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Jens Greve

Inklusion und Exklusion in der Weltgesellschaft


Der Vortrag geht der Frage nach, wie sich funktionale Differenzierung und Inklusion/Exklusion zueinander vertreten. Im Zentrum steht Luhmanns Diagnose, die Unterscheidung von Inklusion und Exklusion trete regional an die Stelle der funktionalen Differenzierung als Primärdifferenzierung der Weltgesellschaft. Die Position, die sich bei Luhmann in seinen Schriften bis zu „Politische Theorie im Wohlfahrtsstaat“ findet, lässt sich als Gruppe von vier Aussagen darstellen.

(1) Gesellschaft ist Weltgesellschaft.
(2) Die Weltgesellschaft ist funktional differenziert
(3) In der Weltgesellschaft gibt es keine gesellschaftsweite Regelung von Inklusion und Exklusion, diese erfolgt stattdessen durch die Funktionssysteme.
(4) Die Funktionssysteme zielen auf Vollinklusion

Luhmanns Erfahrungen in den brasilianischen favelas führen ihn zu einer revidierten Einschätzung der Exklusionsproblematik und zu der Ansicht, dass die Weltgesellschaft – durch funktionale Differenzierung – Exklusion produziert: „Denn funktionale Differenzierung kann, anders als die Selbstbeschreibung der Systeme es behauptet, die postulierte Vollinklusion nicht realisieren. Funktionssysteme schließen, wenn sie rational operieren, Personen aus oder marginalisieren sie so stark, daß dies Konsequenzen hat für den Zugang zu anderen Funktionssystemen.“ (Luhmann 1995b: 148; vgl. auch Luhmann 1997: 169) Theorieimmanent führt das zu einer Schwierigkeit, denn (3) und (4) lassen sich angesichts dieser Beobachtung nicht mehr vereinbaren, da es nicht denkbar ist, dass die Funktionssysteme Exklusionen produzieren (sogar milliardenfach, wie Luhmann in „Organisation und Entscheidung“ schreibt) und gleichzeitig auf Vollinklusion zielen. Die naheliegende Lösung dieses Problems besteht darin, (4) fallen zu lassen und die Annahme aufzugeben, funktionale Differenzierung gehe mit Vollinklusion einher. Luhmann sieht aber eine noch weitergehende Problematik und diese ergibt sich aus der Annahme, die Unterscheidung von Inklusion und Exklusion übernehme regional die Rolle der Primärdifferenzierung vor dem Differenzierungsmuster der funktionalen Differenzierung. Das Argument hierfür besteht in der Überlegung, dass Exklusionen Ordnungsbildungen ermöglichen, die funktionale Differenzierung unterlaufen (vgl. Luhmann 1995a: 250). Dies steht nun nicht im Gegensatz zu Annahme (4), sondern zu (2). Für die Theorie ist das aber eine wesentlich basalere Annahme als (4). Stichweh notiert entsprechend: „Diese These [vom Durchsetzen der Inklusions-/Exklusionsunterscheidung als Primärunterscheidung; J.G.] ist, wenn man gleichzeitig annimmt, daß es nur ein weltweites Gesellschaftssystem gibt, nicht einleuchtend.“ (Stichweh o.A., 10) Stichweh bezweifelt, dass Exklusion in diesem Maße die Weltgesellschaft prägt. Zum einen fehle für Exklusion in der Weltgesellschaft eine legitimatorische Basis, zum anderen bleiben die Exklusionsbereiche über „die ‚Parasiten’ der Funktionssysteme […] (Reporter, Kriminelle und Terroristen, Wohlfahrts- und Nichtregierungsorganisationen, Kredithaie, religiöse Sekten, Anthropologen als Forscher)“ an die Inklusionsbereiche gebunden (Stichweh o.A.: 12). 
Ich denke, man muss über Stichwehs Überlegungen an einem Punkt hinausgehen. Das Argument der eigenständigen Ordnungsbildung berücksichtigt Stichweh nicht in ausreichendem Maß. Betrachtet man dieses, so zeigt sich, dass die Annahme, die „Exklusionsbereiche“ seien durch andere Differenzierungsformen gekennzeichnet als die Inklusionsbereiche, eine Überzeichnung darstellt. Dies will ich plausibel machen, indem ich einen kurzen Blick auf die favelas werfe, was sich auch deswegen anbietet, weil sie für Luhmann die empirische Evidenz seiner Überlegung abgegeben haben. Es ist aufschlussreich, dass das massenhafte Entstehen der favelas in Rio de Janeiro zwischen 1930 und 1940 eine Folge der Disparität zwischen Arbeitsmarkt und städtischer Infrastrukturentwicklung war. Zum einen kommt es zu Migrationsbewegungen in die Metropole, weil die ländlichen Regionen kaum sinnvolle Erwerbschancen bieten, andererseits steht in der Stadt, vor allem im südlichen Teil, der die wesentlichen Beschäftigungsmöglichkeiten bietet, kein bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung und das städtische Transportwesen ist so ungenügend entwickelt, dass es kaum möglich ist, in weiterer Entfernung zu wohnen (vgl. Pfeiffer 1987: 68ff.; Pino 1998: 21ff.). Die favelas entstehen also zunächst nicht durch Exklusion aus dem Arbeitsmarkt, sondern gerade durch die Inklusion in diesen. Mißt man dies anhand der Arbeitslosigkeit in den favelas, so ist ein weiterer Umstand bemerkenswert. Die Arbeitslosenquote liegt in den favelas zwar höher als außerhalb, die Arbeitsverhältnisse sind unsicherer, aber der Großteil der favelados ist gerade nicht arbeitslos (vgl. De Carvalho und Burgos 2003; Pfeiffer 1987ff.; Pino 1998). Es ist auch dieser Umstand, der Perlman in ihrer Studie zum Mythos der Marginalität zu der Feststellung motiviert, es handle sich nicht um Desintegration, welche die favelas kennzeichnet, sondern um einen Fall „asymmetrischer Integration“ (Perlman 1976: 195). Auch Boaventura de Souza Santos, der anhand des von den Einwohnerassoziationen in den favelas praktizierten Zivilrechts zeigt, dass in den favelas eine eigenständige Form des Rechts entsteht, weist auf die Verwobenheit dieser Formen mit dem außerhalb der favelas geltenden Recht hin (vgl. Santos 1977, v.a. 89ff.).

Für die These einer eigenständigen, nicht funktional differenzierten Ordnungskonfiguration spricht auf den ersten Blick der Umstand, dass in den favelas – im Zuge der gestiegenen Bedeutung des Drogenhandels – eine „parallele Machtstruktur“ entsteht (vgl. Leeds 1996). Leeds macht dies fest an den Drogenhändlern, die zusehends das staatliche Gewaltmonopol in Frage stellen und dabei innerhalb der favelas und anderen Siedlungen politische und polizeiliche Macht übernehmen. Die Drogenhändler fusionieren ökonomische, politische und rechtliche Funktionen, üben diese willkürlich aus und verdanken ihre Macht Mechanismen der Gewalt und persönlichen Netzwerken. Wenn man Indizien für Luhmanns These sucht, in diesen Strukturen könnte man sie finden. Gleichzeitig ist es sinnvoll, diese Ordnungsbildung erstens nicht aus ihrer Verknüpfung mit den umgebenden Ordnungen zu lösen und zweitens die strukturellen Entsprechungen mit den Ordnungen des Inklusionsbereichs nicht aus den Augen zu verlieren. Die ökonomischen Beziehungen knüpfen unmittelbar an eine allgemeine Nachfrage an - der Drogenmarkt ist kein interner Markt. Auch der Netzwerkcharakter ist keine Besonderheit des Drogenhandels und der mit ihm verbundenen Strukturbildungen, sondern – ablesbar beispielsweise an der Korruption – ein auch sonst gängiges Muster der Aneignung unterschiedlicher Ressourcen. Die Privatisierung der Polizeifunktion und die Ausübung von Willkür finden sich so spiegelbildlich auf der anderen Seite, dem Inklusionsbereich. Hierfür sprechen die Phänomene privater Sicherheitsdienste und Sicherungssysteme (vgl. Caldeira 2000) sowie das instrumentelle Verständnis von Recht, das im Inklusionsbereich vorherrscht. In „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ gibt Luhmann eine entsprechende Beschreibung: „Das reichlich verfügbare Material legt den Schluß nahe, daß die Variable Inklusion/Exklusion in manchen Regionen des Erdballs drauf und dran ist, in die Rolle einer Meta-Differenz einzurücken und die Codes der Funktionssysteme zu mediatisieren. Ob die Unterscheidung von Recht und Unrecht überhaupt zum Zuge kommt und ob sie nach rechtssysteminternen Programmen behandelt wird, hängt dann in erster Linie von einer vorgängigen Filterung durch Inklusion/Exklusion ab; und dies nicht nur in dem Sinne, daß Ausgeschlossene auch vom Recht ausgeschlossen sind, sondern auch in dem Sinne, daß andere, und insbesondere Politik, Bürokratie und Polizei, vom Militär ganz zu schweigen, nach eigenem Ermessen entscheiden, ob sie sich ans Recht halten wollen oder nicht.“ (Luhmann 1997: 632)
Diese Überlegung hat eine interessante Konsequenz. Denn wenn gerade auch der Inklusionsbereich durch Kurzschlüsse der Funktionssysteme gekennzeichnet ist, dann wird fraglich, in welchem Maße für die Ordnungen in Brasilien gilt, dass sie als funktional differenziert gelten können (vgl. auch Luhmann 1992: 2f.). Warum sollte man unter dieser Voraussetzung überhaupt sagen können, dass im Fall von Brasilien funktionale Differenzierung Exklusion erzeugt, wenn die dort vorfindbaren Ordnungen nicht durch durchgesetzte funktionale Differenzierung gekennzeichnet sind? 

Damit wird aber erneut die Frage aufgeworfen, ob nicht doch ein Zusammenhang zwischen funktionaler Differenzierung und Inklusion besteht. Diesen kann man meines Erachtens erst dann angemessen entfalten, wenn man ein machttheoretisches Argument einführt. Ein solches deutet sich in Luhmanns eben angeführter Überlegung bereits an. Wenn die Unterscheidung von Inklusion/Exklusion und die funktionale Differenzierung deswegen in einem Widerspruch stehen, weil Personen im Inklusionsbereich in der Lage sind, die Leistungen der Funktionssysteme selektiv in Anspruch zu nehmen, dann gilt hier, dass die Zuweisung von Gütern nicht durch die Funktionssysteme erfolgt, sondern durch Personen. Pointiert gesagt: unter diesen Bedingungen exkludieren nicht die Systeme Personen, sondern Personen exkludieren Systeme. Funktionale Differenzierung erfordert es demnach, dass dieser selektive Zugriff auf Ressourcen unterbunden wird. Unter welchen Bedingungen ist dies der Fall? Eine Vermutung ist, dass dies immer dann der Fall ist, wenn wir es mit starken Staatsbürgerschaftsregimen zu tun haben. Für Brasilien, aber auch Länder wie Mexiko lässt sich zeigen, dass Exklusionen und schwache Staatsbürgerschaftsregime miteinander verbunden sind (vgl. Bethell 2000; Dellasoppa, Bercovich, und Arriaga 1999; Holston und Caldeira 1998; Mitchell und Wood 1999; Paoli und Telles 1998; Pinheiro 1997; Pinheiro 1999). Es lässt sich demnach die These vertreten, dass es einen Zusammenhang zwischen funktionaler Differenzierung und Inklusion gibt und dass dieser sich darauf zurückführen lässt, dass beide im Gegensatz zu einer willkürlichen Aneignung und Verteilung von Ressourcen stehen. Hergestellt wird dieser Zusammenhang nicht zuletzt durch staatsbürgerliche Inklusion, da Staatsbürgerschaftsregime, wie sie sich in den westeuropäischen Staaten finden, zu einer gleichmäßigen Verteilung von Ressourcen führen – gerade auch dadurch, dass sie die Chancen zu ihrem Erwerb tendenziell egalisieren. Dies ist aber keine Folge eines automatischen Prozesses sozialer Evolution oder Ausdruck der Eigenrationalität von Funktionssystemen, sondern – wie Mann (1987; 1998) und Turner (2000) gezeigt haben – die Folge eines Kampfes um die Aneignung von Ressourcen.

Literatur:

Bethell, Leslie, 2000: Politics in Brazil: From elections without democracy to democracy without citizenship. Daedalus 129: 1-27.
Caldeira, Teresa Pires do Rio, 2000: City of walls. Crime, Segregation, and Citizenship in São Paulo. Berkeley: University of California Press.
De Carvalho, Maria Alice Rezende und Marcelo Baumann Burgos, 2003: Notas sobre o trabalho em favelas do Rio de Janeiro. http://www.finteramericana.org/paises/brasil/documentos/publicac/brasil_pub2.htm.
Dellasoppa, Emilio, Alicia Bercovich und Eduardo Arriaga, 1999: Violência, direitos civis e demografia no Brasil na década de 80: o caso da Área Metropolitana do Rio de Janeiro. Revista Brasileira de Ciências Sociais 14.
Holston, James und Teresa P.R. Caldeira, 1998: Democracy, Law, and Violence: Disjunctions of Brazilian Citizenship. S. 263-296 in F. Aguero und J. Stark (Hg.): Fault Lines of Democracy in Post-Transition Latin America. Miami: North-South Center Press.
Leeds, Elizabeth, 1996: Cocaine and Parallel Polities in the Brazilian Urban Periphery: Constraints on Local-Level Democratization. Latin America Research Review 31: 47-83.
Luhmann, Niklas, 1992: Zur Einführung. S. 1-4 in M. Neves (Hg.): Verfassung und Positivität des Rechts in der peripheren Moderne. Eine theoretische Betrachtung und Interpretation des Falles Brasilien. Berlin: Duncker & Humblot.
Luhmann, Niklas, 1995a: Inklusion und Exklusion. S. 237-264 in N. Luhmann (Hg.): Soziologische Aufklärung. Band 6. Opladen: Westdeutscher.
Luhmann, Niklas, 1995b: Jenseits von Barbarei. S. 138-150 in Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Bd. 4. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Luhmann, Niklas, 1997: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Mann, Michael, 1987: Ruling Class Strategies and Citizenship. Sociology 21: 339-354.
Mann, Michael, 1998: Geschichte der Macht. Dritter Band. Teil 1. Die Entstehung von Klassen und Nationalstaaten. Frankfurt und New York: Campus.
Mitchell, Michael J. und Charles H. Wood, 1999: Ironies of citizenship: Skin color, police brutality, and the challenge to democracy. Social Forces 77: 1001-1020.
Paoli, Maria Celia und Vera da Silva Telles, 1998: Social Rights: Conflicts and Negotiations in Contemporary Brazil. S. 64-92 in S. E. Alvarez, E. Dagnino und A. Escobar (Hg.): Cultures of Politics. Politics of Cultures. Boulder: Westview.
Perlman, Janice E., 1976: The Myth of Marginality. Berkeley: University of California Press.
Pfeiffer, Peter, 1987: Urbanização Sim, Remoção Nunca! Politische, sozio-ökonomische und urbanistische Aspekte der Favelas und ihre soziale Organisation in Rio de Janeiro: Entwicklung - Tendenzen - Perspektiven. Berlin
Pinheiro, Paulo Sérgio, 1997: Popular Responses to State-Sponsored Violence in Brazil. S. 261-280 in D. A. Chalmers, C. M. Vilas, K. Hite, S. B. Martin, K. Piester und M. Segarra (Hg.): The New Politics of Inequality in Latin America. Oxford: Oxford University Press.
Pinheiro, Paulo Sérgio, 1999: The Rule of Law and the Underprivileged in Latin America: Introduction. S. 1-15 in J. Méndez, G. O'Donnell und P. S. Pinheiro (Hg.): The (Un)Rule of Law and the Underpriveliged in Latin America. Notre Dame: University of Notre Dame Press.
Pino, Julio César, 1998: Labor in the Favelas of Rio de Janeiro. Latin American Perspectives 25: 18-40.
Santos, Boaventura de Sousa, 1977: The Law of the Oppressed: The Construction and Reproduction of Legality in Pasargada. Law & Society Review 12: 5-126.
Stichweh, Rudolf, o.A.: Inklusion/Exklusion, funktionale Differenzierung und die Theorie der Weltgesellschaft. http://www.uni-bielefeld.de/soz/iw/pdf/stichweh_6.pdf (erweiterte Fassung des gleichnamigen Aufsatzes aus Soziale Systeme 3, 1997, 123-136).
Turner, Bryan S., 2000: Grundzüge einer Theorie der Staatsbürgerschaft [1990]. S. 229-263 in H.-P. Müller (Hg.): Citizenship - Soziologie der Staatsbürgerschaft. Wiesbaden: Westdeutscher.