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Rumiana Jeleva

Moralisieren als Problembewältigungsstrategie von Unternehmern in der Transformationsökonomie

Die Deutungsmuster sind „Weltinterpretationen mit generativem Status“ (Meuser/Sackmann 1992: 9) und als solche sind sie prinzipiell entwicklungsoffen. Dass heisst, dass die Rekonstruktion der Konstitutionslogik von Deutungsmustern die soziologische Aufgabe der Interpretation empirischen Materials darstellt. Wie bereits hervorgehoben, besteht die Rekonstruktion der Konstitutionslogik von Deutungsmustern in der Identifizierung des einem Deutungsmuster zugrundeliegenden, generativen Prinzips, der jeweiligen Konsistenzregel. Die Deutungsmuster stellen überindividuelle Mechanismen der Konstitution von Handlungspraxen dar. Sie lassen sich inhaltlich bestimmen und in ihrer Geltung raum-zeitlich, also historisch, kulturell und subkulturell begrenzen. Sie zeichnen sich durch ihre Reichweite aus, die immer grösser ist, als die einzelner sozialer Normen. Ihre Persistenz ist nicht unerheblich.

Wenn von Moralisieren als Deutungs- und Handlungsmuster die Rede ist, dann heisst dies, dass dadurch Probleme der Handlungspraxis der Unternehmer bewältigt werden. Damit ist gesagt, dass Moral und Moralisieren Durchsetzungssprobleme auflösen, Handlungs- und Wahrnehmungsdilemmata aufheben und Dysfunktionalitäten minimieren. Moralisierungsstrategien entstehen, wenn ausreichend viele Personen bzw. Unternehmer an persönlicher Integrität, moralischer Identität und einem moralischen Standpunkt eines Akteurs interessiert sind und genügend Informationen darüber vorhanden sind. D.h. die Entstehung einer solchen Strategie hängt von der Nachfrage ab. 

Die Akteure im Wirtschaftsbereich bedienen sich dieses Musters als Problembewältigungsstrategie. Ich habe versucht aufzuzeigen, dass die Transformation enorm viele Handlungsprobleme in den Handlungskontexten der Akteure hineinbringte. Der Markt soll anstelle bisheriger dysfunktioneller Koordinierungsmechanismen eingeführt werden. In einer solchen sich ändernden Situation sind die Handelnden bedroht, keine adäquaten (folgeorientierten, nutzenmaximierenden und letzten Endes zweckrationalen) Verhaltensweisen zu den objektiven Handlungsproblemen entwickeln zu können, weil die Konstruktion der alten subjektiven Deutungen und die Herstellung der neuen Bedeutungsbestände selbst problematisch geworden sind. Die Handelnden verfügen über keine Instrumentarien, die es ihnen erlauben, die objektiven Handlungsprobleme hinsichtlich Koordination, Kooperation und Ungleichzeitigkeit des wirtschaftlichen Handelns aufzulösen. Gleichzeitig entstehen für die sich neu etablierenden sozialen Akteure Legitimationsprobleme. Wie am Beispiel der Unternehmer gezeigt wurde, bedeutet dies auf der Ebene des Selbstverständnisses und der Selbstthematisierung ein stark ausgeprägtes Auseinanderklaffen von persönlicher Integrität und Identität und moralischen Standpunkten. Aber auch die Integrität und Identität der Unternehmer ist nicht gefestigt.

In solchen Situationen reichen die habituell stabilisierten subjektiven Deutungen der Akteure nicht aus; sie greifen auf kollektive Sinngehalte zurück, weil sie normative Geltungskraft haben. Und weil der Geltungsbereich eines Deutungsmusters zwischen der Gesamtgesellschaft und einzelnen sozialen Gruppen variiert, erfüllen diese Weltinterpretationen mit generativem Status eine Vermittlungsfunktion. Sie „übersetzen“ für die Akteure die durch die Transformation normativ eingeführten Sinngehalte, die in dem ursprünglichen Umfeld fremd sind, und ermöglichen somit die Zerlegung dieser in Form individuell verfügbarer und anwendbarer Bedeutungsbestände. Auf dieser Weise wird das Handeln der Akteure schliesslich auch möglich. Genauso gut gilt das Umgekehrte: sie erleichtern es den Akteuren bei der Konstruktion der sozialen Wirklichkeit und bei der Gestaltung eigener Handlungspraxen und somit werden sie Teil des kollektiv „erzeugten“ Bildes der Unternehmer in der Transformation. Ein moralisiertes Bild wird Teil davon, was man unter „Unternehmer“ in der Übergangsgesellschaft versteht. Wie die meisten Deutungsmuster, ist auch Moralisieren im Vergleich zu den singulären Deutungen, Einstellungen und Meinungen, auf einer latenten, tiefenstrukturellen Ebene angesiedelt und mithin nur begrenzt reflexiv verfügbar. Trotzdem besitzt das Moralisieren den Status „relativer Autonomie“. Das heisst, dass Moralisieren trotz des funktionalen Bezugs auf objektive Handlungsprobleme hinsichtlich der Konstruktionsprinzipien und Gültigkeitskriterien autonom ist und so eine eigene Dimension sozialer Wirklichkeit konstituiert. Das erklärt die beträchtliche Stabilität von Deutungsmustern, die allerdings prinzipiell als entwicklungsoffen zu konzipieren sind. Zum einen wurde das Deutungsmuster von Unternehmern, das als „sozial sein“ genannt wurde, diskutiert und es wurde auf seine Tradition hingewiesen. Dieses Deutungsmuster erscheint als anpassungsbedürftig in Bezug auf die neu auftretenden Aufgaben eines Eigentümers und eines Managers in der Transformationsökonomie, nämlich effektiv, effizient und gewinnerzeugend als Unternehmer zu agieren. Im Vergleich zu dem „sozial ausgerichteten“ Modell von Deutung und Interpretation der Realität ist das Moralisieren eine neue Erfindung der Transformationseliten, darunter auch der Wirtschaftsunternehmer, obwohl ihr zugrunde liegende Sinngehalte tief verankert sind und ihren Ursprung in einer verfestigten Protomoral (Luckmann 1996) haben. 
Moralisieren dient zur Bewältigung von objektiven Problemen, mit denen die Unternehmer im Laufe der Transformation zur Marktwirtschaft ständig konfrontiert werden. Zusammenfassend sind dies drei Typen von Problemen: der Unternehmer muss über neue Strukturen (Institutionen und institutionelle Mechanismen) sein Handeln mit anderen Handelnden koordinieren lassen (Koordinierungsdilemma), um auf Dauer sein unternehmerisches Handeln sicherzustellen muss er mit anderen kooperieren, die möglicherweise das Zusammenarbeiten vermeiden würden (Kooperationsdilemma) und er hat seine Handlungserwartungen wie auch diese seiner Umwelt zugleich zu erfüllen (Ungleichheitsdilemma) (vgl. Weihrich 2002). Diese Probleme sind weder nur für die Transformationsgesellschaften typisch, noch ist deren Auftreten ein wesentlicher Anlass zum Moralisieren. Dazu kommen noch zwei wichtige Elemente, die die Transformationssituation als besonders für die Strategie des Moralisierens anfällig charakterisieren. 
Einerseits liegen die Gründe dafür an der durch die Transformation neu zu definierenden Situation, andererseits sind sie durch bereits verbreitete und dominierende kollektive Wahrnehmungs-, Handlungs- und Deutungsmuster in den gesellschaftlichen Praxen vor der Transformation gekennzeichnet. Wie bereits hervorgehoben, zeichnet sich die Transformationssituation durch Einschränkung des (unternehmerischen) Verhaltens durch veränderte Rahmenbedingungen aus. Auf den Lebenssituationen der Individuen in der Transformationsgesellschaft wirkt sich dies durch Beeinträchtigung der Sicherheit vor gegenseitigem Übergriff, der Sicherung der Einhaltung von Versprechen, der reziproken Unterstützung in Schwierigkeiten und ähnliches aus.

Eine Gesellschaft, in der Moralisieren als Problembewältigungsstrategie entsteht und sich verbreitet, muss dazu bereit sein: das heisst, sie muss über ein ausreichendes (historisch aufgebautes) Potential an freiwilliger Befolgung und Anbindung an sozialer Normen verfügen (Baurmann 2000: 36). Die Voraussetzungen zur Förderung eines kooperativen Verhaltens müssen vorhanden sein. Durch die historischen Kontexte gesellschaftlicher Entwicklung muss es nachvollziehbar sein, dass kooperatives Verhalten bevorzugt und hoch bewertet wird.

Dies ist möglich, wenn die Unternehmer immer weniger und nur beschränkte Gelegenheit dazu haben, ihren Nutzen situativ zu maximieren und wegen Knappheit an Geldmitteln und materiellen Ressourcen andere Kapitalarten (vor allem Sozialkapital und Zugehörigkeiten zu sozialen Beziehungsnetzen) in den Vordergrund stellen. In solchen Gesellschaften entsteht entweder ein realer oder ein imaginärer Markt der Tugend (Baurmann). Weil in der Transformationsökonomie nicht alle Handlungssituationen für die Beteiligten vorhersehbar sind, wird es immer schwer sein, mit Einzelvorschriften individuelle Ziele zu erreichen. Indem die Transformation zur Marktwirtschaft alte Handlungsgewissheiten auflöst, eröffnet sie die Chance durch Moral Handlungsketten neu zu stabilisieren und Kooperation unter moralisch ‚Gleichwertigen’ abzusichern.

Das Wichtigste ist, dass die moralischen Appelle im Unterschied zu den institutionalisierten Abstimmungsmechanismen etwa wie Normen, nicht nur bei den Koordinierungsbedarfen helfen, sondern eine gute Lösung auch bei Kooperationsbedarfen sein können (vgl. Weihrich 2002). 

„Kooperative Unternehmer“ (Baurmann) werden nun allerdings an der Durchsetzung solcher Normen arbeiten wollen, die neben konkreten Verhaltensvorschriften auch allgemeine und abstrakte Prinzipien einhalten, denn es sollen möglichst viele Situationen geregelt werden. Und umgekehrt: sie werden die kooperative Strategie genau so schnell verlassen, sobald sie die Gelegenheit dazu sehen, ihren Nutzen und die individuellen Vorteile auch einzelfallbezogen mehren zu können. Aber immer wieder werden sie die Anforderung nach einem kooperativen Verhalten den Anderen, ihren Kooperationspartnern gegenüber, in Anspruch nehmen. Dieser imaginäre Markt der Tugend wird gerade in Zeiten expandieren, in denen Investitionen in Biographie und Erfahrung nachgefragt werden. In solchen Umbruchssituationen wird die Gesellschaft an moralischer Produktivkraft gewinnen, denn jedermann hält nun andere dazu an, sittlich zu sein und „moralhaft zu handeln“ (vgl. Weihrich 2000, Baurmann 1997). Moral wird zu einem Code, der Koordination und Kooperation unter den Bedingungen hochgradiger Unsicherheit sowie unter den Bedingungen der Knappheit anderer handlungsorientierender Stabilisatoren sichert. 

Moral steht aber auch in Gefahr, Handlungslösungen zu begrenzen, ja unmöglich zu machen. Zu vielen Interviewpassagen wird deutlich, dass das Moralisieren dazu dient, den eigenen Anteil an unerwünschten Handlungen anzublenden, mithin die einerseits eingeforderten Lösungen für die Unternehmer rein appellativ einzuklagen, ohne den eigenen Anteil an der Lösungsverhinderung zu sehen oder sehen zu wollen und zu können. Auf dieser Ebene der Deutungen sind korrupt immer die Anderen. Bestenfalls sind die Unternehmer gezwungen gewesen, in der Vergangenheit ‚Beziehungen’ zum Überleben zu aktivieren. Damit wird aber wirtschaftliches Handeln als auch regelgeleitetes, normativ verankertes Handeln prekarisiert, die Mobilisierung der wirtschaftlichen Verhältnisse im Sinne der Unternehmer gerade nicht erreicht.