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Andrea D. Bührmann

Wie wird Wissen produziert?


Im Mittelpunkt meines Beitrages steht das Problem der Produktion von Wissen. Ich möchte dieses Problem anhand der Cultural Studies diskutieren. 
Dies bietet sich mit Blick auf die Frage reflexiver Repräsentationen m. E. insbesondere aus zwei Gründen an: Erstens handelt es sich bei den Cultural Studies um einen bedeutenden, weil nicht zuletzt auch umstrittenen Forschungsansatz, der auch in der deutschsprachigen Debatte seit Beginn der 1990er Jahre immer mehr Raum greift. Zweitens nehmen die Cultural Studies für sich in Anspruch, gerade Fragen nach den diskursiven, sozialen und politischen Repräsentationsproblemen, die mit der Entstehung eines globalen Kapitalismus einhergehen, theoretisch, historisch und praktisch zu reflektieren. So haben sich in den Cultural Studies über Debatten um den Feminismus, die Postmoderne und den Postkolonialismus unterschiedlichste Themenschwerpunkte etabliert: Diese reichen von Problemen ökonomischer und medialer Globalisierung über die Diskussion von Identitäts- und Differenzkonzepten und ihrer politischen Effektivität bis hin zur Erforschung divergierender Entwicklungen der Cultural Studies in verschiedenen geographischen Kontexten, wie etwa in Lateinamerika und Südostasien. In diesem Zusammenhang kritisieren viele Vertreterinnen bzw. Vertreter der Cultural Studies, dass in anderen Forschungsansätzen Fragen nach den diskursiven, sozialen und politischen Repräsentationsproblemen, die gegenwärtige Globalisierungsprozesse implizieren, nicht oder wenigstens nicht in ausreichendem Maße problematisiert werden. 
Ich frage nun in meinem Beitrag, ob und wenn ja, inwiefern in den Cultural Studies diese Fragen nach den Repräsentationsproblemen selbstreflexiv eingeholt, d.h. auf die Wissensproduktion in den Cultural Studies selbst bezogen werden. Im Anschluss daran werde ich einige Hypothesen darüber entwickeln, wie in den Cultural Studies, welches Wissen, wie, von wem und weshalb darüber produziert wird, wie Wissen produziert wird.

Die Rezeption der Cultural Studies boomt zur Zeit im deutschsprachigen Raum: 
- Seit Ende der 1990er Jahre finden Tagungen über Cultural Studies statt. 
- Zugleich werden immer mehr zumindest Cultural Studies-nahe Institutionen, aber auch Studiengänge eingerichtet. 
- Schließlich sind mittlerweile diverse Anthologien, Überblickswerke, Einführungen sowie Zeitschriftenartikel über die Cultural Studies erschienen. 
Allerdings bekennen die Autorinnen bzw. Autoren dieser Texte, die Cultural Studies verfügten weder über einen klar konturierten Gegenstandsbereich. Noch besäßen sie eine gemeinsame methodische und methodologische Ausrichtung oder eine geschlossene Lehrmeinung. 
Dieses Bekenntnis verwundert umso mehr, als dass diese Autorinnen bzw. Autoren doch zumindest ein implizites Wissen darüber besitzen müssen, was die Cultural Studies ausmacht. Dafür möchte ich vor allen Dingen zwei Gründe hervorheben: 
Erstens konstatieren jene Autorinnen bzw. Autoren, dass sich die Cultural Studies in Abkehr von anderen theoretischen und methodischen Ansätzen formieren. Offen bleibt allerdings, von welchen Ansätzen sich die Cultural Studies wodurch genau abgrenzen. Stattdessen wird immer wieder der anti-disziplinäre Charakter der Cultural Studies hervorgehoben. 
Zweitens finden sich in den Einführungstexten, Überblickswerken und Anthologien über die Cultural Studies Einschätzungen dazu, welche Anschlüsse zwischen den Cultural Studies und anderen wissenschaftlichen Disziplinen oder Projekten wünschenswert sind. Hier ist bisher allerdings weitgehend ungeklärt, welche Anschlüsse, an welche Ansätze, inwiefern wünschenswert erscheinen. Dagegen betonen die Autorinnen bzw. Autoren immer wieder den trans-disziplinären Charakter der Cultural Studies, ohne diesen jedoch systematisch zu beschreiben. 
Ausgehend davon ergibt sich also die folgende paradoxe Situation: Die Cultural Studies-Forschenden müssen zwar über ein implizites Wissen über den Gegenstand, das Personal sowie die theoretische und methodische Ausrichtung der Cultural Studies verfügen. Jedoch steht bisher eine systematische positive Beschreibung der Cultural Studies in Bezug auf dieses Wissen aus. 
Mit Blick auf dieses Forschungsdefizit möchte ich im Folgenden einen Beitrag für eine solche positive Beschreibung formulieren. Dies erscheint mir insbesondere aus zwei Gründen dringend erforderlich: 
Denn zum einen kann erst eine positive Beschreibung der Cultural Studies als Ausgangspunkt für die Abgrenzung der Cultural Studies von anderen, benachbarten wissenschaftlichen Ansätzen dienen. 
Zum anderen bildet eine systematische positive Beschreibung die logische Voraussetzung dafür, Ansatzpunkte für eine Disziplinen und Institutionen überschreitende Verständigung über die Bausteine und Orte kulturwissenschaftlicher Praxis zu benennen. 

Wie aber können die Cultural Studies positiv beschrieben werden? 
Anstatt nun identitätsstiftende Kategorien oder Konzeptionen der Cultural Studies zu benennen, schlage ich vor, die Cultural Studies in ihrer konkreten diskursiven Praxis selbst zu beschreiben. Das bedeutet: Ich werde ausgehend von der Foucaultschen Diskursanalyse beschreiben, was die Vertreterinnen bzw. Vertreter der Cultural Studies selbst behaupten zu tun, wenn sie ein Forschungsproblem bearbeiten. 
Dazu werde ich die erwähnten deutschsprachigen Anthologien, Einführungen und Überblickswerke erstens nach den Regeln bzw. Strukturen befragen, über die sich ihrer Meinung nach in der Praxis der Cultural Studies ihr Untersuchungsgegenstand, ihre Begriffs- bzw. Theoriekonzeption, ihre Äußerungsmodalität und ihre strategische Wahl formieren. Zweitens werde ich nach den Beziehungen zwischen diesen einzelnen Praxisebenen fragen. Ausgehend davon mache ich dann einen Vorschlag, die Praxis der Cultural Studies positiv zu beschreiben.