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Özkan Bucakli und Julia Reuter

Produktion von Lokalität in der Migration

Wie Postmodernismus das Konzept der 1980er Jahre gewesen ist, so hält Malcolm Waters (1995: 1) fest, ist Globalisierung das Konzept der 1990er Jahre. Man muss ihn ergänzen: es ist das frequentierteste Konzept auch dieser Dekade. Auffallend ist im Diskursverlauf die zunächst überwiegend ökonomische Rezeption, an die freilich Diskussionen um gesellschaftliche und politische Reformen anknüpfen. Ökonomisch-technologischen Entwicklungen wird eine zentrale, wenn nicht determinierende Rolle – und ein vereinheitlichender Effekt – zugeschrieben. Am weitesten geht das Szenario der „Hyperglobalisierung“, das von vollständig integrierten Märkten ausgeht, wobei nationalen und lokalen Akteuren lediglich Anpassungsleistungen abverlangt würden. So ist schnell vor einem „Mythos“ der Globalisierung (Hirst/Thomson 1998), vor einem „Globalismus“ (Robertson 1992, Dürrschmidt 2002) gewarnt worden, einer Deutung, die Globalisierungsprozesse mit Vereinheitlichung gleichsetzt. 

Dieser Warnung möchten wir uns anschließen, in dem wir auf die lokalen Aneignungen globaler Einflüsse, auf die durch (Sub-)Kulturen gefilterten Verarbeitungen globaler Prozesse - auf glokale (Robertson) Praktiken eingehen. Dabei soll mit Hilfe der Cultural Studies eine kulturtheoretische Argumentation geführt werden, um einen ökonomistischen bias zu vermeiden. Entgegen eines industriegesellschaftlichen "Produktivitätsparadigma", das nur in der Produktion, nicht aber im Konsum, im Vorgang der Aneignung, produktive Kräfte am Werk sieht, treten die Cultural Studies für eine Kreativität des Alltags ein. Während Globalisierungsprozesse aus der Perspektive des Globalen als homogene Massenkultur erscheinen (vgl. Rademacher 1999: 262), sensibilieren die Cultural Studies aus einer (ethnographischen) Perspektive des Lokalen für die unscheinbaren, weil subtilen Verarbeitungen und Verschiebungen von globalen „Fremdeinflüssen“ auf der Ebene sozialer (Gebrauchs-)Praktiken. Dabei geht es nicht nur um ökonomische, sondern auch um kulturelle Prozesse. Sie stellen den "globalen und enträumlichten Strömen" eine kontextgenerierende Kraft ortsbezogener, nicht ortsgebundener kultureller Wissensproduktion gegenüber, in der Vorstellungen und Verortungen kultureller Gemeinschaften und Identitäten neu kontextuiert werden.

Zwei Autoren, die hier stellvertretend für viele angeführt werden, haben bereits vor mehr als zehn Jahren wichtige Beiträge zum Globalisierungsdiskurs und implizit zu der Frage des Verhältnisses von Globalität und Lokalität geleistet: Anthony Giddens (1997, original: 1990) und Ronald Robertson (1992). Giddens Kernpunkt ist die Neuordnung des sozialen Lebens über Raum und Zeit. (1997: 95). Raumzeitliche Abstandsvergrößerungen dehnen soziale Beziehungen über den lokalen Schauplatz hinaus, so dass Interaktion über Entfernungen hinweg möglich werden. Giddens definiert Globalisierung als die „Intensivierung weltweiter sozialer Beziehungen, durch die entfernte Orte in solcher Weise miteinander verbunden werden, dass Ereignisse an einem Ort durch Vorgänge geprägt werden, die sich an einem viele Kilometer entfernten Ort abspielen, und umgekehrt“(ebd.: 24f). Das Ergebnis dieser Verbindungen ist aber, so Giddens, nicht als ein Vereinheitlichungsprozess zu verstehen. Das Globale und Lokale werden vielmehr auf eine „oft gebrochene und asymmetrische Weise“ miteinander verbunden, so dass etwa die Verschärfung der Unterschiede zwischen der „Dritten“ und der „Ersten Welt“ oder die Akzentuierung lokaler Identitäten die Folge sein können. In jedem Falle – so Robertson - müssen sich soziale Entitäten inzwischen innerhalb eines globalen Bezugsrahmens, dem „global field“ verorten. „In dieser Hinsicht beinhaltet die auf allgemeinste Weise als Verdichtung der Welt als ganzer definierte Globalisierung die Verknüpfung von Lokalitäten.“(Robertson 1998: 208). Betont wird der Aspekt der Translokalität. Auch er warnt davor, die so entstehende „globale Kultur“ misszuverstehen: Der kommunikative und interaktive Zusammenschluss – worunter auch sehr asymmetrische Formen der Kommunikation und Interaktion fallen – ist nicht mit der Vorstellung einer Homogenisierung aller Kulturen gleichzusetzen. Unter Globalisierung versteht er keineswegs ein gleichschaltendes Makrophänomen, das lokale und kulturelle Unterschiede einebnet, sondern spricht nun von Glokalisierung als die Gleichzeitigkeit und wechselseitige Durchdringung dessen, was üblicherweise als das Globale und das Lokale bezeichnet wurde. In Anlehnung an Abu-Lughod (1994) argumentiert er, dass Glokalisierung die Wiederherstellung, ja Produktion von „Heimat“, „Gemeinschaft“ und „Lokalität“ mit sich gebracht hat. Lokalität löst sich nicht auf, sondern wird neu verhandelt. 

Aber auch die der Auflösung entgegengesetzte Vorstellung unberührter Lokalitäten ist nicht haltbar. Doreen Massey (1995: 46) weist zunächst darauf hin, dass häufig eine Vorstellung vom Ort vorherrscht, die durch Geschlossenheit, lokale Tradition und Kultur gekennzeichnet ist. Es sind aber gerade die grenzüberschreitenden Kommunikationen und Verflechtungen und transnationalen Migrationen, die diese Vorstellung in Zweifel ziehen. Neben Ludger Pries' (2001) Analyse der informationstechnologisch gestützten Verräumlichungspraktiken von Migranten hat vor allem Arjun Appadurai das produktive Wechselspiel von globalen Medien und lokaler Alltagspraxis hervorgehoben. Denn was heute im Hier und Jetzt soziale Praxis geworden ist, ist unausweichlich mit Vorstellungen, Ideen und Gelegenheiten verbunden, die anderswo herkommen und oftmals durch die Massenmedien transportiert werden (vgl. Appadurai 1998: 23). So gilt Imagination und Phantasie nach Appadurai nicht nur als Residual oder Flucht. Sie avanciert im Zeitalter einer grenzüberschreitenden Medienkultur zur neuen sozialen Praxis, zu einem Motor für die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens. Insofern komme es darauf an, das Abwesende, das nicht Vor-Ort-Gegebene als integralen Bestandteil bei der Ausbildung des Lokalen auszuweisen, ohne gleichzeitig die materiale Verankerung der weiterreichenden Wirklichkeiten in den konkreten Lebenswelten zu vernachlässigen. Orte werden vor dem Hintergrund und im Zusammenspiel mit Einflüssen aus anderen, entfernten Orten gemacht, konstruiert, mit Bedeutungen versehen, imaginiert und repräsentiert. Das Neu-Denken des Verhältnisses von Raum und Ort soll darauf hinauslaufen, dass der Ort nun „as a meeting-place, the location of the intersections of particular bundels of activity spaces, of connections and interrelations, of influences and movements“ ( Massey 1995: 59) aufzufassen ist. Gillian Rose (1995: 88) betont darüber hinaus die Bedeutungen und Gefühle – „a sense of place“ - die Menschen mit ihren Orten verbinden, gleichwohl diese über den Ort hinausgehen. Menschen füllen Orte über gelebte Erfahrungen und subjektive Gefühle mit Bedeutungen, gleichwohl die symbolischen und materiellen Bezüge ortsübergreifend (regional, national, global) gespeist sind. Denn je nachdem, in welchen "Nationalstaatlogiken", historischen Kontextualisierungen oder öffentlichen Foren sich die Akteure jeweils bewegen, können die Vorstellungen über das, was "Lokalität" im globalen Kontext bedeutet, extrem variieren.

Das Lokale wird so als Ort der subjektiven und alltäglichen Auseinandersetzung mit globalen und/oder nationalen Tendenzen und als Mikrokosmos der komplexen Makrogesellschaft interpretiert. Im Gegensatz zur Vorstellung eines sozialen Raumes bzw. einer lokalen Gemeinschaft, die sich über face-to-face-Beziehungen, über physische Nähe und eine Form der Alltäglichkeit im Hier und Jetzt definiert (vgl. Peleikis 2001: 73), bedeutet die Erforschung von Lokalität im Zeitalter der Globalisierung, die Beziehungen zwischen materieller Konstruktion, sozialer Praxis und diskursiver Repräsentation zu analysieren (vgl. Wildner 2003: 69). Während die materielle Konstruktion (Wohngebiete, Mobiliar, Produktpalette usw.) dabei aus der Perspektive des Globalen vorschnell als Signum für ein "fluides und entterritorialisiertes (Nomaden)Leben im globalen Dorf", oder auch als "ortsbezogenes und fixiertes Leben im Ghetto" erscheint und damit hegemoniale Repräsentationsdiskurse reproduziert, offenbart eine Analyse der sozialen Praktiken, dass das Referenzsystem in Gestalt der Opposition von "Global" und "Lokal" unzureichend ist. So reklamiert Berking zurecht, dass Ent-territorialisierungstheorien häufig die Ent-, nicht aber die Reterritorialisierungsprozesse bei der Rekonfiguration sozialer Räume im Globalisierungsprozess betonen, während es Territorialisierungstheorien entgeht, dass der Ort bzw. die räumliche Manifestation von imaginären bzw. immateriellen Bildern durchsetzt ist, die quer durch das kulturelle Spektrum aller Gesellschaften reichen. (vgl. Berking 1998: 386). 

Es gilt, den Lokalitätsbegriff als Rekonfiguration von Territorialität unter Einbezug symbolischer Praktiken neu zu fassen, denn wo indische Migranten in der Londoner Vor-Ort-Disapora über westliche Seifenopern klatschen, geht es häufig gerade nicht um westliche Seifenopern, sondern um Fragen der religiösen und moralischen Tradition in der Peripherie (Gillespie 1999), wo moderne Marketingstrategien und ihre Konsumanreize Jugendliche in eine globalen Markt locken, kommt es zu "Vermittlungsphänomenen" zwischen den Kulturen der Eltern und der eigenen Altersgruppe auf lokaler Ebene (Gillespie 1998), wo neue deutsch-türkische Räume (Cafés, Diskotheken) den Eindruck einer "rückwärtsgewandten Nostalgie" bzw. den Eindruck von "ethnischen Ghettos" erwecken, definieren sich solche Orte ironischerweise über eine multikulturalistische Rhetorik der Offenheit gegenüber anderen Kulturen, Völkern, Hautfarben, dem Westen (Caglar 1998).

Während die Migrationstheorie die Frage nach der kulturellen Identität lange Zeit als sozialstrukturelles Problem der Assimilation oder Desintegration in Nationalgesellschaften (und damit Erhaltung oder Auflösung des ursprünglichen Ortes) aufgeworfen hat, gewinnen jetzt die lokalen Praktiken als Ausgangspunkt für eine glokale Neuverortung an Bedeutung. Denn die in der Migration mittransportierten Bilder der Heimat, des Ursprungs, der Nation werden weder einfach konserviert, noch umstandslos abgelegt, sondern in der Diaspora neu kontextuiert. So steht die Produktion von Lokalität in der Migration für die Herausbildung neuer Sozialräume, deren Bewohner in ihren alltäglichen Praktiken und kulturellem Selbstverständnis Integration und Differenz zugleich leben. Zum Ausdruck kommt dies in der Ausbildung neuer sozialer Wirklichkeiten, die sich in einem Diaspora-Lebensstil mit eigenen Orientierungs- und Handlungsmustern, neuartigen Lebensläufen und Erwerbsverläufen, einem eigenen System von Zugehörigkeiten auch dauerhaft etablieren. 

Dass Menschen, die migrieren, nicht notwendig ortslos sind, sondern vor Ort ein neues „homing desire“ ausbilden, betont Avtar Brah (1996: 180). Diesen Wunsch in der Diaspora anzukommen und „Wurzeln“ zu schlagen unterscheidet sie von Diasporas, die eine Ideologie der Rückkehr aufrechterhalten. Diasporische Reisen im ersten Sinne beinhalten Praktiken des Seßhaft-Werdens, die im Anschluß an Gilroy (1993) „roots“ und „routes“ einbeziehen. „The concept of diaspora places the discourse of ‚home’ and ‚dispersion’ in creative tension, inscribing a homing desire while simultaneously critiquing discourses of fixed origins“ (Brah ebd: 192f., Hervorhebung im Original). Auch Gillespie hält eine diasporische Perspektive für gut geeignet, um den komplexen Überschneidungen transnationaler und translokaler Netzwerke gerecht zu werden, in denen sich Migranten bewegen. Sie berücksichtigt die vielfältigen Veränderungen, denen Identitäten durch Umsiedlung und das Überschreiten von Kulturgrenzen ausgesetzt wurden und werden. Auch wenn die Diaspora-Dasein mit traumatischen Erfahrungen und Dislozierungen verbunden sein kann, so auch mit Hoffnungen und Neu-Beginn. In jedem Falle handelt es sich um ein umstrittenes kulturelles und politisches Terrain, in dem individuelle und kollektive Erinnerungen zusammentreffen und bisweilen kollidieren können. 

Deshalb ist die Frage, wer, wann unter welchen Umständen reist und wo ankommt und bleibt eine, die die ökonomischen, politischen und kulturellen Bedingungen und Bezüge des diasporischen Raumes in Anschlag bringt. Dabei wird der Diaspora-Raum nicht nur von denen bewohnt, die migriert sind, sondern auch von denen, die als „Indigene“ konstruiert und repräsentiert werden: „The diaspora space is the site where the native is as much a diasporian as the diasporian is the native“ (ebd: 209, Hervorhebung im Original). 

Literatur

Abu-Lughod, J. (1991): Going beyond global babble, in: King, A. D.(Hg.): Culture, Globalization and the world System, London
Appadurai, Arjun, 1999: Globale ethnische Räume, S. 11-41 in: Beck, Ulrich (Hg.): Perspektiven der Weltgesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Berking, Helmuth, 1998: "Global Flows and Local Cultures". Über die Rekonfiguration sozialer Räume im Globalisierungsprozeß. Berliner Journal für Soziologie, 3: 381-392.
Brah, Avtar (1996): Cartographies of Diaspora. Contesting Identities, London: Routledge.
Caglar, Ayse, 1998: Verordnete Rebellion. Deutsch-türkischer Rap und türkischer Pop in Berlin, S. 41-57 in: Globalkolorit. Multikulturalismus und Populärkultur. St.Andrä/Wördern: Hannibal.
Dürrschmidt, Jörg (2002): Globalisierung.Bielefeld: Transcript
Giddens, Anthony (1997): Konsequenzen der Moderne, Frankfurt am Main (Suhrkamp), 2. Auflage.
Gillespie, Marie, 1998: Geschmackshierarchien. Über Kleidungsstile asiatischer Jugendlicher in London, S. 117-134 in: Mayer, Ruth/Mark Terkessidis (Hg.): Globalkolorit. Multikulturalismus und Populärkultur. St.Andrä/Wördern: Hannibal. 
Gillespie, Marie, 1999: Fernsehen in multiethnischen Kontext, S. 292-339 in: Ders./Winter, Rainer (Hg.): Widerspenstige Kulturen. Cultural Studies als Herausforderung. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Gilroy, P. (1993): The Black Atlantic: Double consciousness and Modernity. Cambridge, Mass.: Harvard University Press.
Hirst, Paul/Thomson, Grahame (1998): Globalisierung? Internationale Wirtschaftsbeziehungen, Nationalökonomien und die Formierung von Handelsblöcken, in: Beck, Ulrich. Politik der Globalisierung, Frankfurt am Main, S. 85-133
Masey, Doreen (1995): The conceptualization of place, S. 45 – 86, in: dies./ Jess, Pat (Hg.): A place in the World? Places, Cultures and Globalization.
Peleikis, Anja, 2001: Lokalität im Libanon im Spannungsfeld zwischen konfessioneller Koexstinz, transnationaler Migration und kriegsbedingter Vertreibung, S. 73-95 in: Horstmann, Alexander, Schlee, Günther (Hg.): Integration durch Verschiedenheit. Lokale und globale Formen interkultureller Kommunikation. Bielefeld: transcript.
Rademacher, Claudia. “Ein ‘Liebeslied für Bastarde’?” Spiel ohne Grenzen? Ambivalenzen der Globalisierung. Hg. Claudia, Rademacher, Markus Schroer und Peter Wiechens. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1999. 255-269.
Robertson, Roland (1992): Globalization. Social Theory and Global Culture, London 
Robertson, Roland (1998): Glokalisierung: Homogenität und Heterogenität in Raum und Zeit, in: Beck, U. , Perspektiven der Weltgesellschaft, Frankfurt am Main, S. 192-220.
Rose, Gillian (1995): Place and Identity: a sense of place, S. 87 – 132, in: Massey, Doreen./ Jess, Pat (Hg.): A place in the World? Places, Cultures and Globalization.
Waters, Malcolm (1995): Globalization, London.
Wildner, Kathrin, 2003: Lokale Orte der Globalisierung: Skizzen zur ethnographischen Untersuchung von Globalisierung und Alltagspraxis. Sinn-haft. Zeitschrift zwischen Kulturwissenschaften, 14/15: 68-73.