<< zurück / back

Raj Kollmorgen

Neomoderne: Theorie und Praxis

Neomodernismus bezeichnet einen in den 90er Jahren aufgekommenen sozialwissenschaftlichen Ansatz mit zeitdiagnostischem Anspruch. Der Beitrag fragt erstens nach den Präsentationen der Neomoderne-Konzepte (was also verbirgt sich hinter dem Begriff Neomoderne), aber auch nach deren Re-Präsentationen, d.h. nach den Kon- und Kotexten der einzelnen Ansätze. Zweitens wird im Beitrag versucht, einen Gegenvorschlag zum Neomodernismus-Konzept zu unterbreiten, der am Sinn einer neuen Theorie zweifelt, dafür aber um so vehementer die Idee einer gesellschaftspraktischen Neomoderne verficht.

Neomodernismus

Wichtigster soziologischer Theoretiker des Neomodernismus dürfte Jeffrey Alexander sein, der seine Thesen in einem längeren Essay (1994) entwickelt hat. Hier diskutiert Alexander vier Perioden der Gesellschafts- bzw. Modernetheorie, die jeweils dominierenden theoretische Perspektiven aufweisen: (1) die Zeit der klassischen Modernisierungstheorie in den 50er und frühen 60er Jahren; (2) die Periode der Antimodernisierungstheorie, die in den späten 60er und 70er Jahren dominierte; (3) die Phase der Postmodernetheorien in den 70er und 80er Jahren und schließlich (4) die verstärkt seit 1989 einsetzende Periode des „neomodernism“.

Hinsichtlich der gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen nennt Alexander vor allem das Wiedererstarken eines liberalen Kapitalismus und seiner Ideologie in den westlichen Zentren, die Erfolge „aggressiver kapitalistischer Marktökonomien“ in Asien seit Mitte der 80er Jahre und mit der vermutlich größten symbolischer Wirkung: die „Niederlage des Kommunismus“ 1989. Der Neomodernismus bzw. die neo-modernization theory zeichnet sich nach Alexander insbesondere durch drei Merkmale aus: (1) Ein „emanzipatorisches Narrativ des Marktes“ und mit ihm die These der befreienden Wirkung Privatisierung, Verträgen, monetäre Ungleichheit und Wettbewerb. Diesbezüglich affirmative Ansätze entstammen neo-konservativen und Rational-Choice-Theorien verpflichteten Strömungen (z.B. J. Coleman), aber auch (links-)liberalen bzw. analytisch-marxistischen bis hin zu „markt-sozialistischen“ Traditionslinien (A. Przeworski, V. Nee, I. Szelenyi, J. Kornai u.a.). (2) Die Wiederentdeckung der Demokratie und des „demokratischen Dramas“, also des heroischen Kampfes um und für Demokratie, als Eigenwert. Dabei wird die Autonomie des politischen Sphäre, vor allem in Gestalt der Zivilgesellschaft (civil society) und der individuellen Freiheitsrechte, betont und die frühere („linke“) Verquickung mit der sozialen Frage und d.h. auch einer bestimmten Form des ökonomischen Systems abgelehnt. Diese „ideologische“ Wendung fand z.B. in der Attraktivität republikanisch-demokratischer Ansätze, aber auch in den Reorientierungen ehemals (neo-)marxistischer und „Kritischer“ Theoretiker ihren Ausdruck (A. Arato, H. Dubiel, Alexander selbst). (3) Rekurriert man – vor allem in Rücksicht auf den späten Durkheim – auf eine Binärcodierung des sozial-normativen Kanons jeder historischen Epoche in heilig vs. profan (oder gut vs. böse), dann erscheint heute, im neomodernetheoretischen Diskurs als das (wiederentdeckt: universell) Gute: Demokratie, freier Markt, Individualismus und Menschenrechte. Das Böse ist aber nicht mehr wie in Zeiten der Modernisierungstheorie die Tradition oder der Kommunismus oder der Orient, sondern der Nationalismus.

Dieser Ansatz und ähnliche sind vor allem in zwei Punkten zu kritisieren:
(a) Das „neue“ und „(äußerst) differente“ der neomodernistischen Strömung der Gesellschaftstheorie wird kaum sichtbar. Im Gegenteil, im Kern handelt es sich theoretisch-methodologische Orientierungen, die schon bei Anhängern der „historisch-soziologischen“ Schule (von Max Weber bis S.N. Eisenstadt), bei „Neofunktionalisten“ (J. Alexander selbst) oder auch bei neueren eklektisch angelegten Versuchen (z.B. P. Sztompka, R. Andorka und K. Müller) zu finden sind, vieles sogar bereits bei T. Parsons selbst. Hier wird beim besten Willen nicht plausibel, warum ein neues Theorieetikett erforderlich sein sollte.
(b) Gerade Alexander wirft Modernisierung und Moderne sowie Theorie, Narrativ, Ideologie und Theorie in einer Weise durcheinander, daß unklar bleibt, ob es sich beim Neomodernismus um die Bezeichnung einer theoretischen und/oder (zeit-)geistigen bzw. ideologischen bzw. sozial-narrativen Bewegung handelt und/oder um den Begriff eines neuen gesellschaftspraktischen bzw. gesellschaftsstrukturellen Zeitalters. Eine klare Präponderanz besitzt freilich der Neomodernismus als theoretische Strömung. Dieser Aufklärungsmangel muß um so unverständlicher erscheinen und schwerer wiegen, als Alexander mit seinem wissenssoziologischen Zugang genau nach dem Zusammenhang von Theorie in ihren auch sozial-moralischen, kulturellen Funktionen und den gesellschaftlichen Bedingungen von Theorieproduktion fragt. Ein Zusammenhang kann aber erst herausgearbeitet werden, wenn seine Momente hinreichend scharf differenziert wurden. Da Alexander dies unterläßt, bleibt es letztlich beim Befund einer opaken Entsprechung ausgehend von der theoretischen Neomoderne.

Neomoderne Praxen: Kapitalismus, Liberalismus, Globalismus, Individualismus

Ich kehre Alexanders Verfahren um und frage, ob sich nicht seit Ende der 80er Jahre neomoderne Gesellschaftspraxen und Gesellschaftsstrukturen herausbilden und worin diese bestehen. Ich erkenne im Rahmen moderner Gesellschaftlichkeit vier neue Momente bzw. Entwicklungen:
(1) Neomoderner Kapitalismus (Neo-Kapitalismus) 
(2) Neomoderner Liberalismus (Neo-Liberalismus)
(3) Neomoderner Globalismus (Neo-Globalismus)
(4) Neomoderner Individualismus (Neo-Individualismus)
Führt man die empirische Forschungen wie neue Wahrnehmungsfoci gründenden Überlegungen zu den vier Momenten zusammen, kann tatsächlich und übergreifend von einer (tendenziell) neuen Gesamtstruktur und Formierung der Moderne seit den 80er, beschleunigt seit den 90er Jahren gesprochen werden. Die Gehalte der Neomoderne erweisen sich als eigenartige Kombination von Altem und Neuem, worin letzteres mindestens teilweise im Gewand des Alten daherkommt. Genauer kann die Neomoderne als Negation der „organisierten Moderne“ (ca. 1900-2000) wie und zugleich als positiver Bezug auf die „restringiert liberale Moderne“ (ca. 1800-1900) verstanden werden kann (vgl. P. Wagner). Der Charakter der Neomoderne als hybride Gesellschaftsform an sich ist nichts Neues bzw. Einmaliges. Meine Gesellschaftstheorie folgt ganz grundsätzlich der Idee hybrider, sich zyklisch entwickelnder Gesellschaftsformen, die weder einfachen epigenetischen Fortschrittsmodellen noch schlichten totalitätstheoretischen Ansprüchen genügen. Gesellschaften gleichen in ihrer Entwicklung eher dem Tagewerk eines Lumpensammlers als den (idealen) Arbeitsabläufen von Bauleitern, die aus den (Grund-)Elementen am besten autarke Wohnanlagen vom Reißbrett zaubern. Gesellschaften sind immer sich restrukturierende Netzwerke aus Versatz- und ggf. Trümmerstücken alter Gesellschaften, die neu zusammengestellt, verbunden und darin auch substantiell verändert, entwickelt werden. Das Neue ist insofern immer ein aufgenommenes Altes, das durch seine De- und dann Re-Kontextualisierung, Re-Kombination und innere Re-Konstitutierung nicht Neues ist, sondern Neues (dann aber auch zugleich wieder Altes) wird.

Neomoderne als „praktische“ und „theoretische“ Theorie

Der Neomodernismus kann und muß auf diese gesellschaftsstrukturellen bzw. gesellschaftspraktischen Bedingungen (rück-)bezogen werden, wobei er in seiner Dreifachheit als Narrativ, Ideologie und Theorie zugleich Moment und „Produzent“ dieser Praxis ist. Es ist wichtig zu begreifen, daß die Neomoderne in neuartiger Weise ideologische und theoretische Reflexivität nötigt und bedient. So sehr auch von „Sachzwängen“ und „unaufhaltsamen Globalisierungsprozessen“ die Rede sein mag, keine Gesellschaftsform vorher wurde derartig auf ihre Selbstreproduktion und Selbstreflexivität zurückgeworfen und verwiesen wie die neomoderne. Gründe dafür sind ihre externe „Feindlosigkeit“, ihr risiko- und wissensgesellschaftlicher sowie massenmedialer Charakter und ihr neuer reflexiv legitimierender Bezug auf moderne Traditionen. Der Theorie- und Ideologieproduktion in der Neomoderne kommt insofern eine exzeptionelle Relevanz zu, was Theorien der Neomoderne zu berücksichtigen haben. Insofern hat Alexander recht, wenn er – allerdings verkürzt und wenig erklärend – auf das Eingebettetsein in und die Mitwirkung des Neomodernismus und jeder Theorieproduktion an „unsere(r) Welt“ verweist. In der Tat re-präsentieren und realisieren auch die neomodernistischen Theorien die Neomoderne.
Allerdings zieht diese Konstellation – in Abwehr neomodernistischer Ambitionen von Alexander oder Tiryakian – nicht die Notwendigkeit einer wirklich neuen neomodernen Theorie nach sich. Eine hinreichend komplexe und zugleich offene Theorie der Moderne bzw. Modernität (die, wie Alexander richtig vermerkt hat, den linguistic turn der Postmoderne zu integrieren hat) ist in der Lage und muß in der Lage sein, auch die neomoderne Periode gehaltvoll zu konzeptualisieren.

„Revolutionen“ der Neomoderne

Die in den vier Momenten vorgetragenen Bestimmtheiten der gegenwärtigen Neomoderne (bzw. der neomodernen Tendenzen) könn(t)en „linken“ gesellschaftskritischen Projekten als düstere Aussichten der (rück- oder wiederkehrenden) Verfestigung kapitalistischer und elite-demokratischer bzw. undemokratisch hegemonialer Herrschaftssysteme erscheinen. Diese Aussicht verkörpert aber nur eine Seite der neomodernen Möglichkeiten. Wegen der ambivalenten bzw. widersprüchlichen Gestalt auch der neomodernen Handlungs- und Strukturierungslogiken sind alternative Entwicklungen immer möglich, zu Beginn der Ausformung sogar in höherem Maße. Um diese „logischen“ Möglichkeitsräume „linker“ Gesellschaftspolitik in (immer auch: unlogischen) Praxen nutzen und gestalten zu können, ist aber die differenzierte Gesamtheit des (hoch reflexiven) neomodernen Projekts und zwar in kritischer Selbstreflexion anzunehmen und darin zu kritisieren. Das bedeutet unter anderem, nicht nur den systemischen Neo-Kapitalismus zu geißeln, sondern auch unseren täglich affirmativ gelebten Neo-Individualismus (und dessen Folgen). Gegen beide Dynamiken bedarf es auch der (reflektierten) „emanzipativen Selbstbeschränkung“ (A. Gorz) sich autonom begreifender Individuen und ihrer Gemeinschaften. Insofern finden – um den Helden des Leinwandepos „Matrix“: NEO - zu zitieren, die „Revolutionen“ (in) der Neomoderne zuerst und vor allem in unseren Köpfen statt.