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Arlena Jung

Wissenskonstitution im Spannungsfeld zwischen Identität und Differenz

Sei es unter dem Begriff einer funktional differenzierten Weltgesellschaft, der Postmoderne, oder einer Risikogesellschaft: in den Sozialwissenschaften wird eine neue Ära eingeläutet. Der gemeinsame Nenner der Beobachtungen ist die zunehmende Differenzierung und Komplexität der Interaktionszusammenhänge. Der Begriff Globalisierung spielte ursprünglich vor allem auf die räumliche Entgrenzung der Interaktionszusammenhänge und damit einhergehend das Ende national/territorial abgegrenzter, hierarchisch geordneter Gesellschaften ab. Vor dem Hintergrund der somit suggerierten, zunehmenden Homogenisierung eines globalen Raums wird die dieser Tendenz widerstrebende Sogkraft lokaler und regionaler Grenzeffekte sichtbar. Globalisierung kann nunmehr weniger als Entgrenzung denn als Verschiebung und Neuformierung von Handlungs- und Interaktionszusammenhänge verstanden werden. Die zunehmende Komplexität und Differenzierung von Gesellschaften bringt eine globale Verdichtung von Kommunikationszusammenhängen mit sich. Nach außen findet eine Ausdehnung von Interaktions- und Kommunikationsprozessen über traditionelle räumliche, zeitliche und soziale Grenzen hinaus und nach innen eine weitere Fragmentierung der Kontexte von Wissenskonstitution statt. So ist mit Globalisierung eine Verbreitung von Kommunikationsformen zu beobachten, die sich mit dem Präfix ‚inter’ und ‚trans’ versehen lassen. Die wissenschaftliche Reflexion dieser Prozesse spiegelt sich im Begriff der Kommunikations- (Münch, Knoblauch) sowie der Wissensgesellschaft (Stehr, Weingart, Willke)wider, die das Charakteristikum unserer Gesellschaft in einer zunehmenden Abhängigkeit von Prozessen der kommunikativen Produktion, Verteilung und Vermittlung von Wissen sieht. Unter vorsichtiger Distanznahme zu Theorien, die eine Steigerung der gesellschaftlichen Bedeutung von Wissen und Kommunikation postulieren und vom Entstehen neuer Formen der Wissensproduktion ausgehen, soll hier die erhöhte Schwierigkeit der Wissensproduktion unter Bedingungen einer globalen Verdichtung der Kommunikationszusammenhänge hervorgehoben werden. Durch den mit Verdichtung einhergehenden Verlust an Distanz sieht die Gesellschaft sich funktional betrachtet in der paradoxen Lage, zugleich mit einer kontinuierlichen Partikularisierung ihrer Bedeutungs- und Handlungszusammenhänge als auch mit gesteigerten gegenseitigen Abhängigkeiten konfrontiert zu sein.
Unter diesen Umständen gewinnt die grundlagentheoretische Fragestellung nach Prozessen der Wissenskonstitution (wie wird soziales Wissen produziert, d.h. wie werden Sinnzusammenhänge objektiviert und vermittelt) an gesellschaftlicher Brisanz. Sollen diese neuentstehenden Verflechtungsformen – Formen der Verflechtung verschiedener gesellschaftlicher Bereiche – Verständigung und soziales Lernen ermöglichen, ist nach den Bedingungen von Wissenskonstitution — und dementsprechend nach angemessenen Strategien der Gestaltung der neuen Kommunikationsformen — zu fragen. Zugespitzt geht es um die Frage: Inwiefern sind gemeinsame Referenzsysteme und Wissensbestände Bedingung sozialer Wissensproduktion bzw. inwiefern ist Wissensproduktion in einem ‚interkulturellen’ Kontext jenseits gemeinsamer Referenzsysteme und Wissensbestände möglich? Mein Versuch einer Beantwortung dieser Frage ist Ergebnis eines Vergleichs der Konzepte von Wissenskonstitution in Schütz’ Sozialphänomenologie und in Luhmanns Systemtheorie.

Auf den ersten Blick scheinen beide Theorien von sich diametral wiedersprechende Annahmen auszugehen. Schütz geht von einem auf Identität aufbauenden Konzept von Wissensproduktion aus: Grundlage jeglicher Verständigung sind intersubjektive, als Lebenswelt verobjektivierte Typisierungen und Relevanzsysteme. Bei Luhmann hingegen ist die Möglichkeit eines intersubjektiven Wissensbestandes ausgeschlossen. Wissen wird stets systemintern, auf der Basis selbstreferenzieller Prozesse produziert. Seine Theorie ist differenzlogisch aufgebaut. Bei näherer Betrachtung haben allerdings Schütz wie Luhmann Differenz- beziehungsweise Identitätskonzepte.
Bei Schütz ist Wissen gebunden an einen konkreten Standort. Durch die zeitliche, räumliche und soziale Standortgebundenheit von handelnden Subjekten ergeben sich zwangsläufig individuell jeweils unterschiedliche Wissensvorräte. Die zur gegenseitigen Verständigung notwendige Überwindung der somit gegebenen Transzendenz erfolgt durch kommunikative und interaktive Generierung gemeinsamen Wissens, insbesondere von Zeichensystemen. So kann Wissenskonstitution als kulturell-interaktiver Prozess der Verständigung beziehungsweise als Intersubjektivität ermöglichende, kontinuierliche Überbrückung der Differenz der Perspektiven verstanden werden. Wobei der Prozess der Wissenskonstitution stets zirkulär verläuft. Die kommunikative und interaktive Generierung gemeinsamen Wissens setzt den Rückgriff auf bereits bestehende gemeinsame Wissensvorräte und Zeichensysteme voraus. Insofern existiert stets ein Spannungsverhältnis zwischen der zwangsläufig subjektiven Verankerung jeglichen Wissens in konkreten Handlungen (der lokalen Praxis) und Mechanismen der Objektivierung, also Entbindung und Transzendierung dieser Verankerung durch Zeichensysteme. 
Luhmanns Theorie setzt hingegen gewissermaßen als Kritik das Objektivitäts- beziehungsweise Intersubjektivitätspostulat an. Das Soziale wird als System von Bedeutungszusammenhängen definiert. Die Konstitution von Bedeutung erfolgt immer selbstreferenziell, d.h. auf der Basis systeminterner Strukturen. Umweltereignisse existieren für ein System lediglich als ein Rauschen. Erst durch die Verortung in systeminterne Bedeutungszusammenhänge können sie einen Bedeutungsgehalt erlangen und somit als Information fungieren. Wissenskonstitution kann also immer nur auf der innen Seite eines Systems erfolgen. Die Konzeptualisierung stabilisierter Formen der Unterbrechung der Selbstreferenzialität von Systemen beziehungsweise der Überbrückung die intersystemischen Differenzen finden wiederum beispielsweise unter den Stichworten ‚strukturelle Koppelung’ und ‚Konditionierung’ Eingang in die Theorie.
So gesehen liegen Schütz und Luhmann relativ nahe bei einander. Sie bearbeiten das gleiche Problem aber auf unterschiedlichen Ebenen oder aus unterschiedlichen Perspektiven. Schütz setzt an die subjektive Perspektive an und sieht die Konstitution von Intersubjektivität und somit Verständigung in den Rekurs auf gemeinsame Wissensbestände, die durch ebendiesen Rekurs immer wieder neu konstituiert wird. Bei Luhmann tritt an die Stelle gemeinsamer Wissensbestände und Referenzsysteme die Selbstreferenzialität des Sozialen. Luhmann sieht diese ‚verobjektivierten’ Wissensbestände als selbstreferenzielle Systeme oder wenn man will ihrerseits als Subjekte. So ist eine Transzendenz zwischen sozialen Wissenssystemen und Subjekten oder in Luhmanns Terminologie zwischen sozialen Systemen genauso gegeben wie zwischen psychischen und sozialen Systemen. 
Beide Theorien konvergieren in einem Verständnis von Wissensproduktion als kommunikativ-interaktiver Prozess der Konstitution und Stabilisierung von Bedeutungen beziehungsweise von Bedeutungszusammenhängen, „wobei Wissen nicht nur explizite, eindeutige Einsichten, sondern jede Form einer Annahme bezogen auf einen Sachverhalt, der akzeptiert, d. h. als fraglos gegeben hingenommen wird, erfasst.“ (Schütz) Wissen entsteht in Wechselwirkung mit der Umwelt, wird aber intern konstituiert. Wissen als Konstituiertes erfolgt erst durch die Verortung von Ereignissen in interne Bedeutungskontexte. So spielt immer zugleich Identität als stabilisierter Bedeutungszusammenhang wie auch Differenz als Divergenz von Bedeutungszusammenhängen im Prozess der Wissenskonstitution mit hinein. Die Dynamik der Interaktion speist sich aus der Differenz. Die reine Selbstreferenz würde in eine Tautologie münden. Nur durch die Störung durch das Differente kann Information gewonnen werden, nur so kann Neues beobachtet werden. Die Qualität eines Ereignisses als Störung besteht in der Abweichung von den aus bestehenden Wissensbeständen sich ergebenden Erwartungen. Erst auf der Basis der Stabilisierung von Identitäten wird also bestimmtes Differenzieren oder Negieren möglich. (Miller) Nur so können Ereignisse in Kontrast zu Erwartungen erscheinen und die entsprechenden Schlussfolgerungen oder Lerneffekte einleiten.
Dieser These folgend sind unter Bedingungen unterschiedlicher Wissensbestände und Relevanzsysteme gelingende Kommunikationsprozesse durchaus möglich. Allerdings ist hier weniger soziales Lernen als eine Art ‚working consensus’ zu erwarten. Die Lern- und Wissenskonstitutionsprozesse würden erst auf der Innenseite der jeweiligen Bezugssysteme erfolgen. Soll eine stabile Kooperation ermöglicht werden, müsste in solchen Kontexten auf die Herausbildung von Übersetzungspraktiken gesetzt werden. Während Verständigung im Sinne ‚erfolgreicher’ Kommunikationsprozesse auf der Basis von Differenz durchaus möglich ist, setzt Wissenskonstitution und Lernen Identitäten voraus. Die Bedingungen kommunikativen Anschlusses werden somit weitaus tiefer angesetzt als die Bedingungen sozialer Wissenskonstitution und sozialen Lernens. Gleichsam ob man mit Luhmann soziale Wissensbestände als geschlossene, selbstreferenzielle Systeme betrachtet oder mit Schütz als gemeinsame Referenzsysteme verschiedener Individuen, dessen Identität bzw. Divergenz eine kontinuierliche und kein absolute Größe ist, die zwar angenähert aber nie erreicht werden kann bleibt das Fazit gleich: Wissenskonstitution auf sozialer Ebene kann nur innerhalb eines Wissenssystems erfolgen und nicht zwischen Wissenssystemen.

Was bedeutet dies für unsere ursprüngliche Fragestellung nach Wissenskonstitution unter Bedingungen der globalen Verdichtung von Kommunikationszusammenhänge? Wissenskonstitution kann als jeglicher Gesellschaft immanentes Problem der notwendigen Herstellung von Gewissheiten, d.h. von stabile Bedeutungszusammenhänge gesehen werden. Hervorzuheben ist, dass die Neustrukturierung von Kommunikationsprozessen und Wissensproduktion zugleich als Triebfeder der zunehmenden Komplexität und Differenzierung fungiert als auch als Reaktion auf gesteigerte Komplexität und Differenzierung. Demnach ist zu unterscheiden zwischen 1) die Innovations- und Problemlösungspotential neuer Interaktions- und Kommunikationszusammenhänge und 2) der Vermittlungsfunktion neuer Formen der Verflechtung unterschiedlicher Wissens- und Handlungsbereiche. Zu 1): Sollen Institutionen die durch ein Überbrücken bestehender Sinngrenzen soziale Wissenskonstitution und Lernen anstreben (z.B. Klimaforschung, Bürgerkonferenzen, Enquetekommissionen) mehr als symbolische und legitimatorische Wirkung erlangen, ist die Stabilisierung gemeinsamer Wissensbestände und Relevanzsysteme notwendig. Allerdings wurde der Interaktionszusammenhang somit den Status eines ‚inter’ oder ‚trans’ verlieren und eine weitere partikularisierte Wissenskontext im zerstückelten Landschaft unserer Lebenswelt bilden. Zu 2): Sofern es sich um die Entstehung neuer Formen der Verflechtung verschiedener gesellschaftlicher Bereiche handelt, fungieren die Interaktionszusammenhänge als Mechanismen der Integration- auch wenn es heterarchische Mechanismen lokaler Integration vorübergehender Haftung sind. Sie dienen als Vermittlungsinstanzen zwischen Interaktionszusammenhänge mit je eigener Relevanzsysteme und Wissensbestände. Wichtig hier ist die Stabilisierung von Übersetzungsprozesse, die Verständigung trotz differenter Relevanzsysteme und Wissensbestände sicherstellen. Dies kann Beispielsweise sprachlich durch institutionalisierte Formen des Umgangs mit Metaphern, Modelle oder öffentlich, geteilte Stereotypisierungen und sachlich durch die Herausbildung gemeinsamer Referenzobjekte geleistet werden. Die Lerneffekte erfolgen sodann unter Referenz auf die jeweils eigenen Relevanzsysteme und Wissensbestände. Sollen diese soziale Relevanz erlangen, muss ferner die Einspeisung des neuen Wissens in den Kommunikationsprozessen des jeweilig anderen Systems vorgesehen werden. Dies kann Beispielsweise durch ein korporatistisches Modell sichergestellt werden, indem Interaktionsteilnehmer in mehreren Interaktionszusammenhänge aktiv bleiben.