Abstracts (deutsch)


Jörn Ahrens
Arbeit an der Repräsentation. Zur Bedeutung von Souveränität in der globalisierten Moderne

Souveränität ist bekanntlich ein Topos autokratischer Herrschaft, der vom Liberalismus sukzessive zurückgedrängt und durch Modelle repräsentativer Herrschaft ersetzt wurde. Diese Modelle haben die Idee der Souveränität keineswegs aufgegeben, sondern sie als Volkssouveränität / Demos so weit modifiziert, daß es Souveränität im eigentlichen Sinn (nämlich als die eines Individuums) sozial unmöglich wurde.
Im 20. Jahrhundert kehrt der Begriff der Souveränität allerdings zurück - sowohl in der Theorie des Subjekts (Bataille) als auch in der politischen Theorie (C. Schmitt) und schließlich in der Genealogie Foucaults. Auch in Hardt/Negris "Empire" spielt der Terminus eine bestimmende und tendenziell paradoxe Rolle im Versuch, den Prozeß der Globalisierung zu verstehen.
Wenn Souveränität daher nicht als inzwischen überholtes nationalstaatliches Phänomen anzusehen ist, welche Bedeutung erhält sie dann im Kontext der Globalisierung institutioneller und ökonomischer Strukturen? Wie stellt Souveränität sich her und auf welche Weise vermittelt sich kulturell und sozial? Nach wie vor bedeutet Souveränität den (symbolischen aber auch definitiven) Ort sozialer Macht. Die Inbesitznahme der Souveränität bedeutet zugleich einen Legitimierungsakt für das Subjekt dieser Inbesitznahme. Auf eine spezifische Form von Souveränität ist Gesellschaft beinah zwingend angewiesen, weil sie durch die Verortung von Souveränität sowohl ihre eigene Ordnung anerkennt als auch deren Legitimität Nachdruck verleiht.
Insofern zielt eines der vordringlichsten Probleme von Repräsentation auf die Repräsentation von Souveränität ab; und zwar im doppelten Sinne: als Konstituierung einer legitimen Realität sowie als Benennung einer Stelle politischer Verantwortlichkeit. Die sich herausbildenden Strukturen der Globalisierung, wie auch deren zahlreiche informelle Netze erfordern eine Politische Repräsentation, die zwar Schmitt'ianisch inspiriert bleibt, aber dennoch auf die Herausforderungen von Differenzverhältnissen reagieren kann.

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Jens Badura
Niemandsländer - Suchräume im Globalisierungsdenken

Wie kann, aus philosophischer Perspektive gefragt, dasjenige, was mit dem Begriff 'Globalisierung' bezeichnet wird, angemessen thematisiert werden? Diese Frage soll am Beispiel der ethischen Debatte zum Globalisierungsprozess erörtert werden. Dazu soll die Metapher des Niemandslandes im Sinne eines Suchraumes für eine Ethik im Zwischenraum der Kulturen entfaltet werden mit dem Ziel, ein genaueres Verständnis von den Bedingungen der Möglichkeit von Ethik im Kontext der Globalsierung zu gewinnen. Auf diese Weise kann exemplarisch illustriert werden, wie ein Denken "auf der Suche" den Ansprüchen komplexer Wirklichkeiten, wie sie sich im Kontext der Globalisierung zeigen, besser gerecht werden kann als ein Denken der "großen Erzählungen".

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Özkan Bucakli und Julia Reuter
Migration und die Produktion von Lokalität

Entgegen der verbreiteten Annahme ökonomischer Hyperglobalisierung (Held) und dem erwarteten Effekt der vermeintlichen Vernichtung des Lokalen wird zunehmend seitens der Cultural Studies und der neueren Kulturanthropologie die lokale Filterung, Aneignung und Zurichtung globaler Zeichen, Symbole und Waren betont. Dieser (aufwertenden) Perspektive der Praktiken und Produktionen des Lokalen (Appadurai) soll hier im Zusammenhang mit transnationaler Migration nachgegangen werden. Migrantengruppen werden dabei als "Verdichtungsorte" der sich verändernden Konfiguration des Lokalen und Globalen betrachtet, gerade weil sie eine Synthese aus Nähe und Ferne (Simmel) leben. Während die Migrationstheorie die Frage der kulturellen Identität lange Zeit als sozialstrukturelles Problem der Assimilation oder Desintegration in Nationalgesellschaften aufgeworfen hat, definiert die transnationale akteursbezogene Forschungsperspektive jetzt die lokalen Praktiken als Ausgangspunkt für eine glokale (Robertson) Neuverortung. Denn  die in der Migration mittransportierten Bilder der Heimat, des Ursprungs, der Nation werden weder einfach konserviert, noch umstandslos abgelegt, sondern in der Diaspora neu kontextuiert. Die Lokalisierung im Feld der (Selbst-)Artikulation erfolgt sowohl in (konfliktiver) Interaktion mit der "autochtonen" Bevölkerung, als auch über die Auseinandersetzung mit medialen Repräsentationen. Lokale Subjekte sind dabei nicht nur Effekte hegemonialer Positionierungen, sondern provozieren auch eigensinnige Taktiken und symbolische Strategien der kulturellen Selbstverortung - mit ihren Rückwirkungen auf die Aufnahmegesellschaft. Die in diesem Zusammenhang aus dem angelsächischen Diskussionskontext eingebrachte These "the native is as much a diasporian as the diasporian is the native" (Brah) soll in der vorliegenden Arbeit anhand ausgewählter "Ethnographien des Lokalen" für den deutschen Gesellschaftskontext überprüft und fruchtbar gemacht werden. Zentrales Ziel ist es, den Ort kultureller Identität im Spannungsfeld globaler / westlicher Mediendiskurse, ungleicher Markt- und Machtanteile und staatlicher Ausländerpolitik auszuweisen.

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Andrea Dorothea Bührmann
Wie wird Wissen produziert?

Im Mittelpunkt meines Beitrages steht das Problem der Produktion von Wissen. Ich möchte dieses Problem anhand der Cultural Studies diskutieren. Dies bietet sich mit Blick auf die Frage reflexiver Repräsentationen m. E. insbesondere aus zwei Gründen an: Erstens handelt es sich bei den Cultural Studies um einen bedeutenden, weil nicht zuletzt auch umstrittenen Forschungsansatz, der auch in der deutschsprachigen Debatte seit Beginn der 1990er Jahre immer mehr Raum greift. Zweitens nehmen die Cultural Studies für sich in Anspruch, gerade Fragen nach den diskursiven, sozialen und politischen Repräsentationsproblemen, die mit der Entstehung eines globalen Kapitalismus einhergehen, theoretisch, historisch und praktisch zu reflektieren. So haben sich in den Cultural Studies über Debatten um den Feminismus, die Postmoderne und den Postkolonialismus unterschiedlichste Themenschwerpunkte etabliert: Diese reichen von Problemen ökonomischer und medialer Globalisierung über die Diskussion von Identitäts- und Differenzkonzepten und ihrer politischen Effektivität bis hin zur Erforschung divergierender Entwicklungen der Cultural Studies in verschiedenen geographischen Kontexten, wie etwa in Lateinamerika und Südostasien. In diesem Zusammenhang kritisieren viele Vertreterinnen bzw. Vertreter der Cultural Studies, dass in anderen Forschungsansätzen Fragen nach den diskursiven, sozialen und politischen Repräsentationsproblemen, die gegenwärtige Globalisierungsprozesse implizieren, nicht oder wenigstens nicht in ausreichendem Maße problematisiert werden. Ich frage nun in meinem Beitrag, ob und wenn ja, inwiefern in den Cultural Studies diese Fragen nach den Repräsentationsproblemen selbstreflexiv eingeholt, d.h. auf die Wissensproduktion in den Cultural Studies selbst bezogen werden. Im Anschluss daran werde ich einige Hypothesen darüber entwickeln, wie in den Cultural Studies, welches Wissen, wie, von wem und weshalb darüber produziert wird, wie Wissen produziert wird.

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Rainer Diaz-Bone
Diskursive Kulturproduktion

Der Vortrag stellt eine diskurstheoretische Erweiterung der bourdieuschen Distinktionstheorie vor, die leisten soll, kulturelle Diskurse empirisch-methodisch zu analysieren und die darin enthaltenen, tieferliegenden semantischen Grundordnungen (Sozio-Episteme) freizulegen. Argumentationslinie: In kulturellen Diskursen wird der lebensstilbezogene Sinn kultureller Genres diskursiv konstruiert. Theoretischer Bezug sind die Diskurs- und Interdiskurskonzeptionen von Michel Foucault und Michel Pecheux. Der lebensstilbezogene Gehalt kultureller Genres kann nicht aus ihrer vordiskursiven Materialität abgeleitet werden. Das heißt: kulturelle Diskurse repräsentieren nicht einfach die kulturellen Objekte und kulturellen Praktiken, sondern stellen sie in einer diskurisven Praxis als kulturelle Wissenskonzepte erst her. Auch eine Rückführung der Wertigkeit kultureller Objekte/Praktiken auf die Positionen der Kollektive im sozialen Raum (Bourdieu), die sich mit den Objekten/Praktiken ausstatten, kann die lebensstilbezogene Wertigkeit der kulturellen Genres nicht erklären. In den Medienforen der Kulturwelten finden sich kohärente und dauerhafte Weise der diskursiven Praxis, in denen die kulturellen Objekte/Praktiken erst diskursiviert werden, in denen sie auf diejenigen zentralen Semantiken und semantische Oppositionen bezogen werden, die die Sozio-Episteme ausmachen, so dass sich in kulturellen Diskursen die Gefühlsstrukturen sozialer Kollektive artikulieren können und diese ihre kulturelle Identität vorreflexiv im Interdiskursraum repräsentieren und abgrenzen. Der massenmediale und nicht nationalstaatlich begrenzte Interdiskursraum kann als vorgängige diskursive Umwelt der kulturweltlichen Diskurse aufgefasst werden. Durch die globale Medienorganisation handelt es sich bei den zeitgenössischen Kulturwelten deshalb zumeist um internationale Kulturwelten. Insbesondere die Diskursordnungen von zeitgenössischen Populärkulturwelten können zwar begriffen werden als internationale Wissensregionen in globalen Interdiskursräumen, sie müssen aber dennoch distinktive Grenzen gegenüber dem kulturhegemonialen (internationalen) Medienzentrum aufrechterhalten, wollen sie einen distinktiven Sinn behalten.

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Frank Eckardt
Repräsentation der Transnationalen Stadt. Diskursive Praktiken im Stadtraum Frankfurt

Mit der Analyse anhand diskursiver Praktiken wird der theoretische Rahmen der Gouvernementalitätsstudien weitergeführt und für eine stadtsoziologische Fragestellung fruchtbar gemacht. Im Sinne der Überwindung der antagonistischen Analysefelder Politikprogrammatik und politische Realität, wird die Verknüpfung von mentalité und gouverner aufgegriffen und mit der physischen Ortlichkeit in Bezug gesetzt. Hierbei wird die urbane Semiotik als Repräsentanz einer gouvernementalistischen Stadtplanung verstanden, die es in zwei Richtungen zu interpretieren gilt: Bestimmte semiotische Settings verknüpfen gebaute Stadträume, semiotische Repräsentanz und Ideologien. Der Konferenzbeitrag wird diese Analyse anhand der Globalisierung von Städten verdeutlichen. Hierbei wird allerdings die etablierte Global City-Debatte kritisch reflektiert und zugunsten des Ansatzes eines "Transnational Urbanism" (Smith) aufgegeben, womit die den städtischen Raum personalisierende Global City-Debatte zugunsten einer diskurstheoretischen Urbanitätssoziologie weiterentwickelt wird. Anhand des Beispieles des Stadtraum Frankfurts werden drei urbane Settings angeführt. Ein dominanter Setting der Global City konstituiert sich aus der Verknüpfung von Hochhaus-Architektur, medialisierter Marketing-Semiotik und neoliberaler Stadtplanung. Dazu in einem gewissen Kontrast läßt sich die Repräsentanz eines ökologischen Counter-Settings erkennen, der auf der Trias von Grüngürtel-Parkplänen, Flughafen-Erweiterungsprotesten und grüner Stadtpolitik beruht. Schließlich enthält der Stadtraum Frankfurt ein Untergrund-Setting, dessen Repräsentanz illegalisiert und unterdrückt wird. Hierzu gehört die Physis der Aufenthaltsqualität von Straßen, die Exklusionspraktiken öffentlicher und privater Sicherheitsdienste und die ungehörten Stimmen von Migranten und Obdachlosen.

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Thomas Ernst
Pop, Literatur und Diskurstrouble

Vor einigen Jahren boomte in Deutschland die „Mainstream-Popliteratur“ (Kracht, Stuckrad-Barre und Lange) und sorgte für einen inflationären Gebrauch dieses Begriffs, der plötzlich für eine Literatur stand, die in den Normalisierungsdiskursen der ´Berliner Republik` erfolgreich mitspielte. Im Gegensatz zu diesen medial viel diskutierten AutorInnen wurde jedoch auch die ursprüngliche, eher avanciert-alternative Popliteratur weiter entwickelt, die in gewissem Sinne in der Tradition von Rolf Dieter Brinkmann, Hubert Fichte, des Punk und des poststrukturalistischen Denkens steht.
In welchem Maße jedoch gelingt es dieser Popliteratur, die Normalisierungsdiskurse im globalisierten Kapitalismus in Trouble zu bringen? Wie haben sich diese popliterarischen Schreibweisen in den letzten Jahren verändert? Worin bestehen ihre spezifischen Techniken und Konzepte? Ließe sich von ihnen tatsächlich der Anspruch eines Schreibens ableiten, das mehr als ein Spiel mit Theorien, Diskursen und Begriffen sein könnte?
Anhand einer Untersuchung der verschiedenen Ansätze von Thomas Meinecke und René Pollesch – die eine Form post-epischer bzw. post-dramatischer Literatur darstellen – sowie von Kathrin Röggla soll diesen Fragen nachgegangen werden. Dabei wird der Vortrag versuchen, die Texte anhand von Auszügen vorzustellen, Poetologien aus ihnen abzuleiten und diese kritisch daraufhin zu überprüfen, ob diese avancierte Popliteratur „wider die Ordnung ist“ – wie ihr ´Erfinder` Leslie A. Fiedler vor 35 Jahren behauptete. Daran schließt sich die grundsätzliche Frage an, was dies in einer Zeit, in der die Ordnungen aufgelöst und die Popmaschinen ewig zu stampfen scheinen, überhaupt noch bewirken könnte.

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Jens Greve
Inklusion und Exklusion in der Weltgesellschaft

Im Beitrag sollen zwei gesellschaftstheoretische Deutungen von Inklusions- und Exklusionsbeziehungen in der modernen Gesellschaft untersucht und ergänzt werden. Für Talcott Parsons und für Niklas Luhmann ist die moderne Gesellschaft durch Inklusionsdynamik gekennzeichnet. Nach Parsons liegt die Integrationsdynamik in der Entwicklung von Staatsbürgerschaft, die zu einer Vollinklusion von Bürgern in ihre jeweiligen Gesellschaften führt. Luhmann bezweifelt, dass die moderne Gesellschaft über gemeinsame Normen und Werte integriert wird und er vermeidet einen nationalstaatlich gebundenen Gesellschaftsbegriff. Dennoch ist auch für ihn die moderne Gesellschaft wesentlich inkludierend, da in einer funktional differenzierten Gesellschaft aus der Perspektive der Funktionssysteme kein Exklusionsmotiv bestehe. Sowohl für Parsons als auch für Luhmann stehen demnach Exklusion und funktionale Differenzierung in einem Gegensatzverhältnis. Diese Annahme wird anhand empirischer Befunde überprüft und es wird gezeigt, dass gerade unter den Bedingungen von Globalisierung Vollinklusion von Personen in Funktionssysteme nicht zu erwarten ist. Vielmehr zeigen sich vielfältige Formen von Inklusions- und Exklusionsmustern. So sind beispielsweise Migranten häufig in das Wirtschaftssystem integriert, aber nicht in das politische System, andere Gruppen wiederum werden aus dem Wirtschaftssystem exkludiert, aber in andere Teilsysteme inkludiert. Funktionale Differenzierung und Exklusion erweisen sich demnach, anders als Luhmann und Parsons annehmen, nicht als Gegensätze, sondern als kompatibel. Dies kann erst dann sinnvoll gedeutet werden, wenn man begrifflich zwischen der Systemintegration und der Integration von Personen unterscheidet und das Verhältnis zwischen diesen beiden als nur partielle Abhängigkeitsbeziehung deutet.

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Kai-Uwe Hellmann
Die Ware Wissen und die Ware als Wissen. Wirtschaftssoziologie als Wissenssoziologie

Thema des Vortrags ist der Wandel von der materiellen zur symbolischen Ökonomie, wie Nico Stehr dies kürzlich beschrieben hat. Ziel es ist einerseits, die Anfänge der symbolischen Ökonomie in einer Art genealogischen Spurensuche schon für die politische Ökonomie von Smith und Marx aufzuzeigen, andererseits an der neueren Entwicklung von Global Brands, die mit astronomisch hohen Markenwerten versehen sind, den momentanen Stand der Entwicklung zu diskutieren.

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Ulrike Höppner
Macht und Souveränität - Eine Kritik des Machtbegriffs in den Theorien der Internationalen Beziehungen

Das auch in der Wissenschaft vorherrschende Verständnis von Macht wird oft als intuitiv bezeichnet: Macht ist, wenn einer einen anderen dazu bringt, etwas zu tun, das dieser sonst nicht getan hätte - ein Verständnis also, das auf die Kontrolle des Verhaltens anderer Akteure abzielt. Während jedoch in der politischen Theorie auch zahlreiche weitergehende bzw. alternative Verständnisse debattiert werden, beschränkt sich die Diskussion in den Theorien der Internationalen Beziehungen (TIB) auf Probleme der Messbarkeit, Instrumente von Macht und das agency-structure-Problem. Die Ursache dafür liegt unmittelbar im ursprünglichen Gegenstand und den grundlegenden Annahmen der Disziplin. In meinem Vortrag werde ich darlegen, wieso gerade dieser Machtbegriff so dominiert und dabei beispielhaft auf das Verhältnis von Macht im obigen Sinne und das Konzept der Souveränität eingehen. Dadurch wird deutlich, dass ein solches Verständnis von Macht eng mit der Existenz eines Systems souveräner Staaten verknüpft ist, und dort seine größte Erklärungskraft entfaltet. Im Blick auf die verschiedenen Prozesse der Globalisierung, die neue Politikfelder, Akteure und soziale Beziehungen ins Interesse der Wissenschaft in den TIB rücken, erweist sich das dominante Verständnis von Macht jedoch als unzureichend. Anhand von Beispielen aus der Diskussion über nicht-souveräne Akteure und ihr Handeln auf der internationalen Bühne zeigt sich, wo die Defizite liegen und es lassen sich einige grundlegende Schlussfolgerungen für ein Machtverständnis ziehen, dass den Bedingungen einer globalisierten Welt angemessener ist.

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Rumiana Jeleva
Moral und Kapitalismus

Der Inhalt des Begriffs "Globalisierung" ist vielfältig, weil mit ihm eine ganze Reihe von Phänomenen der letzten Dekaden beschrieben wird. Die Expansion der New Economy, der Zusammenbruch des Ostblocks, die grenzüberschreitende Bewegungsfreiheit von Kapital-, Waren- und Humanressourcen, aber auch die Ausdehnung der Märkte sowie das Diktat der Finanzmärkte und der Grosskonzerne sind Benennungen von Neuerscheinungen, die das soziale Leben rapide verändern und meist unter dem Begriff "Globalisierung" subsumiert werden. In ihren Effekten, Nebenwirkungen und Folgen werden diese Phänomene und Prozesse vornehmlich als Krisenerscheinungen wahrgenommen und reflektiert. Pointiert formuliert: wenn heute von "Globalisierung" die Rede ist, sei oft "Kapitalismus" gemeint. Aus Globalisierungskritik wird Kapitalismuskritik. Gleichzeitig werden auch Diagnosen abgeleitet, die einen Verlust von Moral anzeigen, vor ihrem Verfall warnen oder die "Entwicklung zu einer Wert-losen Gesellschaft" (Der Spiegel 51/1999) postulieren.
Im vorliegenden Beitrag soll näher die Beziehung Moral - Kapitalismus problematisiert werden. Am Beispiel der Transformation Bulgariens zur kapitalistisch organisierten Marktwirtschaft soll die kommunikative Dominanz normativer Ansprüche im Alltag illustriert und die Präsenz der Argumentationsform des Moralisierens in öffentlich artikulierten Deutungsmustern und Legitimierungsstrategien dargestellt werden.
Die These ist, dass die Präsenz der Moral im Sinne normativ gesättigten Redens und moralisch gefärbter sozialpolitischer Kritik in öffentlichen Diskursen als auch in institutionellen Kontexten die einzig mögliche Sozialform der Moral in der modernen Gesellschaft (Luckmann 1996, 2002) bleibt. Gleichzeitig sind aber Intensivierung der Moralisierungsrhetorik und Orientierung an die Strategie des Moralisierens Instrumente einer Kritik am sich durchsetzenden Kapitalismus und einer Obstruktion der mit ihm verbundenen Krisenerscheinungen: Die Kritik am Kapitalismus bzw. an der Globalisierung wird heutzutage auch als `moralische Kritik` betrieben.

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Arlena Jung
Wissenskonstitution im Spannungsfeld zwischen Identität und Differenz

Im Zuge der Globalisierung ist eine Verbreitung von Kommunikationsformen zu beobachten, die sich mit den Präfixen ,inter' und ,trans' versehen lassen:  transnationale Unternehmen, interdisziplinäre Forschung usw.). Sollen diese neuentstehenden Kommunikationsformen Verständigung und soziales Lernen ermöglichen, ist auf grundlagentheoretischer Ebene nach den Bedingungen von Wissenskonstitution, und dementsprechend nach angemessenen Strategien der Gestaltung der neuen Kommunikationsformen-zu fragen. Während Verständigung im Sinne ,erfolgreicher' Kommunikationsprozesse auf der Basis von Differenz durchaus möglich ist, setzt Wissenskonstitution und Lernen Identitäten voraus. Erst auf der Basis der Stabilisierung von Identitäten wird bestimmtes Differenzieren oder Negieren möglich. Nur so können Ereignisse in Kontrast zu Erwartungen erscheinen und die entsprechenden Akkommodationen einleiten. Die Bedingungen kommunikativen Anschlusses werden somit weitaus tiefer angesetzt, als die Bedingungen sozialer Wissenskonstitution und sozialen Lernens. Diesen Thesen folgend sind unter den Bedingungen unterschiedlicher Wissensbestände und Relevanzsysteme gelingende Kommunikationsprozesse durchaus möglich. Allerdings ist hier weniger soziales Lernen als eine Art ,working consensus' zu erwarten. Die Lern- und Wissenskonstitutionsprozesse würden erst auf der Innenseite der jeweiligen Bezugssysteme erfolgen. Soll eine stabile Kooperation ermöglicht werden, müsste in solchen Kontexten auf die Herausbildung von Übersetzungspraktiken gesetzt werden. Als Übersetzungspraktiken können beispielsweise i) ,boundary objects' ii) ,boundary workers' iii) öffentliche und geteilte Auto- und Heterotypisierungen fungieren. Sollen Institutionen, die durch ein Überbrücken bestehender Sinngrenzen soziale Wissenskonstitution und soziales Lernen anstreben (z. B. interdisziplinäres Forschungseinrichtungen, nationale Ethikkommissionen), mehr als symbolische und legitimatorische Wirkung erlangen, ist hingegen die Stabilisierung gemeinsamer Wissensbestände und Relevanzsysteme notwendig.

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Arne Klawitter
Extraversion des Denkens

"Wenn es denn eine Philosophie der Zukunft gibt, muss sie [...] aus Begegnungen und Zusammenstößen zwischen Europa und Nicht-Europa hervorgehen." (M. Foucault: Dits et écrits III, S. 622-23)

Als dringende Aufgabe des philosophischen Denkens unser Zeit ergibt sich daraus nicht nur, die Fragen der Philosophie zu überprüfen, sondern insbesondere die Art und Weise des Fragestellens zu reflektieren, aber von Gebieten aus, die außerhalb der abendländischen Philosophie liegen. In diesem Zusammenhang möchte ich das Projekt eines "Ortswechsel des Denkens" vorstellen, wie es der französische Sinologe François Jullien formuliert hat. Jullien will das westliche Denken seinen angestammten Ort wechseln lassen, um ihm andere mögliche Kohärenzformen zugänglich zu machen, die sich in der Auseinandersetzung mit dem kulturell Anderen erschließen lassen. Um einen distanzierten Außenstandpunkt zu gewinnen, geht Jullien einen Umweg über das chinesische Denken, um von dort aus zu den Fundamenten des abendländischen Denkens zurückzukehren und die verborgenen Vorentscheidungen der europäischen Rationalität neu zu befragen. Man könnte dabei von einer "Dekonstruktion von außen" sprechen: Während Derrida die abendländische Metaphysik und deren Logozentrismus dekonstruiert hat, indem er auf hebräische Quellen zurückgriff, könnte man nach anderen Exterioritäten suchen, um eine Verschiebung der eigenen Ausgangsbedingungen vorzunehmen und dem Denken verfügbarere Begriffe bereitzustellen. China bietet dazu nicht nur eine gleichermaßen ursprüngliche Kohärenzform von Denkweisen und Handlungsstrategien, die durch ihre Andersheit die Legitimität von philosophischen und politischen Auffassungen herausfordern, die in der westlichen Tradition als allgemeingültig angenommen werden und den globalen Kapitalismus in seiner gegenwärtigen Form charakterisieren.
Mit diesem Vorgehen wird es möglich, sich kritisch mit der Selbstrepräsentation des abendländischen Denkens auseinander zu setzen und zu erkunden, welche Philosopheme andere Denkweisen umgangen und statt dessen ausgebildet haben, um Potentiale anderer Denkweisen abzuschätzen und zu erproben. Meine kontrastive Auseinandersetzung der unterschiedlichen Repräsentationsformen werde ich dazu beim Aspekt der Direktheit bzw. Indirektheit ansetzen und entsprechende philosophische Kategorien und Diskursmodi (mit Blick auf die Indikationsfunktion sprachlicher Zeichen) untersuchen, die in der östlichen und westlichen Tradition zu verschiedenartigen Kohärenzen geführt haben, die wechselseitig neuer kritische Zugänge eröffnen.

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Raj Kollmorgen
Neomoderne: Theorie und Praxis

Neomoderne ist sicherlich kein Begriff, der eine weite Verbreitung und Bekanntschaft für sich reklamieren kann (auch wenn „Neoismen“ in unserer Welt große Erfolge feiern – vom Neoliberalismus bis zu „Neo“ aus der Film-Trilogie „Matrix“). Die Neomoderne- bzw. Neomodernisierungstheorie hat aber vor allem zwischen Anfang und Mitte der 90er Jahre für Furore in den sozialtheoretischen Diskursen geführt, wofür insbesondere Namen wie E. Tiryakian oder J. Alexander stehen. Der Beitrag möchte erstens danach fragen, was diese Theorien re-präsentieren, d.h. an Inhalt und Argumentation präsentieren und was bzw. wen sie re-präsentieren. Zweitens möchte ich in meinem Beitrag einen Gegenvorschlag zum Neomodernismus-Konzept insofern unterbreiten, als ich am Sinn einer neuen großen Theorie zweifele, dafür aber um so vehementer die Idee einer gesellschaftspraktischen, einer „realen“ Neomoderne verfechte. Diese re-kombiniert Elemente der ersten „restringiert liberalen“ und der zweiten „organisierten Moderne“ (vgl. P. Wagner 1995) unter Globalisierungsbedingungen. Auch wenn sie sich noch in ihrer Genesis befindet, sind eine Reihe entstehender Strukturprinzipien radikal zu kritisieren, wozu explizit reflexiv orientierte (Neo-)Modernetheorien einen wichtigen Beitrag leisten können.

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Wolfgang Luutz
Entgrenzungsdiskurse als Machtstrategien

Zu den am wenigsten strittigen Basisannahmen in den modernen Sozialwissenschaften scheint die These einer Enträumlichung des Sozialen, einer Entgrenzung von Politik im Zeitalter der Globalisierung zu gehören. Einer ihrer prominentesten Verfechter - Ulrich Beck - fordert die Soziologen deshalb auf, "sich in der nichtintegrierten Vielfalt der grenzenlosen Welt begrifflich neu einzurichten". Mir geht es nun nicht allein um die Überprüfung der empirischen Triftigkeit solcher Basisannahmen. Meine Grundthese lautet vielmehr, dass dieser auf Entmachtung des Nationalstaates hinarbeitende Diskurs selbst als Machtstrategie zu begreifen ist. Die Argumentation wird auf vier Ebenen erfolgen:
Zunächst soll die Definitionsmacht des akademischen Intellekuellen, der sein gut gesichertes "Leben auf Reisen" vorreflexiv zum Muister des guten Lebens hochstilisiert, selbst kritisch in den Blick genommen werden.
Dann wird das an die Entgrenzungsthese gekoppelte und auf "Europa" zugeschnittene Konzept "postnationaler Identität" - d.h. eines nicht mehr an Vergangenheitskonstruktion, kulturelle Besonderung und territoriale Grenzziehung orientierten Modells kollektiver Identitätsfindung - untersucht. Es ist, so die These, weniger als politisches Gestaltungskonzept, sondern eher als Legimitationsstrategie von Bedeutung, in diesem Sinne aber machtstrategisch durchaus funktional.
Desweiteren wird dargestellt, wie Enträumlichungsdiskurse einer neuen geopolitischen Strategie den Weg bereiten, deren Protagonisten glauben, ohne Rücksicht auf bestehende politisch-territoriale Grenzen überall auf der Welt "dem Guten" zum Sieg verhelfen zu dürfen.
Schließlich wird auf die Verknüpfung des Entgrenzungsdiskurses mit der ökonomistischen Erzählung eines "freien Weltmarktes" hingewiesen. Zwar ist kein Ende der Politik zu erwarten, wohl aber wird damit auf ein instumentelles Staatsverständnis jenseits eines Konzeptes partizipativer Demokratie hingearbeitet.

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Jörg Meyer
Souveränität und politische Handlungsfähigkeit

Autonomie und Kontrolle, Mythos, legitime Autorität, kollektive Fiktion, völkerrechtliches Prinzip, organisierte Heuchelei: all dies und noch viel mehr wird mit Souveränität verbunden. Wenn sich Gemeinsamkeiten zeigen, dann die, dass es um Gesetzgebung und Regieren geht und das Recht/die Kapazität dazu im Staat verortet werden. Eigentliches politisches Subjekt der Moderne ist freilich das Individuum. So muss der Anspruch auf individuelle Souveränität damit vereinbart werden, dass das Individuum zugleich Subjekt der staatlichen Autorität ist (vgl. Walker).
Am mit dem Souveränitätsbegriff auf den Staat fixierten Verständnis von Politik scheint Globalisierung wenig zu ändern. Ökonomische Entgrenzungsprozesse werden als staatlicher Kontrollverlust und damit automatisch als Misere der Politik interpretiert, gesellschaftliche Turbulenzen unter Stichworten wie failed states diskutiert usw.
Im Beitrag werden Subjektivität und agency bzw. (politische) Handlungsfähigkeit als sozial konstituiert begriffen, ohne die repräsentative Funktion von Sprache im Hinblick auf außersprachliche Tätigkeiten aufzugeben, womit ja auch deren perfomative Kraft unterminiert würde. Ziel ist es also weniger zu zeigen, wie uns Begriffe von Subjektivität und Souveränität gefangenhalten, als vielmehr zu fragen, wie mit der Repräsentation von (staatlicher) Souveränität und ihrer vielfältigen Bedrohung Herrschaft ausgeübt wird.

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Klaus Müller
Diskurse der "Globalisierung"

Die jüngere sozialwissenschaftliche Diskussion um "Globalisierung" wird durch die Kontroverse zwischen Globalisten und Globalisierungsskeptikern überlagert, die sich um die Frage dreht, ob die seit den 80er Jahren registrierten Phänomene eine neue Form der Vergesellschaftung hervorbringen oder einen weiteren Zyklus der langen Geschichte des Kapitalismus eröffnen. Wenn die klassischen sozialtheoretischen Ansätze demnach auf den westlichen Kapitalismus und die Probleme seiner Universalisierung konzentriert waren, dann erweitert der jüngere Globalisierungsdiskurs zweifellos den Horizont. Insbesondere zwei kritische Gesichtspunkte, die Marx und Weber noch nicht zur Verfügung standen, hätten in eine solche Theoriebildung einzufließen. Im Unterschied zu früheren Zeiten der Weltmarktexpansion ist Globalisierung heute prinzipiell legitimationsbedürftig. Zum ersten ist die Kompatibilität von Globalisierung und Demokratie heute in den westlichen Ländern, aber auch in den zwischengesellschaftlichen Verhältnissen ein unabweisbarer Wertmaßstab, der mit der Fiktion eines "wohlwollenden Imperialismus" unvereinbar ist. Zum zweiten entsteht mit dem Bewusstsein einer gemeinsamen Welt, die nicht mehr in zivilisierte und kulturell inferiore Zonen aufgeteilt werden kann, die Frage, wie nicht nur innergesellschaftliche, sondern globale Gerechtigkeit und Inklusion organisiert werden kann.

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Andreas Niederberger / Philipp Schink
Politische Welt des "Lebens" oder Lebenswelt? Eine Kritik der "Biopolitik"-Diagnose auf Basis von Maurice Merleau-Pontys Sozialontologie

In der Debatte um den Charakter der Globalisierung, wird seit der Mitter der neunziger Jahre herausgestellt, dass eines der offensichtlichsten Merkmale der zunehmende Verlust der Souveränität der Politik gegenüber der ökonomischen Sphäre sei. Ausgehend von der Annahme, dass ein Mangel an Souveränität wesentlich zu den negativen Implikationen der Globalisierung gehört, drängen weite Teile der KritikerInnen der Globalisierung darauf, die Souveränität der Politik zurückzugewinnen. Einer der profiliertesten Kritiker dieser Fokussierung auf den Begriff der Souveränität ist der Philosoph Giorgio Agamben, der in seinem vieldiskutierten Buch Homo sacer eine umfangreiche Kritik der Souveränität vorgelegt hat. Dabei gelangt er zu der These, dass durch die unauflösliche Verknüpfung von Biopolitik und Souveränität, die den Ausschluss des bloßen Lebens gegenüber dem qualifizierten Leben zur Folge hat, es in der Geschichte des Abendlandes zu einer permanenten Produktion und Vernichtung der personifizierten zoe kommt.
Ausgehend von diesen beiden aktuellen Seiten der Diskussion um Globalisierung und Politik, soll zunächst mit Blick auf die Entfaltung des Konzepts der Biopolitik bei Foucault und Agamben gezeigt werden, dass dieses Konzept zumindest im zweiten Fall eine spezifische Variante einer Deutung der Politik im Lichte der Einsichten in die Konstitutionsverhältnisse von Weltlichkeit überhaupt darstellt. Nach einer kurzen Erläuterung der systematischen Schwächen insbesondere der Thesen Agambens, wird unter Rückgang auf Merleau-Ponty argumentiert werden, dass dessen Lebensweltkonzeption überzeugendere Optionen eröffnet, dasjenige zu denken, was zu Recht unter dem Titel der "Biopolitik" anvisiert wird. Zuletzt wird im Anschluss an die Problembestimmung bei Merleau-Ponty demonstriert, dass die Varianten einer "Phänomenologie des Politischen", wie sie von Jean-Luc Nancy oder Jacques Rancière präsentiert werden, interessante Alternativen zur Darstellung der Politik bei Foucault und Agamben bieten. Dies ermöglicht es schließlich zudem, perspektivisch abzusehen, welche Richtung überzeugende Gestalten einer Weiterentwicklung der Phänomenologie hin zu einer entfalteten Theorie der Politik, des Politischen und des Sozialen insgesamt nehmen sollten und was dies für ein kritisches Potential in der oben erwähnten Globalisierung-Debatte eröffnen würde.

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Julia Patrut
Inklusionen, Exklusionen und konstruierte Fremde. Zur Wissensproduktion über Osteuropa in Diskursen

Das Beispiel Osteuropas ist für die Analyse und Illustration von Strategien der global wirksam gewordenen Produktion von Wissen über repräsentierte geographisch-kulturelle Einheiten in besonderer Weise geeignet. Im Rahmen meiner an die Cultural Studies angelehnten Herangehensweise und unter Berücksichtigung von Foucaults Ausführungen zu Dispositiven der Wissensproduktion setze ich mich in meinem Vortrag mit textuell produziertem Wissen über Osteuropa und damit hervorgebrachten Machtverhältnissen auseinander.
Einige der Leitfragen dabei sind: Auf welche Art wird durch Teildiskurse über Migration, über Ökonomie und Kultur Osteuropas dessen subalterner Status repräsentiert? Und welche politischen, ökonomischen und kulturellen Handlungen gehen mit diesen - medialen-  Repräsentationen einher? In welcher Weise unterscheiden sich US-amerikanische und deutsche textuelle Darstellungen verschiedener Teile Osteuropas von ihren Fragestellungen und inhaltlichen Ausrichtungen her?
Eine Differenzierung dieser Leitfragen ergibt ein komplexes Geflecht von Auf- und Abwertungen, Inklusionen und Exklusionen, die in den letzten Jahren ein neues Wissen über Osteuropa hervorgebracht haben, im Rahmen dessen Kultur und Ökonomie der einzelnen osteuropäischen Gebieten je nach Skalierung auf einer Freund-Feind-Achse organisiert sind. Entsprechend kommen verschiedenen osteuropäischen Gebiete unterschiedlich konstruierte Fremdheitsentwürfe zu, an die auch deren Subalternität geknüpft ist.
Im Rahmen des Vortrags stelle ich Evaluationen einzelner Elemente dieser Repräsentationspolitiken vor, insbesondere in Hinblick auf die Funktionalitäten des Wissens über Osteuropa im Rahmen eines Globalität beanspruchenden Wissens- und Handlungszusammenhangs. Dabei analysiere ich Mechanismen textueller Repräsentation, die kulturelle oder ökonomische Wissens-Bruchstücke der Struktur eines global werdenden Repräsentationsrahmens adaptiert.
(Vgl. auch Patrut et. al.: Die andere Hälfte der Globalisierung. Menschenrechte, Ökonomie und Medialität aus feministischer
Sicht. Frankfurt / M., New York: Campus 2001)

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Gerald Posselt
Die Krisen der Repräsentation. Vorbereitende Überlegungen zu einer performativen Theorie des Politischen

Unter dem Titel "Krise der Repräsentation" wird in der Regel die Erfahrung des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts verstanden, daß die menschlichen Repräsentationssysteme - insbesondere die Sprache - nicht mehr in der Lage sind, die 'Wirklichkeit' adäquat darzustellen. In der Folge verliert die Repräsentation sukzessive ihren Status als einer gesicherten und allgemeingültigen Erkenntnisform. Ausgehend von Nietzsche verweisen poststrukturalistische Theorien auf die prinzipiell instable, flottierende und dispensierte Beziehung zwischen Signifikant und Signifikat, zwischen Zeichen und Objekt. Gleichzeitig hört das Subjekt auf, Ursprung, Zentrum und Herr seiner Repräsentationen zu sein. Das Vermögen der Sprache, Erfahrungen, Ideen und Intentionen zum Ausdruck zu bringen, ist damit grundlegend in Frage gestellt. Repräsentation ist nicht länger Darstellung, Vorstellung oder Vergegenwärtigung von etwas, das der Darstellung vorgängig wäre, sondern verweist auf die komplexen Prozesse der Realitätskonstruktion.
Um so erstaunlicher ist es vielleicht, daß die politischen Repräsentativsysteme - ausgehend von den bürgerlichen Revolutionen in England, Frankreich und Nordamerika am Ende des 18. Jahrhunderts - sich zu einem Zeitpunkt etablieren, an dem der Status der Repräsentation als allgemeingültiger Erkenntnisform bereits wesentlich erschüttert ist. In der Tat wird erst im Zuge von Globalisierung und Internationalisierung die Krise der politischen Repräsentation und Legitimation manifest. Angesichts trans- und supranationaler Regime sind die demokratischen Grundregeln der Kongruenz zwischen Repräsentanten und Repräsentierten sowie der Zurechenbarkeit von Entscheidungen zu verantwortlichen und rechenschaftspflichtigen Subjekten grundlegend in Frage gestellt (Leggewie).
Die Frage lautet somit: Handelt es sich bei den Krisen der semiotischen und der politischen Repräsentation um zwei grundlegend verschiedene und inkompatible Phänomene, wie es nicht zuletzt die zeitliche Differenz ihres Auftretens nahelegt, oder lassen sie sich auf eine gemeinsame (epistemologische) Aporie des Repräsentationsbegriffs zurückführen? Dieser Frage soll in Form einer kritisch-genealogische Analyse des Repräsentationsbegriffs nachgegangen werden. Dabei soll versucht werden, das in jeder Repräsentation innewohnende performative Moment, das die Identität und die Einheit der beiden am Repräsentationsprozeß beteiligten Seiten konstituiert, herauszuarbeiten und im Hinblick auf eine performative Theorie des Politischen fruchtbar zu machen.

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Michael von Prollius
Primat der Politik oder Primat des Kapitalismus? Zu den Auswirkungen der ersten und zweiten Globalisierung auf Deutschland

Die Globalisierung ist kein neues Phänomen: Einen ersten Internationalisierungs-schub der Wirtschaft hat es bereits in der Zeit des Goldstandards von der Mitte des 19. Jahrhundert bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs gegeben. Zwischen der ersten Globalisierung (von der Agrar- zur Industriewirtschaft) und der zweiten Globalisierung (von der Industrie- zur Dienstleistungswirtschaft) besteht eine Reihe von Gemeinsamkeiten.
Die Globalisierung ist kein autonomer Prozess: Ihre Ursachen sind politische Willensentscheidungen und Weichenstellungen grundsätzlicher Art. Wirkung und Wahrnehmung sind (sozio)ökonomisch dominiert. Zu den gemeinsamen Ursachen der beiden Globalisierungen zählen die Etablierung politisch und wirtschaftlich liberal orientierter Regierungen, der Aufbau einer liberalen Wirtschaftsordnung, die Förderung des Freihandels sowie soziale und ökologische Verwerfungen.
Die Globalisierung ist ein komplexer Prozess: Die Entstehung globaler Verflechtungen ist Ergebnis einer langjährigen historischen Entwicklung. Sie zieht komplexe Wechselwirkungen nach sich, die durch eine Interdependenz von Politik und Wirtschaft gekennzeichnet sind. In Verbindung mit ökonomischen und sozialen Krisen verschwimmen Ursache-Wirkungszusammenhänge.
Dies wirft die Frage nach dem Primat der Politik oder des Kapitalismus auf, mit anderen Worten „Folgt die Globalisierung den Interessen des „Großkapitals“ bzw. der Global Player?“ Im Einzelnen: 1. Wer ist der Auslöser der Globalisierung? 2. Wer ist der Treiber der Globalisierung? 3. Gibt es eine Machtübernahme der Politik durch den Kapitalismus? Antworten können in einer historisch-vergleichenden Perspektive gesucht werden.

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Gudrun Quenzel
Repräsentationen neuer Staatlichkeit. Diskurse kollektiver europäischer Identität in der Kulturpolitik der Europäischen Union

Kulturelle Zugehörigkeiten sind keine natürlich gegebenen Faktoren, sondern Produkte kollektiver Bedeutungs- und Identitätskonstruktionen. Alte nationale Identitäten befinden sich momentan in einem Prozess der Reartikulation. Neben die traditionelle Bindung kollektiver Identität an die Nationalstaaten treten zunehmend transnationale kollektive Identitäten von Milieus und Interessengruppen. Nationalstaaten benötigen jedoch eine kollektive Identität, um sich als Gemeinschaft zu legitimieren, die Bindung der Einzelnen an die Gesellschaft sicher zu stellen und die Solidarität der Einzelnen gegenüber der Gemeinschaft einfordern zu können. Mit dem Prozess der Identifikation geht die Produktion einer diffusen Zustimmung zu einer Gemeinschaft einher. Neue supra-nationale Organisationen wie etwa die Europäische Union benötigen deswegen auf lange Sicht auch eine kollektive europäische Identität. Um die Form dieser europäischen Identität wird momentan gekämpft. Vordergründig scheint die Identitätspolitik in der traditionellen Logik der Nationalstaaten verhaftet zu bleiben. Zunehmend wird jedoch nach gesamteuropäischen Identifikationsmöglichkeiten gesucht. Die Diskussion über das spezifisch europäische an Europa geht von der Bezugnahme auf christliche Werte, Menschenrechte, Demokratie und Fortschrittsvorstellungen bis hin zu Vorstelllungen von Europa als Wissensgesellschaft. Kulturpolitische Praxis bietet sich für die Analyse staatlich intendierter Bedeutungskonstruktion an. Der Vortrag wird die Ziele der EU-Kulturpolitik im Hinblick auf alte und neue Formen der Repräsentation von Staatlichkeit und auf die darin enthaltenen Angebote europäischer Identität darstellen. Kollektive Identitäten entstehen dabei immer auch über Strategien der Abgrenzung und der Bildung von Gegenidentitäten. Auf den expliziten und impliziten Konstruktionen von Gegenidentitäten wird ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags liegen.

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Klaus-Bernhard Roy
Soziale Frage und sozialintegrative Politik: Legitimationsprobleme und Perspektiven im Globalisierungskontext

Aktuell kann nicht übersehen werden, daß der Konnex von Sozialintegration und politischer Legitimation im nationalstaatlichen Organisationsrahmen einer Gesellschaft zunehmend im Wandel ist. Innergesellschaftliche und globalisierungsbedingte Ursachen dafür haben zwar unterschiedliche Entstehungskontexte. Sie kumulieren aber in ihren Wirkungen und drohen die bislang tragfähigen Mechanismen der sozialen Problembewältigung in den Demokratien zu überlasten. Mit der sich wieder verschärfenden "sozialen Frage" steht das demokratietheoretisch relevante Verhältnis von formalen und realen Partizipationschancen zur Disposition. Denn die etablierten Instrumentarien der Wirtschafts- Gesellschafts- und Sozialpolitik scheinen oftmals überfordert. Doch sozialintegrierend und legitimationsstiftend zu wirken, ist eine weitergeltende, nur restriktiver als unter Wachstumsphasen einzulösende Aufgabe von demokratischer Politik. Entgegen vielfältiger Diskurse zur scheinbar zwangsläufigen Reduktion sozialintegrativer Politik im Globalisierungskontext zeigen sich reale und perspektivische Handlungspfade einer erneuerten politischen Mitgestaltung sozialer Prozesse, sowohl im Vergleich unterschiedlicher Gesellschaften als auch auf der Ebene internationaler Regulation. Entscheidend kommen dabei die Wahrnehmung und politische Wirksamkeit von Interessen in einer Gesellschaft zum Tragen. Zusammen mit politischen Interventionsstrukturen  wird in Diskursen und in reformpolitischen Prozessen entschieden, inwieweit etwa Neuorientierungen wie "workfare statt welfare" die  sozio-ökonomischen Handlungspfade restriktiv ausgestalten oder ob innovative Politikmuster neben den traditionellen nationalstaatlichen Ebenen wirksam sein können. Dieses gibt Anlaß, über den Tellerrand nationaler Politikprozesse hinaus zu blicken und mögliche soziale Perspektiven innerhalb der Globalisierungskontroversen zu diskutieren.
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Axel Rüdiger
Die symbolische Dimension des Staates

Die klassische sich auf Max Weber berufende Staatslehre benennt als differentia specifica des Staates gegenüber anderen politischen Verbänden das physische Gewaltmonopol. Demgegenüber fokussieren neuere Ansätze das Phänomen des Staates nicht nur über die Physik der Macht, sondern auch über seine symbolische Machtdimension. In diesem Zusammenhang werden die Theorien der Gouvernementalität Michel Foucaults, der Hegemonie Ernesto Laclaus und der symbolischen Gewalt Pierre Bourdieus besprochen und wechselseitig ins Verhältnis gesetzt. Von hier aus soll abschließend die These Bourdieus überprüft werden, wonach der neoliberale Globalisierungsdiskurs seinen politischen Aufstieg einer Umschichtung der dominierenden Verwaltungspraktiken und der damit verbundenen Macht- bzw. Wissensformen zu verdanken hat.

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Petra Schaper-Rinkel
Leitbilder in der Europäischen Politik: Modus diskursiv-politischer Repräsentation und europäischer Integration

Die Europäisierung von Politiken wie der Forschungs-, Technologie- und Telekommunikationspolitik hat neue Modi der diskursiv-politischen Repräsentation hervorgebracht: Mit Leitbildern wie dem der Europäischen Technologiegemeinschaft, dem Europäischen Telekommunikationsmarkt, dem Europäischen Forschungsraum, aber auch der Europäischen Informationsgesellschaft eEurope sind Repräsentationsformen entwickelt worden, die langfristige politische Zielstellungen artikulieren. Sie sind sowohl auf eine europäische Integration nach innen als auch auf die Positionierung Europas im globalen Kapitalismus gerichtet.
Die Transformation bspw. der nationalstaatlich regulierten analogen Versorgungsinfrastrukturen der Telekommunikation in eine europäisch regulierte digitale (Welt)Marktinfrastruktur für kommerzielle teledigitale Dienstleistungen wurde von der Europäischen Kommission darüber realisiert, neue Akteure (Hersteller- und Anwenderindustrien, kommerzielle Anwender und Dienstleister) in die Telekommunikationspolitik einzubinden und ihnen eine direkte europäische Arena zur Artikulation ihrer politischen Interessen zu bieten. Leitbilder wie der des Europäischen Telekommunikationsmarktes haben sich in der europäischen Integration als eine gleichermaßen offene als auch eindeutig zielorientierte Repräsentationsform entwickelt, in deren Rahmen heterogene Interessen verhandelt werden. Mit den Leitbildern wird die Europäisierung von Politiken konstituiert und zugleich fungieren sie als ein Modus, in dem unterschiedliche Wissensbestände aufeinander abgestimmt werden.
In dem Beitrag werden die diskursiven und materiellen Praxen dargestellt, mittels derer Leitbilder entwickelt und institutionalisiert werden. Aus einer poststrukturalistischen Perspektive werden die Machtverschiebungen analysiert, die in der europäische Politik zur verstärkten Artikulation  von marktorientierten Interessen führt und damit die neoliberale Globalisierung forcieren. Im Zentrum steht dabei das Leitbild der Europäischen Informationsgesellschaft, mit dem die Privatisierung und Kommerzialisierung von Wissenschaft und Medien forciert wird. Gezeigt wird, wie eine neue europäische Informationsökonomie geschaffen werden soll, die auf einer marktförmig vereinheitlichten Politik (nach dem Muster der Telekommunikation) in den Bereichen Infrastrukturen, Diensten, Anwendungen und Inhalten der Informationsgesellschaft beruht.

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Stephanie Schick und Petra Ulmschneider
Die Konstruktion nationalen Bewusstseins im Zeitalter der Globalisierung

Wir gehen von der Annahme aus, dass nationales Bewusstsein politisch motivierte Konstruktionen darstellen, die im Zeitalter der Globalisierung zum elementaren Konstruktionsprinzip moderner Gesellschaften geworden sind. Ein Teil des Vortrages beschäftigt sich grundlegend mit dem Prinzip der sozialen Konstruktion, stellt heraus, dass kollektive Identität immer von einer Trägergruppe innerhalb der Gesellschaft gesteuert wird, die ihre eigenen Interessen verfolgt. Anhang zweier unterschiedlicher, und doch für die Welt im 21. Jahrhundert exemplarischer Konstruktionsbeispiele für nationale Identität sollen diese Thesen veranschaulicht und kritisch überprüft werden. Zum einen geht es dabei um das Phänomen der "Bushisierung" der sog. "Achse des Guten" durch einen selektiv angewendeten, mit christlichem Fundamentalismus unterlegten Patriotismusbegriff der Bush- Adiministration, welcher besonders durch die rhetorische Analyse der neueren Bush- Reden herausgearbeitet werden kann und zum anderen soll diese Konzeption mit dem Modell des nationalen Erinnerns und der Konstruktion einer Nicht- Identität in der BRD verglichen werden. Beide Konzeptionen in ihrer grundsätzlichen Unterschiedlichkeit sind Modelle, die im Zeitalter der Globalisierung die Weltordnung nachhaltig beeinflussen und verändern können. Deshalb soll in einem letzten Schritt die Prognose der Auswirkungen auf die internationale Welt gewagt werden.

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Gerd Sebald
Wissen, Medialisierung und Werttheorie. Überlegungen zu einigen begrifflichen Zusammenhängen am Beispiel der Softwareproduktion

Wissen spielt den Propheten der Wissensgesellschaft zufolge eine immer größere Rolle im gesellschaftlichen Reproduktionsprozeß. Als vierter Produktionsfaktor überflügelt es an Bedeutung die anderen Faktoren Kapital, Arbeit und Eigentum, so etwa Nico Stehr (2001) in »Wissen und Wirtschaften«, der sich dabei nicht zuletzt auf Marx beruft. Aber welche Rolle spielen Wissen und Wissenschaft im kapitalistischen Wertbildungsprozeß, so er denn nach der Marxschen Theorie erklärt wird? Das soll an einem zentralen Element der Informationsökonomie, der Softwareentwicklung, untersucht werden.
Mit der Verbreitung der digitalen Medien werden die Kopiermöglichkeiten extrem vereinfacht. Mit minimalem Arbeitsaufwand, ein CD-Rohling und einige Mausklicks, ist die Kopie jeglichen digitalisierten Wissens möglich. Betriebswirtschaftlich gesprochen gehen die Grenzkosten des Produktes gegen Null.
Wie kann nun diese Politische Ökonomie der Wissensgesellschaft anhand der Marxschen Werttheorie beschrieben werden? Die einzelne, medialisierte Wissens-Ware hat einen gewissen Gebrauchswert, davon ist auszugehen. Weiterhin hat sie einen gewissen Tauschwert, der zwar sehr gering ausfällt (Materialkosten plus Arbeitsaufwand), aber keinesfalls gleich Null wird. Der Tauschwert des einzelnen medialisierten WissensProduktes ist also sehr gering. Wie lassen sich demgegenüber die zum Teil exorbitanten Preise etwa für Software erklären?
Sie werden, das wäre meine These, nur durch die staatliche Eigentumsgarantie ermöglicht, ähnlich wie die von Marx analysierte Grundrente. Das heißt die Gewinne der Softwareindustrie sind eine Art »Informationsrente« der Softwareindustrie von der gesellschaftlichen Wertproduktion.

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Anke Strüver
Entgrenzte Abgrenzungen in der Alltagspraxis: Frau Antje und Herr Derrick spielen Fußball

Die im Zuge der europäischen Integration propagierte Entgrenzung wird häufig als vom Schwinden nationaler Bedeutungszusammenhänge begleiteter Prozess verstanden - und oftmals geht dieser Prozess mit Fragen der politischen Vertretung auf regionaler Ebene einher. Anhand grenzüberschreitender Kooperationen und Interaktionen zwischen Deutschland und den Niederlanden widmet sich dieser Beitrag damit verbundenen Repräsentationsproblemen und -phänomenen in mehrfacher Hinsicht. Zum einen geht es um die Repräsentation der lokalen Grenzbevölkerung durch euregios, durch institutionalisierte grenzüberschreitende Regionen. Diese grenzüberschreitenden Netzwerke bilden dabei durch die Einbindung unterschiedlichster Akteure und die Umsetzung von EU-Initiativen regionale governance-Strukturen heraus. Allerdings führen diese Strukturen trotz formuliertem Anspruch nicht zu einer demokratischen (Interessens-) Vertretung. Zum anderen gehen mit dieser politischen Repräsentation Imaginationen einher, d.h. euregionale Politiker präsentieren Repräsentationen dessen, was sie vertreten und produzieren dadurch Vorstellungen vom zusammenwachsenden Grenzland. Diese Vorstellungen wiederum werden mit populärkulturellen Artefakten deutsch-niederländischer Begegnungsdiskurse konfrontiert. Denn für die lokale Bevölkerung weichen dominante Vorstellungen von der Region und ihren BewohnerInnen stark von denen der euregionalen Politiker ab. Unter Einbeziehung von Michel de Certeau's alltagspraktischen Überlegungen werden die hier wirksamen Formen von Repräsentation beispielhaft in ihrem gesellschaftlichen Zusammenwirken ergründet. Dadurch wird deutlich, dass Eurokraten die Region aus zu großer Distanz sehen, um das Alltagsleben der Grenzbevölkerung wahrzunehmen. Zugleich wird von eben dieser Bevölkerung auch die euregio nicht wahrgenommen - weder als Repräsentation, noch in Repräsentationen. Die Vorstellungen der Grenzbevölkerung basieren vielmehr auf banalen nationalen Stereotypisierungen (wie ,Frau Antje' und ,Derrick'), die die Wirkungen der Grenze im Alltag eher im Sinne einer Abgrenzung manifestiert, denn im Sinne einer Entgrenzung transformiert.

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Barbara Sutter
Kehrt zurück, Bürger! Paradoxien aktueller Konzeptionen von Zivilgesellschaft

Veränderungen, die unter dem Stichwort "Globalisierung" zusammengefasst werden, verunsichern den Einzelnen und erschüttern seinen Glauben in Gestaltungsoptionen durch Politik - so die Diagnose gegenwärtiger Analysen, die als Therapie eine "Rückkehr des Bürgers" (Kymlicka/Norman 1995) verschreiben.
Dabei scheint das Soziale als Ordnung kollektiver Verantwortung ausgedient zu haben. Vielmehr ist das Individuum als moralisches Subjekt gefordert, eigenverantwortlich seine Pflichten zu ordnen (Rose 2000). Bürger ist man nicht mehr qua Mitgliedschaftsregeln, sondern man wird zum Bürger, indem man Pflichten übernimmt. Das Soziale wird in einer veränderten Form zum Bezugspunkt: als kontinuierliche Herstellung gesellschaftlicher Kohäsion durch das Engagement der Bürger. Bürgerschaftliches Engagement wird zu einer politischen Tugend und zum Ansatzpunkt staatlicher Programme. So fordert etwa die Enquete-Kommission "Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements" des Deutschen Bundestags einen "neuen Gesellschaftsvertrag", ein neues Verhältnis von Staat, Individuum und Gesellschaft nach dem Leitbild einer Zivilgesellschaft, in der - im Sinne Tocquevilles - Werte wie Toleranz, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Vertrauen gebildet und verankert werden können. Eine solche Vision konkretisiert sich im Modell der Bürgerkommune. Es setzt auf die Förderung bürgerschaftlichen Engagements sowie auf neue Beteiligungsformen und damit auf die Lokalisierung von Politik als Gegenwicht zur Globalisierung.
Die erdrückende Größe globaler Organisationen und Systeme, so der Bericht der Enquete-Kommission, erzeuge beim Einzelnen ein Bedürfnis nach Eigeninitiative und Partizipation. Die Frage, wie sich bürgerschaftliches Engagement und Beteiligung fördern lassen, ohne Bürgersinn, Eigenaktivität und Eigensinn der Einzelnen zu untergraben, wird lediglich als Formproblem identifiziert. Demgegenüber werde ich in meinen Beitrag zeigen, dass sich es dabei jedoch um eine grundsätzliche Paradoxie einer spezifischen Form von Gouvernementalität handelt.

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Silke van Dyk
Im Konsens aus der Krise?  Zur sozialen Konstruktion von sozio-ökonomischen Notwendigkeiten in Sozialpartnerschaften

In den letzten Jahren sind in zahlreichen europäischen Ländern themen- und ressortübergreifende Dreieckskooperationen zwischen Staat, Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften entstanden. In Abgrenzung zu den neo-korporatistischen Arrangements der 70er Jahre wird für die aktuellen Kooperationen einhellig eine Hinwendung zum angebotstheoretischen Paradigma konstatiert. Kennzeichnend für die wissenschaftliche Debatte ist die Deutung Sozialer Pakte als pragmatischer, nicht-ideologischer Anpassungsprozeß an veränderte Rahmenbedingungen, der durch die 'richtige' Kombination von ökonomischen Notwendigkeiten und sozialen Erfordernissen den Interessen aller Beteiligten entspricht. Neben der Auflösung des strukturellen Gegensatzes von Interessen wird ein objektiv zu umreißendes Problem konzipiert und mit einer von allen geteilten, also konsensualen Lösungsstrategie verbunden. Sozialpartnerschaftliche Einigungsprozesse werden als vernunftgeleitete Anerkennung der Realitäten interpretiert. Die aktuelle Debatte über sozialpartnerschaftliche Lösungsstrategien ist damit durch ein Wissenschaftsverständnis geprägt, daß an einer kausalanalytisch orientierten, positivistischen und empiristischen Wissenschaftstradition anknüpft, ohne daß die in der theoretischen Entwicklung der Policy-Forschung an Bedeutung gewinnende Kategorie der politischen Wissensproduktion rezipiert wird. Die im Rahmen von interpretativ-verstehenden Ansätzen erfolgte Entkoppelung des Wissensbegriff vom Bezug auf die Wahrheit wird nicht nachvollzogen. Konstruktivistische Sichtweisen, die den Blick weg von exogen vorgegebenen Realitäten hin zu den Prozessen der Produktion von Problemen und Lösungen lenken bleiben der Analyse verschlossen. In Abgrenzung dazu zeige ich am Beispiel der Sozialpartnerschaften in Irland und den Niederlanden, daß der Prozeß der Konsensgenese nicht als Ausdruck von Vernunft und Verantwortung zu verstehen ist, sondern die machtbedingte Durchsetzung einer bestimmten Interpretation der Welt als ,wahr' und ,richtig' darstellt. Die kritische Analyse der Konsensgenese basiert wesentlich auf der prozessualen De-Essentialisierung annerkannter Grundannahmen und der Frage, durch welche Gewohnheiten sie akzeptabel und folglich konsensual wurden. Anhand der Gouvernementalitätstheorie von Foucault diskutiere ich, wie sich in diesem Prozeß die ,Fremdführung' und ,Selbstführung' der Subjekte verbinden. Die Ordnung des Kon-senses stellt sich somit als ,Ordnung des Wahren' (Foucault) dar, die zwar von allen Akteuren mitgestaltet wird, aufgrund der unterschiedlichen Machtressourcen aber nicht das Resultat eines von Herrschaftseffekten befreiten Prozesses ist. Jede Analyse, die diesen Zusammenhang von Konsens, Macht und Wahrheit aus blendet, arbeitet darin mit, Ergebnisse eines machtdurchdrungenen sozialen Regulierungsprozesses als universale Wahrheit zu etablieren.

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Dietmar J. Wetzel
Soziale Zerbrechlichkeit und Desintegration im "Empire": J.Rancières Denken des Politischen

Evoziert durch das von Hardt/Negri beschriebene "Empire" erscheint am Horizont des Politischen eine neue Teilung, die durch eine Differenzierung der Lebenswelten und eine radikale Zunahme sozialer Zerbrechlichkeit/Ungleichheiten besticht. Nach Jahrzehnten der ethisch-moralischen Lähmung, eine Art neue "bleierne Zeit", die den Neoliberalismus mehr gestützt als kritisiert hat, erzwingen die ökonomisch-sozialen Verwerfungen eine Reformulierung und Neubestimmung des Politischen. Zu prüfen wäre, inwiefern im Anschluss an die neueren Arbeiten Jacques Rancières (Aux bords du politique 1998, Das Unvernehmen 2002) ein solches Unterfangen gelingt. Für Rancière stellt das Politische keine Ordnung, keinen Grund dar. Die Politik kann dagegen als ein kontinuierlicher Zustand bzw. Eingriff (Polizei, Verwaltung), also auch im Sinne einer institutionellen Einrichtung, verstanden werden. Das Politische ereignet sich dabei immer nur im jeweils konkreten, historischen Fall (Praxis), der darüber zu entscheiden hat, was überhaupt das Gemeinsame ausmacht und wer in diesem Zusammenhang etwas zu sagen hat. Im Unterschied zur liberal-diskursethisch beeinflussten politischen Theorie ist Rancières Begriff des Politischen einer des Konflikts, der Unstimmigkeit. Dieser Auffassung folgend, erfordert politisches Handeln und Kommunizieren eine Verschränkung von Argument und Metapher, ihm eignet eine poetische Dimension. Hinzu tritt: Im politischen Konflikt bemühen sich mindestens zwei Parteien um die Herstellung einer gemeinsamen Situation und um deren Repräsentation(en). Genau dort, wo ein Teil der Menschen aus dieser Situation ausgeschlossen ist, erweist sich dieses Gemeinsame (Nancy) als zunehmend fragil, zumal unter globalisierten Bedingungen. Die Repräsentationsweisen sowie die Praxen des Politischen im Hinblick auf die soziale Zerbrechlichkeit und die Phänomene der Desintegration analytisch einer Dekonstruktion zu unterziehen, ist ein Ziel des Beitrages.

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Ersin Yildiz
Souveränität und Ausnahmezustand. Carl Schmitt und die Theorie globaler Politik

Es ist paradox, dass während die gegenwärtige globale politische Wirklichkeit im Sinne der liberalen Philosophie gestaltet wird, zugleich aber Liberalismus, der aus den Auseinandersetzungen des 20. Jahrhunderts als Sieger hervorgegangen ist, sich zunehmend als unfähig erweist, diese historische Situation in angemessener Tragweite zu erfassen. Es soll im folgenden Beitrag gezeigt werden, dass ausgerechnet der philosophische Feind des Liberalismus aus dem 20. Jahrhundert, Carl Schmitt, die gegenwärtigen Widersprüche eines normativen internationalen Rechts und die Frage nach der politischen Einheit belichten kann.

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