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Rainer Diaz-Bone

Diskursive Kulturproduktion

Die Diskurstheorie Foucaults ist in der empirischen Sozialforschung bislang vor allem auf offen konfliktträchtige Thematiken angewendet worden. Der Vortrag möchte die Fruchtbarkeit dieses Diskursansatzes für die Lebensstilanalyse und die Sozialstrukturanalyse demonstrieren und so aufzeigen, dass die Sozialstrukturanalyse als Kartografierung von kulturellen Diskursordnungen ein neues Anwendungsfeld für die Diskursforschung sein kann. 

Soziologische Sozialstrukturanalysen setzen üblicherweise damit an, dass die soziale Differen-zierung in Lebensstilgruppen auf materielle Aspekte zurückgeführt wird. Warum es soziale Grup-pen gibt, hängt aus dieser Sicht davon ab, dass es unterschiedliche Besitzverhältnisse gibt, die zu verschiedenen Formen der Lebensführung und der Stilisierung des Alltagslebens führen. Bourdieu hatte diese Perspektive zwar kritisiert, indem er einen erweiterten Kapitalbegriff vor-schlug. Er erweiterte bekanntlich das Kapitalkonzept zunächst um das kulturelle und das soziale Kapital, um später die Symbolisierungen der nun drei Kapitalsorten um das symbolische Kapital zu erweitern. Damit wurde aber die Strategie, zunächst nach den – nun erweiterten – Kapitalaus-stattungen zu fragen, nicht geändert. Aus bourdieuscher Sicht wird dann der soziale Raum kon-struierbar, die sich aus den unterschiedlichen Kapitalausstattungen ergibt. Dieser wirkt sich aus in einen damit (über den Mechanismus des Habitus) verkoppelten Raum der Lebensstile (Bour-dieu 1984).

Die symbolische Ordnung und der symbolische Gehalt der Lebensstile wird so (1.) aus der mate-riellen Ausstattung von Lebensstilgruppen, die sich habituell umsetzt oder (2.) aus der Relationalität im Raum der Lebensstile "ablesbar". Die zentrale Frage ist nun: wie kommt es, dass die Zuordnung von kulturellen Genres und kulturellen Praktiken nun so ist wie sie ist? Warum statten sich Lebensstilgruppen mit diesen und nicht jenen kulturellen Genres aus, gehen diesen und nicht jenen kulturellen Praktiken nach? Wie entsteht das Band, das Kultur und Lebensstilgruppen verknüpft? Die strukturalistische Antwort ist: es ist letztlich nur eine arbtiräre (willkürliche) Beziehung zwischen den Lebensstilgruppen und der Kultur. Denn worauf es ankomme sei die Unterscheidbarkeit. (Diese Antwort korrespondiert mit der 2. Lesart des Sozialen.) Die andere (letztlich materialistische und mit der 1. Lesart korrespondierende) Antwort ist: es liegt letztlich an der Exklusivität bzw. der Aufwendigkeit im Zugang oder im Erwerb des Rezeptionswissens, welche Kulturformen für eine Lebensstilgruppe akzeptabel seien. Yachtsport, Golf, teure Automobile, Schmuck und Chronographen sowie opulente Speisen sind nur zugänglich für gut betuchte Gruppen, der Genuss eines klassischen Musikstücks, abstrakter Kunst und eines mit formen experimentierenden Romans sind nur goutierbar für diejenigen, die über die entsprechende Bildung verfügten. Andererseits greifen die Lebensstilgruppen mit wenig Kapitalvolumen auf erschwingliche und kognitiv einfach erreichbare Kulturformen (Fußball, TV-Soaps) zurück – so die vergröberte Argumentation. Für die Verwischungen in diesem (hier vereinfacht dargestellten Bild) gibt es zu dieser Sicht passende Erklärungen. Das Allesfresser (Omnivore)-Phänomen: Die neuerdings auch kultursoziologisch thematisierte Strömung einer Aufwertung der Popkultur wird dann als die Etablierung eines Teils popkultureller Genres in der Hochkultur gedeutet, die durch neue Milieus befördert wurde, welche Hoch- und Popkultur schätzen und welche bereit sind, bestimmte Formen der Popkultur zu adeln. Trickle Down-Effekt: auch das Tennisspielen beispielsweise ist heute ein für die Massen zugängliches Phänomen, weil es popularisiert wurde, d.h. als Sportart zugänglich (Öffnung von Clubs, Verbilligung des Zugangs zum Sport) gemacht wurde und von den reicheren Milieus letztlich als exklusiver Sport aufgegeben wurde (siehe für eine ausführlichere Kritik der bourdieuschen Sozialanalyse Diaz-Bone 2002a).

Für die Erklärung distinktiver Effekte und der sozio-emotionalen Intensität, mit der Lebensstil-gruppen sich an "ihre" Kultur gebunden sehen, reichen diese sozialstrukturellen Argumentationen aber nicht aus. Denn die Zugänglichkeit der meisten Kulturformen ist durch die Verbilligung von kulturellen Gütern, das insgesamt gestiegene Bildungsniveau sowie die massenmediale Reprä-sentanz von Kulturformen deutlich vereinfacht worden. Fast jede kulturelle Praxisform kann im Prinzip von jedermann ausgeübt werden, die Trends und Stile können im Prinzip immer schneller durch den massenmedial repräsentierten Raum der Lebensstile zirkulieren. Frage also: ist es wirklich egal, welche kulturellen Praxisformen identitätsbildend sind? Woher stammt dann die Empörung in der Welt der klassischen Musik, wenn Klassikorchester mit Rockmusiker gemein-sam auf der Bühne stehen und musizieren? Warum empören Heavy Metal-Fans, wenn auch dem Cover von Heavy Metal-Zeitschriften Techno-Bands abgebildet sind? Warum fühlen sich Lebens-stilgruppen ihre Kulturform als ihnen nahestehend?

Setzt man bei den sozialen Bereichen an, in denen die Kulturformen diskursiv behandelt werden (die man Kulturwelten nennt), so zeigt sich, dass hier nicht einfach eine Kommentierung der kul-turellen Objekte und Praxisformen erfolgt, sondern dass die Kulturformen im foucaultschen Sinne diskursiviert werden. In den Kulturwelten werden die "Objekte" erst in einer kollektiven diskursi-ven Praxis geschaffen, werden sie auf Erwartungen bezogen, auf Problematisierungen ästheti-scher Art, die vor allem drei ästhetische Dimensionen betreffen: (1) wie sollen die Kulturformen hergestellt werden?, (2) wie sollen sie angeeignet und rezipiert werden? (3) und wie sollen sie in den Lebensstil alltagspraktisch integriert werden? Anhand der kulturweltlichen Diskursivierung entsteht in den Kulturwelten eine Diskursordnung nicht nur die Konstruktion des Kulturwissens, indem die kulturellen Wissenskonzepte von "Werk/Stück", "Künstler/Sportler/Hersteller", "Quali-tät", "Material", "legitimer Erfolg/Fairness/Gerechtigkeit". "Aufführung/Performanz" usw. entste-hen, sondern hier wird das kulturelle Wissen, das scheinbar nur alltagsästhetisches Wissen ist, ethisch-normativ aufgeladen. Auf tiefer liegender Ebene (hier ist der Bezug das episteme-Konzept Foucaults (1966)) findet sich dann in den kulturellen Wissensordnungen der kulturweltli-chen Diskurse eine diskursiv artikulierte Gefühlsstruktur, die man "Sozio-Episteme" nennen kann. Diese gibt der soziokulturellen Identität erst eine Form und: anhand dieser unterschiedlichen So-zio-Epistemai, findet sich eine Überwindung des strukturalistischen Arguments von der Arbitrarität der Beziehung zwischen Lebensstilgruppen und Kulturformen. Das heißt allerdings nicht, dass kulturelle Praxisformen nicht umdiskursiviert werden können oder dass die materiellen Objekte und Praktiken nicht auch bald in anderen Kulturwelten diskursiviert werden können. Man sieht aber: die sozio-emotiotioanle Bindung zwischen Kollektiven und Kulturformen kann auch nicht aus der vordiskursiven Materialität der kulturellen Objekte abgeleitet werden. Das fällt spätestens dann auf, wenn Umdiskursivierungen stattfinden und Genres von Lebensstilgruppen diskursiv entkoppelt werden und mit anderen verkoppelt werden (Diaz-Bone 2002a).

Sieht man die Realität von Kultur als die einer Diskursivität in dieser Weise an, wird die "Kultur-produktion" notwendig zu einer diskursiven Produktion kulturellen Wissens. Fasst man den Beg-riff kultureller Genres so weit, wie dies Bourdieu (1984) getan hat (das heißt nicht nur Musik, Lite-ratur, Theater, sondern auch Sport, Freizeitaktivitäten, Hobbys etc. und die Welt lebensstilrele-vanter Objekte wie Automobile, Uhren, Mode etc. werden zu Genres), so sieht man, dass diskur-sive Wissensproduktion ein sehr weites Feld ausmacht und das der soziologisch relevante "An-teil" von Kultur nicht in der Alltagsvorstellung von Kultur liegt (als System von kulturellen Objek-ten, kulturellen Praktiken), sondern in der Sphäre des Diskurses. Relevant ist dieser Anteil nicht nur soziologisch (also für die Analyse durch Soziologen), er ist auch der sozial relevante Anteil: denn ohne die diskursive Kulturproduktion hätten Gegenstände nicht nur keine Wertigkeit, son-dern überhaupt keinen Sinn! 

Die beschrieben Diskursivierung in Kulturwelten ist eine Form der diskursiven Kulturproduktion. Im Rahmen dieser diskursiven Kulturproduktion erhalten Genres ihren lebensstilbezogenen Sinn und eine Art ethisch-ästhetische Wertigkeit. Nimmt man die oben formulierte Sozialstrukturper-spektive wieder auf, so fällt auf, dass die bisherigen Ansätze diese sozialstrukturell relevante Wertigkeit nicht erreichen und mit ihren Mitteln analysieren können, wollen sie einen materialisti-schen oder strukturalistischen Reduktionismus vermeiden. In letzter Konsequenz ist es also er-forderlich, nicht nur eine diskurstheoretische Perspektive als Ergänzung in die Sozialstrukturana-lyse aufzunehmen, sondern mit Foucault die eigene Realität diskursiver Praxis in der Konstrukti-on des lebensstilbezogenen Gehaltes in einer eigenen Sphäre zu verorten. Denn auch die dis-kursive Praxis lässt sich weder hinsichtlich ihrer Wirkmächtigkeit oder hinsichtlich ihrer Tiefen-struktur rückführen auf Kapitalausstattungen oder die Relationen von Lebensstilgruppen in Bour-dieus Raum der Lebensstile. Vorgeschlagen wird deshalb, ein Sozialmodell in der empirischen Kulturanalyse zu verwenden, dass drei Raumkonzepte (und ihre Vermittlungsprozesse) zusam-menbringt: (1) den sozialen Raum, der sich aus der Zusammensetzung und dem Volumen der Kapitalia erstellen lässt, (2) dem Raum der Lebensstilgruppen und (3) dem Raum der Diskurse, der damit ein Interdiskursraum wird, in dem sich die verschiedenen kulturelle Diskurse von ihrer interdiskursiven Umgebung (zumindest für eine gewisse Zeit) als stabile Formationen abheben und so Distinktivität hervorbringen, nicht einfach nur aufgrund ihrer relationalen Position, sondern aufgrund ihrer Sozio-Episteme, d. h. ihres poststrukturalistisch gesehen durch eine Praxis kon-struierten, nicht materiellen Gehaltes (Diaz-Bone 2002a; Diaz-Bone 2002b).

Im Interdiskursraum (dessen theoretische Grundkonzeption des Interdiskurses der Diskurstheore-tischer Michel Pêcheux (1982) ausgearbeitet hat) stehen sich dann zwar verschiedene Kulturwel-ten relational "gegenüber", aber die eigentliche "distinktive Thermik" entsteht durch Prozesse der Aufnahme von Diskurselemente aus Kulturwelten in einen massemedialen Mainstream. Denn die kulturweltlichen Medien sind zumeist Special-Interest Medien, die in der Regel innerhalb der Mi-lieugrenzen rezipiert werden. Die Aufnahme in das massenmediale Zentrum wird dann in den Kulturwelten als "Enteignung" wahrgenommen und diskursiv verteidigt. Durch diskursive Prozes-se der "Verteidigung", der "Aneignung", der "Umwertung", erwächst einmal die Dynamik der dis-kursiven Kulturproduktion. Zum anderen enthält die diskursive Kulturproduktion den Zwang zur Diskursvisierung aus ihren Kulturwelten selbst: die meisten Genres haben eine permanente Pro-duktion neuer kultureller Artefakte und Ereignisse, die nicht einfach "da" sind, sondern die inner-halb der Kulturwelten diskursiviert werden müssen. Pêcheux (1982) hat in seiner Kritik des fou-caultschen Konzeptes (und mit Bezug auf Althusser) der diskursiven Formation (Foucault 1973) darauf hingewiesen, dass Interdiskursivität notwendig Inkonsistenzen und Widersprüchlichkeiten innerhalb von Diskursen bewirkt. Auch hierin, durch den Zwang in Diskursen eine Kohärenz der Wissensordnung prozessual zu erzielen, wird die diskursive Kulturproduktion angetrieben.

Der Interdiskursraum kann als massenmedial und nicht nationalstaatlich begrenzte vorgängige diskursive Umwelt der kulturweltlichen Diskurse aufgefasst werden, die ebenso oftmals nicht na-tionalstaatliche sind. Durch die globale Medienorganisation handelt es sich bei den zeitgenössi-schen Kulturwelten deshalb zumeist um internationale Kulturwelten. Insbesondere die Diskurs-ordnungen von zeitgenössischen Populärkulturwelten können zwar begriffen werden als interna-tionale Wissensregionen in globalen Interdiskursräumen, sie müssen aber dennoch distinktive Grenzen gegenüber dem kulturhegemonialen (internationalen) Medienzentrum aufrechterhalten, wollen sie einen distinktiven Sinn behalten. Hier steht eine Erweiterung, der in der Regel nur auf national Sozialstrukturen beschränkten Sozialstrukturanalyse auf eine diskursanalytische Kultur-analyse als nicht notwendig nationaler Sozialstrukturanalyse noch aus.

Literatur:

Bourdieu, Pierre (1984): Die feinen Unterschiede. Frankfurt: Suhrkamp.
Diaz-Bone, Rainer (2002a): Kulturwelt, Diskurs und Lebensstil. Entwurf einer diskurstheoreti-schen Erweiterung der bourdieuschen Distinktionstheorie. Opladen: Leske + Budrich.
Diaz-Bone, Rainer (2002b): Diskursanalyse und Populärkultur, in: Göttlich, Udo / Albrecht, Cle-mens / Gebhardt, Winfried (Hrsg.): Populäre Kultur als repräsentative Kultur. Die Heraus-forderung der Cultural Studies. Köln: von Halem Verlag, S. 125-150.
Foucault, Michel (1966): Die Ordnung der Dinge. Frankfurt: Suhrkamp.
Foucault, Michel (1973): Archäologie des Wissens. Frankfurt: Suhrkamp.
Pêcheux, Michel (1982): Language, semantics and ideology. Stating the obvious. London: Mac-Millan.