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Frank Eckardt

Repräsentation der Transnationalen Stadt Diskursive Praktiken im Stadtraum Frankfurt

Die Repräsentanz globaler Interaktionen und „Ströme“ wird bislang als eine Abbild-Beziehung thematisiert, wonach sich Muster der Stadtentwicklung einheitlich global oder „glokalisiert“ an allen Orten dieser Welt ablesen lassen. Die Globalisierung dekliniert sich in diesem Sinne von Oben nach unten durch. Ungeklärt bleibt dabei das Beziehungsgeflecht und die Institutionalisierung solcher Vorgänge. Der Konferenz-Beitrag will anhand eines gouvernementalistischen Ansatzes und einer an Foucault angelehnten Raumdiskussion, die Möglichkeiten beider Ansätze anhand von drei Fallbeispielen diskutieren. Im Folgenden werden die theoretischen Positionen dazu dargelegt.

Gouvernementalistische Stadtanalyse

Ausgangspunkt der diskurstheoretischen Analyse transnationaler Städte ist die Annahme, dass Diskurse gestaltungsmächtig in Räume eingebettet sind. Sie wirken gouvernemental. Im Vordergrund steht keine Analyse einer bestimmten Politik oder Praxis, sondern eine Analyse der spezifischen Rationalität, die es der politischen Praxis ermöglicht, ihre unterschiedlichen Gegenstandsbereiche zu ordnen. Nur ansatzweise kann darauf verwiesen werden, in welcher Weise einzelne Diskurse die Rationalisierung von Politikpraxen ermöglichen. Die Analyse der Gourvernementalität will vielmehr die innerdiskursiven Diskrepanzen und ihre verschiedenen Nominalisierungen ausarbeiten. Aus diesem Grunde versteht sich die Reflexion der Diskurse als eine Analyse des régime de rationalité (Foucault 1994: 30). Die politische Praxis des Regierens (gouverner) geht mit den Diskursen (mentalité) eine semantische Symbiose ein, die es nicht mehr erlaubt, sie als lediglich als Diskurse zu bezeichnen. Vielmehr werden sie von den Intentionen des Regierens formatiert und kategorisiert. Diese Macht-Wissenskomplexe werden als Politik verstanden. Im Sinne Foucaults wird dann eine genealogische Diskursanalyse betrieben, wenn politische Rationalitäten nicht als Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Plan, sondern als bereits in der jeweiligen Diskurspolitik notwendigerweise brüchig und widersprüchlich verstanden werden (Foucault 2000). Die Aufgabe einer gouvernementalistischen Stadtforschung besteht demzufolge in dem Aufzeigen der internen Grenzen, Antagonismen und Friktionen, die ein Scheitern der jeweiligen Politiken zwangsläufig macht. 

Diskursive Raumdefinition

Für Foucault ergibt sich die Möglichkeit, in Räumen Differenzen und Utopien aufzufinden. Mit dem Begriff "Heterotopias" hat er zum Ausdruck bringen wollen, dass Räume als offen für Verschiedenartigkeit und für Projektionen zu betrachten sind. Sie stellen den Kontext für individuelle und gesellschaftliche Praktiken, Lebensformen und Kulturmuster, Wissen, Macht und Herrschaftsstrukturen dar (Hamedinger 1998: 204f.). Diese Orte werden als Außenräume verstanden, die "wirklich" sind und als eine Art realisierte Utopien in die Gesellschaft eingebaut wurden. Sie befinden sich außerhalb aller Orte und dennoch sind sie tatsächlich auffindbar. Foucaults Heterotopias sind in einem Zusammenhang mit seinem (späterem) Ansatz des Gegen-Diskurses zu betrachten. Sie sind Ort des widerständlichen Lebens. Doch Foucault will keine Räume dekonstruieren. Er versucht seine Raum-Analysen integrativ zu betreiben. Den Raum betrachtet Foucault als der Forschungsort, an dem Wissen, Raum und Macht zusammenfließen. Auftrag der Stadtforschung wäre die "Archeologie" des Wissens zu analysieren, um eine Kritik an Institutionen zu formulieren. Ziel ist die Entmaskierung der unsichtbaren Mechanismen der Gewalt, die mit solchen Raum-Macht-Wissenskomplexe etabliert werden (Rabinow 1984). In der Stadt haben sich, historisch gesehen, bestimmte Territorialisierungen ergeben, die vielfältige Linien politischer Organisation und Intervention als herausragendem Modus vivendi der meisten Staaten seit dem 19. Jahrhundert ergeben. Wie Nicolas Rose verdeutlicht hat, sind hierfür die Mentalitäten und Strategien des Regierens entscheidend gewesen, die durch den Aufbau von "Gemeinschaften" mit territorialen Bezug realisiert wurden. Nachbarschaften und ihre Institutionen dienen als Technologien der Mikro-Gouvernementalität. Dabei werden tiefgreifende Strukturierungen hervorgebracht, die sich vor allem auch auf eine Wissensproduktion orientiert, bei der das gemeinschaftliche Leben als ein soziales Ideal propagiert wird. Mit Verweis auf die Kommunitarismus-Debatten stellt Rose dar, wie sich durch das "Community"-Konzept der Sozialwissenschaften politische Macht und soziale Potentiale aktivieren lassen (Rose 2000). In diesen Gemeinschaften findet eine Individualisierung der Loyalität statt. Die Partizipation des Einzelnen wird verpflichtend und moralisch eingefordert. Dies funktioniert allerdings nur in der Umgrenzung eines bestimmten Netzwerkes (Familie, lokale Verankerung, Themen wie Tier- oder Umweltschutz etc.). Diese stellen Projekte der politischen Identifikation dar, mit dem das Individuum sich als Teil einer Community zu definieren hat. Für diese Projektpolitiken ist eine Institutionalisierung von Symbolen, Narrativen und Techniken der Selbstregierung nötig. Die übergeordnete Governance ist der Diskurs der Sicherheit und der Gefahrenabwehr. Dazu gehört die Konzeption der umzäunten Stadt. Die kommunitaristische Community-Konzeption geht hierbei eine Allianz mit dem neoliberalen Sicherheitsethos ein, der individuelle Wahl, eigenverantwortlichen Handels und Herrschaft zusammenführt. Community bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur das selbst organisierte oder durch Verträge eingerichtete Stadtviertel. Das Territorium ist eingewoben in eine besondere Form des Regierens. In dieser Weise endet die abstrakte, über National- bzw. Wohlfahrtsstaaten organisierte "Soziale". Die nationalstaatliche und räumlich-entfremdete Regierungsform des Sozialstaates wird durch eine community-bildende und territorialisierte Identity policy abgelöst. Die Konsequenz des Wechsels der Regierungsformen bedeutet eine Reorganisation des einheitlichen Raum des Sozialen. Außerhalb der Community gibt es keine Hilfe. Notwendig werden neue Herrschaftstechnologien gegenüber all diejenigen, die ausgeschlossen und marginalisiert werden. Neue Räume einer panoptischen Herrschaft entstehen, für die heruntergekommene Sozialwohnungen, überfüllte Gefängnisse, Obdachlosen-Container, Asylanten-Schiffe und andere Raumformen eingeführt werden. In den Mikro-Machträume entstehen zugleich aber auch wilde Räume, die eine gewisse Eigenständigkeit erobern können.

Theoretische Programmatik

Mit Foucault ergibt sich eine Stadtsoziologie, die sich um eine Frage der Rolle der Macht und des Wissens in der Steuerung der Stadt bemüht. Sie formuliert Regime der Technologien, die eine Regierung der Stadt jenseits der formalen Herrschaftsformen durchsetzen. Um die intrinsische Logik der Regimepraktiken zu erforschen, sollen die charakteristischen Formen der Sichtbarkeit und Wahrnehmungsgeographien untersucht werden, die sich an bestimmten Orten und ihren Milieus manifestieren. Die subjektiven Sichtweisen sollen als intentional verstanden werden und nach der Integration in das vorhandene Vokabular und den Produktionsweisen von Wissensbeständen analysiert werden. Ziel ist die Identifikation bestimmter Rationalitäten der städtischen Gouvernementalität und Technologien. Anhand der Fallbeispiele wird verdeutlicht, dass es einen strukturellen Wandel der Raum-Macht-Verhältnisse gegeben hat, der durch einen generellen Politikwechsel zu neoliberalen Formen der Herrschaft verursacht wurde. Die moderne Stadt mit ihrer Integration von städtischer Politik und territorialer Räumlichkeit mutierte zu einer Stadt der fragmentierten Räume, in denen die städtische Politik-Struktur nur noch als ein Akteur unter vielen aufzufinden ist. Obdachlose, Kriminelle, Arme, Jugendliche und andere marginalisierte Gruppen werden in unserer Wahrnehmung und Denken diskursiv als Gefahr beherrschbar. Die neue urbane Grammatik sucht aber noch nach einem Gegen-Diskurs und ihren Heterotopien. 

Literarturangaben:

Foucault, M. (1994) Table rond du 20 mai 1978. In : Dite et Écrits 3, S. 20-34.
Foucault, M. (2000) Die Ordnung der Diskurse. Frankfurt.
Hamedinger, A. (1998) Raum, Struktur und Handlung als Kategorien der Entwicklungstheorie. Frankfurt.
Rabinow , P. (1984) Space, Knowledge, and Power. In: Ders. (Hg.) The Foucault Reader. New York, S. 239-256.

Rose, N. (2000) Tod des Sozialen? Eine Neubestimmung der Grenzen des Regierens. In: Ulrich Bröckling et al. (Hg.) Gouvernementalität der Gegenwart. Frankfurt.