in der Gegenwart bei der Idee räumlich eingrenzbarer sozialer Einheiten mit einer “bloßen” (“falschen”) Vorstellung zu tun. Er selbst wird hingegen nicht müde, von einer entgrenzten, rettungslos globalisierten Welt als “Wirklichkeit” auszugehen (über die, da sie anscheinend noch ungenügend im Mas-senbewußtsein verankert ist, weiter aufzuklären ist). Es sind dann natürlich vor allem ökonomische Realitäten und Zwänge, die als unabänderlich, als jenseits aller Kritik, angesehen werden.

Auch in Becks Ansatz reflexiver Modernisierung, der auf die Dekonstruktion des Nationalstaates - von ihm unter dem Stichwort “Nachtseite der Moderne” abgehandelt - hinarbeitet, wird mit einer impliziten Essentialisierung gearbeitet. Vor allem die (terri-torial nicht mehr begrenzbaren) Risiken werden als objektive, Menschheit möglich und notwendig machende, Gefahren gedeutet. Ein anderer Sachverhalt hingegen, nämlich dass Risiken und Güter in der Welt ungleich verteilt sind, scheint in diesem Ansatz nur von nachgeordneter Bedeutung zu sein.
Schließlich noch Hettlage, der sich die Frage stellt, wie angesichts der Neukon-struktion ethnischer Abgrenzungen in Europa eine europäische Identität möglich ist. Seine Antwort besteht zu wesentlichen Teilen darin, auf bestimmte kulturelle “Gege-benheiten” zu verweisen. Er geht nämlich davon aus, dass Europa bis ins 19. Jahrhun-dert hinein als kulturelle Gemeinschaft existiert hat, eine Gemeinschaft, die erst durch die Epoche der Nationalstaaten unterbrochen worden sei und nun wieder hergestellt werden müsse. Was im Zusammenhang mit der Nationalismusforschung als einheits-stiftender Mythos entlarvt wird - gemeinsame geschichtliche Gründungserzählungen - feiert im Zusammenhang mit “Europa” als positive Wesenheit fröhliche Urständ.

Aus meiner Sicht steht eine “Dekonstruktion der Dekonstruktion”, d.h. eine Prob-lematisierung der innerhalb konstruktivistischer Ansätze entgrenzter Welt als unabän-derlich angesehenen sozialen “Wirklichkeiten” (“Weltrisikogesellschaft”, Kulturge-meinschaft Europa” etc.) aus, ein reiches Betätigungsfeld kritischer Sozialwissenschaf-ten.

3. Normative Voraussetzungen: “Entgrenzung” als Alternative zu “Ausgrenzung”?
Der konstruktivistische Perspektive auf raumbezogene Formen “kollektiver Identität” liegt eine bestimmte normative Perspektive zugrunde, die kritisch zu beleuchten ist. 
Eine räumlich entgrenzte Welt wird implizit oder explizit als erstrebenswert ange-sehen. Hingegen wird die alternative Vorstellung räumlich verankerter Gesellschaften vor allem wegen der damit verbundenen Gefahren gewaltsamer ethnischer Konflikte abgelehnt. Den Ausgangspunkt bildet dabei die Behauptung, dass Identitätsbildung immer ein Anderes, eine Negativfolie brauche. Das gelte erst recht für den Konstrukti-onsprozess kollektiver Identitäten. Insofern würden jeglichen kollektiven Identitätskon-struktionen dichotomische Denkschemata zugrunde liegen. Als Beleg wird unter ande-rem auf Simmels Überlegungen zur Negativität kollektiver Verhaltensweisen verwiesen. Großgruppen, so Simmel, würden auf Grund ihrer Diffusität kaum über gemeinsame positive Wertüberzeugungen integrierbar sein. Es bleibe nur die Möglichkeit einer nega-tiven Integration durch Abhebung von einem (feindlichen) Außen. Auch Hettlage geht davon aus, dass die für soziale Gruppenbildung zentrale Differenz Wir-Sie dazu ten-diert, sich in eine Innen-Außen-Differenz verwandelt. In der bis heute anhaltenden Diskussion um diese Fragen wird übereinstimmend auf die verheerenden Auswirkungen solcher verräumlichenden Freund-Feind-Dichotomisierungen hingewiesen. Zwar bewir-ke das Freund-Feind-Schema eine starke Binnenintegration. Dies werde aber mit negati-ven Folgen in Form nationalistisch, religiös oder rassistisch motivierter Kriege zwischen verfeindeten Gruppen sowie der gewaltsamen Unterdrückung bzw. Vertreibung abwei-chender Gruppen erkauft. 

Es handelt sich aus meiner Sicht jedoch um eine höchst undifferenzierte Argumentation, die mit einer Scheinalternative “entgrenzte Welt - ethnische Säuberungen” arbeitet. Zum einen könnte man darauf verweisen, dass die Entgrenzung in der Welt von heute nicht zu einem Ende der Freund-Feind-Dichotomisierung geführt hat. Spätestens seit den Ereignisse des Jahres 2001 dürfte sich das Ideal der feindbildlosen Demokratie als reines Wunschbild herausgestellt haben. In begrifflich-systematischer Perspektive ist zudem darauf zu verweisen, dass die für die Identitätsbildung konstitutive Innen-Außen-Differenz keinesfalls mit einer Freund-Feind-Dichotomisierung zusammenfallen muss. Es sind andere Arten der räumlichen Relationen möglich, die nicht mit so scharfen Grenzziehungen im Sinne des Anderen als dem Fremden, Feindlichen arbeiten. Die negative Aufladung des Außen kann zurücktreten. Die Schwerpunkte können sich von der negativen auf die positive Identifikation verschieben. Raumbezogene Identifikation bedeutet insofern zwar immer Besonderung, aber nicht notwendig Absonderung. Zum Beispiel wäre auch eine Gegenüberstellung im Sinne von Teil und Ganzem oder entsprechend dem Nachbarschaftsmodell möglich. 

In diesem Zusammenhang ist auf mögliche Unterschiede zwischen verschiedenen Formen raumbezogener Identifikation, insbesondere zwischen Prozessen des “nation-” und des “region-buildung” aufmerksam machen. Anders als “Nation” hat “Region” nämlich in der Vorstellung keine selbständige Existenz. Region ist etwas nur als Teil von etwas. Eine Region bestimmen, heißt deshalb unter anderem, sie zu einem über-greifenden Ganzen ins Verhältnis zu setzen. Wegen dieses anitessentialistischen, relati-onalen Charakters sind Vorstellungen “regionaler Identität” in der Regel auch offen für eine gewisse Pluralisierung. Die Aufgabenstellung, die hier nur angedeutet werden konnte, besteht darin, konzeptuelle Möglichkeiten eines “pazifizierten Regionalismus” auszuloten, die als Untersetzung der Vorstellung einer (Welt-)Bürgergesellschaft dienen könnten (oder wie Schmitt-Egner es formuliert, neue Wege raumbezogener Identifikati-on jenseits von Entgrenzung und Ausgrenzung zu finde ). 

3. Lebensweltliche Defizite der konstruktivistischen Entgrenzungsthese
Einen solchen Weg zu finden, ist insbesondere wegen der lebensweltliche Defizite, die sich ausgehend vom Konzept räumlich entankerter moderner Gesellschaften auftun, notwendig.
Wie Bourdieu konstatiert, scheinen gerade die von Berufs wegen zur Reflexion verpflichteten Sozialwissenschaftler häufig nicht imstande zu sein, ihren eigenen Stand-ort im sozialen Feld zu benennen. Die fehlende reflexive Distanz hat zur Folge, dass die eigene sehr spezifische Lage (des “frei schwebenden Intellektuellen”) unkritisch generalisiert und die mit ihr verknüpfte theoretische Aneignungsweise vorschnell uni-versalisiert wird. Das führt dazu, dass diejenigen mit gänzlich anderen Lagerungen, die nicht mit entsprechender Definitionsmacht ausgerüstet sind, also die eigentlichen Be-troffenen entgrenzter ökonomischer Prozesse, nicht mehr zu Wort kommen. 

Eine weitere Folge dieser Verabsolutierung der theoretischen Aneignungsweise besteht darin, dass die Eigenlogik lebensweltlicher Verortungen ignoriert wird. Die The-se, dass der Raum an Bedeutung verliert, dass er “vernichtet” wird, das Raumgrenzen verschwinden, stimmt so absolut formuliert, nämlich nicht einmal für die ökonomische Aneignungsweise. Verwiesen sei nur auf die immer wieder aufflammenden “Standort-debatten”. Sie stimmt erst recht nicht, wenn man sich von dieser dominierenden öko-nomistischen Betrachtungsweise löst. Statt vorschnell einer Entgrenzung das Wort zu reden, müssten die Praktiken untersucht werden, in denen Menschen alltäglich regiona-lisieren. Allerdings ist dafür ein Blickwechsel notwendig, weg vom “Produktionspara-digma” hin zu einem Konzept alltäglicher Reproduktion. Wie der Sozialgeograph Weichhart nachweist, sind alltägliche Regionalisierungen (sein Beispiel ist das “Mühl-viertel”) für die Individuen in modernen Gesellschaften weitgehend selbstverständliche Erfahrungstatbestände. Solche Verortungen würden den lebensweltlichen Bedürfnissen nach Orientierung und Vertrautheit entsprechen. Die alltägliche menschliche Reproduk-tion sei deshalb auch nicht beliebig entgrenzbar. 

Hingegen erweist sich das von Beck als Hauptmerkmal unserer Zeit ins Spiel ge-brachte Gegenargument einer enträumlichten bzw. ortspluren Lebensweise bei näherem Hinsehen als nur wenig stichhaltig. Er führt als Beleg das Beispiel einer 84-jährigen alten Dame an, die in Tutzing am Starnberger See und in Kenia zu Hause ist. Wer Lehrveranstaltungen durchführt, weiß, dass man gegen Beispiel-“Argumente” solcher Art fast machtlos ist. Immerhin könnte man aber doch darauf hinweisen, dass die hier von Beck offensichtlich normativ ausgezeichnete mobile Lebensweise nicht ortsplural ist. Die alte Damen lebt lediglich einen doppelten Ortsbezug. Zudem ist Becks Blick apolitisch-romantisch. Die Verflochtenheit dieser Lebensweise mit politischen Räumen kommt gar nicht erst in den Blick. Dass dieses “Leben auf Reisen” immer noch einen gültigen Pass voraussetzt und von Ressourcen eines national organisierten Sicherungs-systems (in mehrfacher Bedeutung) zehrt, ist Beck deshalb auch keine Erwähnung wert.

Epilog 
Es handelt sich allerdings nur vordergründig um eine apolitische Perspektive. Denn: Was gegenwärtig unter dem Stichwort einer Entgrenzung, eines “Ende des Nationalstaa-tes” konzipiert und ins Werk gesetzt wird, läuft keinesfalls, wie manchmal etwas vor-schnell formuliert wird, auf das “Ende von Politik” hinaus. Vielmehr ist die Verschie-bung der Macht in neue (nationale wie transnationale) soziale Räume hinein zu beo-bachten. Allerdings, und genau dies bedarf der kritischen Kommentierung, handelt es sich um politische Entscheidungsräume, die sich klassisch demokratischer, an Wähler-schaft und politische Repräsentation gebundener Verfahren der Kontrolle von Macht mehr und mehr entziehen. Nicht um das Verschwinden von Grenzen geht es, sondern um die Neudefinition sozialer Räume. Die These von der Entgrenzung dient hier aber eher der Bemäntelung als der Offenlegung des Problems.