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Jörn Ahrens

Ödipus. Subversive Souveränität

Die Bestimmung der sozialen Position des Souveräns hat Carl Schmitt ausdrücklich unter die kategoriale Gewalt der Theologie gestellt. Also transzendiert der Souverän die Gesellschaft, der er vorsteht. Der Souverän besetzt den gesellschaftlichen Ort einer absoluten Entscheidungsgewalt. Zudem setzt er, da er über den Ausnahmezustand verfügt, auch die Grenzen des Sozialen; er definiert den Innenraum des Sozialen. So hält der Souverän eine Macht inne, die er nur überschreiten kann, indem er sie verliert. In ihm sedimentiert sich ein Bild von der Gesellschaft, der er vorsteht; in ihm findet die Gesellschaft ihr Bild und ihre Sprache. Die profane Gesellschaft kommt erst und nicht anders zu ihrer Ordnung, als daß sie eine numinose Instanz der Geltung installiert, auf die sie sowohl sinnhaft als auch normativ rekurrieren kann. Deshalb kann Schmitt auch sagen: „Alle prägnanten Begriffe der modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Begriffe.“ Sie seien es sowohl ihrer historischen, ideengeschichtlichen Entwicklung zufolge, als „auch in ihrer systematischen Struktur, deren Erkenntnis notwendig ist für eine soziologische Betrachtung dieser Begriffe.“ Der Souverän ist nicht gänzlich willkürlich, doch seine Rechtfertigung entstammt nicht der Gesellschaft, sondern einem numinosen Außen derselben. Als dieses Außen verankert der Souverän den Nomos einer göttlichen Gewalt im Profanen. Sein Mittel ist das der Entscheidung, wie Schmitt es paradigmatisch bei Hobbes verwirklicht sieht – „Die Entscheidung macht sich frei von jeder normativen Gebundenheit und wird im eigentlichen Sinne absolut.“ Der Kontext des Souveräns ist die Gewalt über den Ausnahmezustand, der Zustand, worin Gesellschaft sich ganz in die Figur der Souveränität zusammenzieht.

Insofern scheint es folgerichtig, daß für Schmitt das Subjekt der Souveränität dieser Souveränität bereits entspricht; zwischen Signifikant und Signifikat gibt es in diesem Fall keine Differenz. Die Entscheidungsgewalt ist absolut. Die Differenz besteht vielmehr zwischen der Souveränität und der Ordnung, die sie letztlich verbürgen soll. Die Souveränität muß dieser Ordnung enthoben sein, sofern sie sie setzen und bestimmen soll. Sie muß ihr andererseits aber auch angehören, sofern sie diese Ordnung repräsentieren und aus ihr heraus ihre Legitimität erfahren soll. Taubes konstatiert daher richtigerweise: „Das Prinzip der Hierarchie setzt in allen seinen Manifestationen einen Souverän voraus, der ‚jenseits‘ der Ordnung steht, der gegenüber dem System des Gesetzes ‚transzendent‘ bleibt, der als ‚prima causa‘ das System der Ordnung garantiert.“ Taubes irrt aber, wenn er meint, dieses Modell sei nur für ein hierarchisches System gültig, in einem demokratischen dagegen hinfällig. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Gerade die demokratische Ordnung benötigt dringlich Medien ihrer Rechtfertigung und Orte ihrer symbolischen Manifestationen.Wo die Souveränität objektiv ausgetrieben sein soll, aber dennoch Normativität, die immer mit dem Prinzip des Nomos verzahnt bleibt, auch innerhalb des Politischen Gültigkeit beansprucht, da gibt es auch einen Ort dieser jenseitigen, transzendenten Souveränität. Auch die Republik zehrt noch von einem Begriff der Ausnahme, das haben nicht nur die französischen Revolutionäre vorgeführt. Selbst wenn ein profanisierter Ausnahmezustand mitunter wirken mag, wie seine eigene Groteske.

Der soziale Ort der Souveränität liegt immer in der symbolischen Ordnung der Gesellschaft begründet. In letzter Instanz rekurriert Gesellschaft immer auf einen Begriff der Souveränität, der sich über eine aus einem Schuldverhältnis konstituierte Ethik begründet. Der freie Diskurs autonomer Einzelner findet bloß in deren Vorhof statt. Im Gegenteil kann der Diskurs der Bürger nur dann gelingen, wenn er durch einen souveränen Nomos gedeckt bleibt, der ihn nicht ins Chaos abgleiten läßt. Ödipus aber, der diesen Diskurs sogar als Souverän zu führen bereit ist und ihn schließlich durch seine souveräne Machtfülle pervertiert, greift die Ordnung der Gesellschaft direkt an. Der Souverän führt keinen öffentlichen Diskurs; er rechtfertigt ihn nur durch seine Anwesenheit. Der Diskurs muß zusammenbrechen, wo er keine transzendente Rechtfertigung durch den Souverän mehr besitzt. Das geschieht, wenn der Souverän sich aus seiner Stellung löst und selbst am diskursiven Räsonnement teilnimmt. In dieser Situation droht das Chaos in die Gesellschaft einzubrechen, das der Souverän durch die Verfügung über den Ausnahmezustand bislang hatte aufhalten können. Im Chaos verschwindet die Gesellschaft und mit ihr ihre Ordnung. „Es gibt keine Norm, die auf ein Chaos anwendbar wäre. Die Ordnung muß hergestellt sein, damit die Rechtsordnung einen Sinn hat. Es muß eine normale Situation geschaffen werden, und souverän ist derjenige, der definitiv darüber entscheidet, ob dieser normale Zustand wirklich herrscht.“ In dieser Vorgehensweise sucht sich auch Ödipus zu bestätigen, dem einzig an der Wiederherstellung der Ordnung gelegen ist.

Ödipus verwirft seine Position als Souverän, indem er in den Diskurs der Bürger, in den argumentativen Widerstreit eintritt. Der argumentative Diskurs kann den Souverän nicht dulden; er erlischt im Ausnahmezustand. Der Ausnahmezustand, wie der Souverän, müssen diesem Diskurs transzendent bleiben, mithin darf jener nicht einmal davon wissen. Die symbolische Ordnung ist im weitgehend nicht mitteilbar. Ödipus verliert seine profane Souveränität als transzendenter Verwalter der Gesellschaft in dem Augenblick, da er sich bewußt nicht nur seinem Schicksal entgegen stellt, sondern ihm außerdem auf die Spur kommen will. Darin liegt eine Crux der über sich hinausschießenden Vernunft, die noch ihre Begrenzung in sich hineinholen möchte. Wo der Souverän sich über die ihm eigene Entscheidungsgewalt definiert, da definiert sich das menschliche Subjekt über seine Handlungsmächtigkeit. Beides schließt sich zwar nicht aus, doch besteht bei weitem keine Deckungsgleichheit.

Es gibt noch einen anderen Entwurf von Souveränität, der mit dem Schmitts in Teilen korrespondiert, und dessen Stoßrichtung sich Ödipus gleichfalls anzunähern versucht. Dieser Entwurf stammt von Bataille. Er führt das Begehren des Subjekts aus, in seiner eigenen Souveränität sich des Souveräns zu entledigen und beides in sich zusammenfallen zu lassen. Dann existierte nur noch ein solipsistisch verfaßter Nomos des Sozialen, der nicht mehr die Ordnung der Gesellschaft gewährleistete, sondern die souveräne, ethische Autarkie des Einzelnen. Ganz wie die Schmitts ist diese Konzeption von Souveränität dezisionistisch angelegt als eine Form der „Autonomie von Entscheidungen“. Bataille schließt damit an die antike, besonders die aristotelische Philosophie vom Menschen an. Die kannte zwar kein Programm des Subjekts oder der Subjektautonomie, wußte aber sehr deutlich zwischen freien und souveränen Bürgern sowie arbeitenden Bürgern und Sklaven zu unterscheiden. Der souveräne Mensch Batailles entspricht weitgehend dem antiken, souveränen Bürger. Er nimmt eine Freiheit oberhalb der durch die allgemeine Vergesellschaftung umgrenzten Möglichkeit von Freiheit ein. Seine Freiheit bedeutet ein Mehr, als es die objektive Freiheit des Sozialen verspricht. Der souveräne Mensch ist dem Nomos vielleicht nicht gänzlich enthoben, aber zwischen diesem und ihm steht nicht mehr die Institution eines Souveräns.

Demnach ist nach diesem Modell der souveräne Mensch sein eigener Souverän, jedoch ohne der Souverän der ganzen Gesellschaft zu sein. „Souveränität“, führt Bataille aus, „kommt allein demjenigen zu, der prinzipiell alles negiert, was die Autonomie seiner Entscheidungen einschränkt.“ Diese Souveränität repräsentiert zu allererst eine neurotische Monadologie. Das ändert allerdings nichts daran, daß sie zum Ideal einer absoluten Freiheit des bürgerlich verfaßten, autonomen Subjekts avancieren konnte. Sie lebt von den Grenzen, die sie sich selbst im Bewußtsein ihrer Fallibilität setzt; ihre Moral ist nicht sozial sondern strikt solipsistisch ausgerichtet. Es ist die Moral des Einzigen, der keinen Anderen mehr hat, außer sich selbst. An einer solchen Souveränität müssen Ethik und eine Praxis der Anerkennung scheitern. Der souveräne Mensch anerkennt nur sich selbst und die Macht seiner Entscheidungen, die seine unbestimmte Grenze repräsentieren. Deshalb kann seine Freiheit auch nur die einer Herrschaft über andere sein. Der souveräne Mensch hat keinerlei Begriff von einer pluralen Freiheit. Seine Freiheit ist grundsätzlich antagonistisch und elitär. Eine Gesellschaft souveräner Subjekte wäre angewiesen auf Parias. Das souveräne Subjekt erahnt nicht einmal die Möglichkeit einer Freiheit der ganzen Menschheit.